Boxkampf ohne Regeln: Samy Chaar über Wettbewerb in einer fragmentierten Weltwirtschaft

Boxkampf ohne Regeln: Samy Chaar über Wettbewerb in einer fragmentierten Weltwirtschaft

Kernpunkte.

  • Die Welt befindet sich im Umbruch. Die von engen Verflechtungen gekennzeichnete Weltordnung weicht einem fragmentierten System mit rivalisierenden Blöcken – und es gibt kein Zurück
  • Die Konfrontation zwischen den USA und China ist der prägende Konflikt unserer Zeit. Sie ist ein mehrere Jahrzehnte währender Wettstreit um wirtschaftliche, technologische und strategische Vorherrschaft, für den keine Regeln gelten
  • Die Fragmentierung ist der Antrieb für einen starken Investitionszyklus. Wirtschaftliche Sicherheit macht erhebliche Investitionsausgaben notwendig. Diese generieren Nachfrage, Gewinne und Marktrenditen
  • Technologie ist das wichtigste Schlachtfeld. Dort sind die USA in puncto Rechenleistung führend und China bei der Einführung. Handel, Energie und Öl sind weitere strategisch bedeutsame Bereiche
  • Anlegerinnen und Anleger sollten sich auf die Fundamentaldaten des Geschäftszyklus konzentrieren: Der Umfang der produktiven Investitionen, die Kapitalrenditen und die Beschäftigungstrends sind nach wie vor intakt. Die Ampeln stehen auf Grün.

Die Weltordnung befindet sich aktuell im Umbruch. Das ist nicht über Nacht geschehen, sondern hat sich seit Jahren abgezeichnet. Viele blieben bei ihrer selbstzufriedenen Haltung; doch inzwischen lässt sich dieser Wandel nicht mehr ignorieren. Samy Chaar, Chefökonom und CIO Switzerland bei Lombard Odier, sagt: „Wir haben uns an eine global verflochtene Welt gewöhnt. Doch jetzt beobachten wir eine Fragmentierung. Die Welt zerfällt in Blöcke. Die Weltkarte verändert sich.“ Die Frage für Anlegerinnen und Anleger lautet nicht mehr, ob diese Transformation geschieht, denn darüber besteht nun ein breiter Konsens. Es geht vielmehr darum, was dies für Märkte, Portfolios und den globalen Geschäftszyklus bedeutet.

Eine Analyse der neuen Weltordnung

Drei Jahrzehnte lang prägten enge Verflechtungen die Welt. China lieferte preisgünstige Waren. Russland und der Nahe Osten lieferten günstige Energie. Amerika sorgte für Sicherheit. Volkswirtschaften spezialisierten sich, die Handelsströme wuchsen um rund 6% pro Jahr,1 und das System funktionierte. Doch das änderte sich.

Wir haben uns an eine global verflochtene Welt gewöhnt. Doch jetzt beobachten wir eine Fragmentierung. Die Welt zerfällt in Blöcke. Die Weltkarte verändert sich

„Wir bewegen uns von einer Welt, die von Globalisierung geprägt war, zu einer immer stärker fragmentierten Welt“, erklärt Samy Chaar. „Für einige war das schwierig zu erkennen. Die Europäer taten sich schwer damit anzuerkennen, dass es die globalisierte Welt, von der sie so sehr profitiert hatten, nicht mehr gab.“

Die neue Weltkarte ist nach Ansicht von Samy Chaar in drei verschiedene Zonen unterteilt. Es gibt zwei rivalisierende Blöcke: Auf der einen Seite stehen die USA und ihre Partner, unter anderem Europa, Kanada, Australien und das Vereinigte Königreich. Auf der anderen Seite stehen China und seine strategischen Verbündeten, darunter Russland, Iran, Nordkorea sowie Teile Afrikas, Südostasiens und Lateinamerikas. Darüber hinaus gibt es eine dritte Gruppe von Ländern wie Indien, Indonesien und Brasilien, die flexibel mal mit dem einen, mal mit dem anderen Block zusammenarbeiten. „Man könnte sagen, dass es drei Blöcke gibt: zwei, die miteinander rivalisieren, und einen, der sich pragmatischer verhalten kann.“

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Samy Chaar betont, dass dies keine vorübergehende Störung ist. Ausgehend vom traditionellen Wechsel zwischen offenem und geschlossenem Zeitalter betrachtet er die aktuelle Fragmentierung als einen jahrzehntelangen Prozess. Dieser könnte aus seiner Sicht ähnlich lang andauern wie der Kalte Krieg. „Wir befinden uns seit vielleicht zehn Jahren in diesem Prozess“, sagt er. „Es liegen also bestimmt noch einige Jahrzehnte vor uns.“

Boxkampf ohne Regeln

Der Charakter der Auseinandersetzung zwischen den USA und China erinnert an einen Boxkampf. „Er geht über zwölf Runden“, so Samy Chaar. „Ich weiss nicht, ob wir uns in Runde eins, zwei oder drei befinden. Das Ende des Kampfes haben wir aber eindeutig noch nicht erreicht. Im Ring stehen sich zwei Schwergewichte gegenüber.“ Beide Gegner sind stark. Aber jeder hat auch seine Schwächen. Und vor allem will keiner der beiden aufgeben. Es gibt aber einen Grund, warum immer die USA im Ring stehen. Die USA sind nach Samy Chaars Worten die „dominante Weltmacht“ – im Energie- und Technologiebereich sowie auf militärischer Ebene. Und „die dominante Weltmacht will ihre Führungsposition sichern“ und gegenüber jedem Herausforderer verteidigen.

Er geht über zwölf Runden. Ich weiss nicht, ob wir uns in Runde eins, zwei oder drei befinden. Das Ende des Kampfes haben wir aber eindeutig noch nicht erreicht

Was diesen Kampf vom Zeitalter der Globalisierung unterscheidet, sind die fehlenden Regeln. Zuvor galten Beschränkungen für Volkswirtschaften: Die Industriepolitik unterlag Grenzen, Handelsregeln waren verbindlich, und was Samy Chaar als „Doping für die Wirtschaft“ bezeichnet, gab es nicht. Heute ist das anders. „Doping für die Wirtschaft ist wieder erlaubt“, sagt er. „Man kann die Industriepolitik zu eigenen Zwecken nutzen. Man kann Finanzierungsmittel bereitstellen. Man kann an der Zollschraube drehen. Man kann tun und lassen, was man will.“ Die Folge: Was immer die eine Seite unternimmt, wird die andere Seite nachmachen. Zurückhaltung ist in diesem Umfeld ein Wettbewerbsnachteil. „Wer an sauberen Sport glaubt, wird den Kampf verlieren.“

Daran ändert sich auch nichts, wenn die Regierung wechselt. Denn dies erfordert in den USA einen breiten politischen Konsens über die Parteigrenzen hinweg. Trump formalisierte den Konflikt mit China durch die Einführung von Zöllen im Jahr 2018. Biden behielt die Zölle bei und blieb bei einem harten Kurs. Durch Trumps Rückkehr ins Amt haben sich die Fronten nur noch weiter verhärtet. „China ist möglicherweise der einzige Punkt, bei dem Einigkeit zwischen Demokraten und Republikanern besteht“, bemerkt Samy Chaar. Der Kampf geht weiter – unabhängig davon, wer im Weissen Haus sitzt.

Schockzustände sind die neue Normalität – aber gut fürs Geschäft

Die heutige Zeit ist von einem vermeintlichen Widerspruch gekennzeichnet, der viele Beobachterinnen und Beobachter verwirrt: Warum bewegen sich die Märkte in einer Welt, die zunehmend instabil erscheint, auf oder im Bereich von Allzeithochs? Für Samy Chaar ist die Antwort darin zu finden, was er als wirtschaftlichen Sicherheitszyklus bezeichnet.

Die Entwicklung weg von engen Verflechtungen hin zu wirtschaftlicher Sicherheit erfordert hohe Investitionen. Was strategisch wichtig ist, lässt sich nicht kostenfrei sichern. Man muss dafür bezahlen

Wenn sich die Verflechtungen auflösen, muss jedes Land selbst sichern, was zuvor andere bereitstellten: Energie, Verteidigung, Technologie, Infrastruktur. „Die Entwicklung weg von engen Verflechtungen hin zu wirtschaftlicher Sicherheit erfordert hohe Investitionen“, erklärt Samy Chaar. „Was strategisch wichtig ist, lässt sich nicht kostenfrei sichern. Man muss dafür bezahlen.“ Dies geschieht in Form von Investitionsausgaben, die für Nachfrage sorgen, die Auftragsbücher von Unternehmen füllen und letztendlich die Gewinne steigern. „Für die Bürgerinnen und Bürger ist dies keine besonders gute Zeit“, räumt er ein. „Für die Wirtschaft ist das aufgrund der hohen Investitionen aber gar nicht so schlecht.“

Der Zyklus hat bereits schwere Schocks überstanden. Dazu zählen beispielsweise die Covid-Pandemie, der Ölschock durch den Russland-Ukraine-Krieg, der Zollschock und der zweite Ölschock durch den Konflikt im Nahen Osten. Trotzdem war der Zyklus die ganze Zeit über robust. „Dieser Investitionszyklus ist noch immer stark genug, um all die negativen Faktoren zu kompensieren“, sagt er.

Die Frage lautet daher, ob diese Resilienz von Dauer sein kann. Um dies zu beurteilen, sollten Anlegerinnen und Anleger drei Signale genau verfolgen: den Umfang neuer produktiver Investitionen, die Kapitalrenditen sowie die Beschäftigungs- und Konsumtrends. Alle drei bewegen sich weiterhin auf gesunden Niveaus. „So weit, so gut, würde ich sagen. Es sind keine Alarmsignale zu erkennen.“

Die strategischen Schlachtfelder: Handel, Technologie, Energie

Unterhalb der makroökonomischen Ebene spielt sich der Kampf in drei spezifischen Bereichen ab.

Der Handel verändert sich, ist aber nicht am Ende. Zwischen den Blöcken nimmt der Handel ab, innerhalb der einzelnen Blöcke bleibt er jedoch robust. Samy Chaar bemerkt, dass sogar zwischen den USA und China ein gewisser Austausch wahrscheinlich ist. Seltene Erden fliessen in die eine Richtung, fortschrittliche Halbleiter möglicherweise in die andere. Doch die Ära des grenzenlosen Welthandels, der so schnell zunimmt wie in der Vergangenheit, ist vorbei. „Im kommenden Jahrzehnt wird wahrscheinlich nur die Hälfte oder ein Drittel davon zu verzeichnen sein“, sagt er.

Technologie steht in der Tat im Zentrum des Konflikts zwischen China und den USA

Im Technologiebereich ist die Auseinandersetzung am schärfsten. „Technologie steht in der Tat im Zentrum des Konflikts zwischen China und den USA“, meint Samy Chaar. Er zieht eine direkte Parallele zum Wettlauf ins All zwischen den USA und der Sowjetunion. China ist bei der Einführung führend, also bei der Fähigkeit zur Nutzung und Skalierung von Technologie in der gesamten industriellen Basis. Die USA liegen indes bei der Rechenleistung vorn, denn sie produzieren Chips, die denen aus China deutlich überlegen sind. „Bereiche wie Robotik und künstliche Intelligenz werden grosse Mengen davon benötigen“, fährt er fort. Für Anlegerinnen und Anleger sind die Investitionen – beider Seiten – in dieses technologische Rennen einer der beständigsten Treiber für den aktuellen Zyklus.

Der Energiesektor befindet sich unterdessen an der Schnittstelle zwischen Ökonomie und Strategie. Öl bleibt entscheidend, auch wenn es an relativer Bedeutung verliert. Die Strasse von Hormuz ist ein wichtiger Krisenherd. Für tiefgreifendere Veränderungen sorgt jedoch die zügige Zunahme der Investitionen in Alternativen wie Atomkraft, Solarenergie und erneuerbare Energien. Auf diese Weise versuchen Länder, sich gegen die geopolitischen Risiken abzuschirmen, die mit der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen einhergehen. Japan baut aktuell sechs neue Kernkraftwerke; China investiert massiv in Solarenergie und Atomkraft. Europa muss sich hingegen erst noch zu einem koordinierten Vorgehen durchringen. Samy Chaar hofft aber, dass sich dies bald ändert. „Beim Thema Energie geht es um Öl, aber natürlich nicht nur“, sagt Samy Chaar abschliessend.

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Die Ampel steht immer noch auf Grün

In einer fragmentierten Welt folgt die Logik beim Investieren der Logik in Bezug auf die Sicherheit. Kapital fliesst dorthin, wo die wirtschaftliche Transformation am weitesten fortgeschritten ist – und die Anlegerinnen und Anleger sollten ihm folgen.

Die USA sind in diesem Zyklus führend, mit beträchtlichen Investitionen in die Bereiche Energie (Schieferöl-Boom) und Technologie (CHIPS Act, Inflation Reduction Act). Asiatische Länder, darunter Taiwan, Korea, Japan und China, spielen ebenfalls eine wichtige Rolle, vor allem im Technologiebereich. Europa hat den Anschluss zwar etwas verloren, Samy Chaar warnt aber davor, den Kontinent gänzlich abzuschreiben. Deutschland hat das Grundgesetz bereits geändert, um höhere Verteidigungs- und Energieausgaben zu ermöglichen. „Sich vollständig von Europa abzuwenden, wäre ein sehr hartes Urteil“, sagt er. „Europa ist spät dran, aber noch nicht aus dem Rennen.“

Die übergeordnete Botschaft lautet, massvoll optimistisch zu sein. Der Geschäftszyklus ist trotz der Unruhe und Turbulenzen noch immer in einer guten Verfassung. Die Investitionen steigen schneller als in der Vergangenheit. Die Finanzierungsniveaus sind angemessen. Die Gewinne entwickeln sich gut. Das Fazit für Anlegerinnen und Anleger lautet daher: dort bleiben, wohin die Investitionen fliessen, und kurzfristige Unruhe nicht mit einer Veränderung des zugrunde liegenden Zyklus verwechseln. „Wir haben noch immer grünes Licht – blass grün, aber dennoch grün – um voll investiert zu bleiben“, erklärt Samy Chaar.

Die Weltkarte wird aktuell neu gezeichnet. Für alle, die sich richtig positioniert haben, ist das nicht nur eine Herausforderung, sondern auch eine Chance. Um mit Samy Chaars Worten zu sprechen: „Es gibt kein Zurück.“

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.

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