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Die Wiederöffnung der Strasse von Hormuz verläuft weitgehend wie erwartet. Die Sorgen des Markts gelten nun einem bevorstehenden Ölüberangebot
Während das Ölangebot mit der Rückkehr von Produktionskapazitäten die Nachfrage voraussichtlich übersteigen wird, dürfte der Wiederaufbau der strategischen Reserven den Ölpreis stützen
Die Ölnachfrage ist elastischer als bislang angenommen. Die Instrumentalisierung der Strasse von Hormuz durch Iran wird die weltweiten Bemühungen zur Diversifizierung der Versorgung beschleunigen. Zugleich könnte eine schwächere OPEC in den kommenden Jahren zu einem volatileren Ölpreis führen
Für Energieunternehmen ist die Gelegenheit, von höheren Preisen zu profitieren, von kurzer Dauer.
Während sich die Aufmerksamkeit auf die Strasse von Hormuz richtet, könnte Chinas Nachfrage nach Rohöl in diesem Sommer für den Ölpreis entscheidend sein. Wir betrachten die Veränderungen, die der Nahostkonflikt am Energiemarkt hervorgerufen hat, und analysieren die potenzielle künftige Preisdynamik.
Zwei Wochen nach der Absichtserklärung zwischen den USA und Iran notiert der Preis für Brent-Rohöl etwas über USD 70 pro Barrel und damit fast auf Vorkriegsniveau. Die Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz verläuft weitgehend im Rahmen unserer Erwartungen. Die früheren Lieferströme kehren allmählich zurück. Zuvor festgesetzte Schiffe verlassen die Wasserstrasse, wobei die Minenräumung in den Hauptkanälen noch mehrere Wochen dauern könnte. Gleiches gilt für die Rückkehr des Tankerverkehrs auf das Vorkriegsniveau.
Zu erwähnen ist, dass ohne schwere strukturelle Schäden an der Ölinfrastruktur viele Produzenten in der Region die Förderung rasch wieder aufnehmen können. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) verfügten vor dem Konflikt zusammen über freie Förderkapazitäten von 2 bis 3 Millionen Barrel pro Tag. Wir erwarten, dass sie die Produktion in wenigen Wochen hochfahren, sobald zusätzliche Tankerkapazitäten verfügbar sind. Des Weiteren rechnen wir mit der Rückkehr iranischer und irakischer Lieferungen in den kommenden Monaten.
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Zurück zu einem Ölüberangebot?
Nach befürchteten Engpässen auf dem Höhepunkt der Spannungen im Nahen Osten macht sich der Markt nun Sorgen über ein bevorstehendes Ölüberangebot. Vor Beginn des Konflikts im Februar verzeichnete der globale Ölmarkt einen Überschuss. Jetzt droht eine rasche Rückkehr der Produktion mit einer schwächeren Nachfrage zusammenzutreffen, da die Länder Wege gefunden haben, ihre Abhängigkeit vom Öl zu verringern.
Nach befürchteten Engpässen auf dem Höhepunkt der Spannungen im Nahen Osten macht sich der Markt nun Sorgen über ein bevorstehendes Ölüberangebot
Doch wir gehen davon aus, dass die Realität nuancierter sein könnte. In den kommenden Monaten wird insbesondere Chinas Verhalten entscheidend sein. Während des Konflikts verringerte die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt ihre Ölimporte um rund 5 Millionen Barrel pro Tag. Die wirtschaftliche Aktivität verlangsamte sich im April und Mai deutlich.
China baute in den Monaten und Jahren vor dem Konflikt Ölvorräte auf. Es dürfte auf Anpassungen beim Verbrauch sowie auf Exportkontrollen für Erdöl gesetzt haben, um dieses Polster gegen geopolitische Risiken aufrechtzuerhalten. Während zu den Ölreserven der USA viele Daten verfügbar sind, ist die Datenlage zu den chinesischen Reserven begrenzt.
Die kurzfristige Ölpreisentwicklung ist jetzt weniger von den Mechanismen einer offenen Strasse von Hormuz abhängig als vielmehr von der chinesischen Nachfrage. Sollte China bei den aktuellen oder höheren Preisniveaus beginnen, seine Importe hochzufahren, würde dies darauf hinweisen, dass die Wirtschaft ihre Lagerbestände wieder auffüllen muss. Das könnte den Ölpreis in den kommenden Monaten auf deutlich über USD 80 pro Barrel treiben. Bleibt China dem Markt hingegen fern, werden Händler daraus schliessen, dass die Flexibilität der chinesischen Nachfrage real ist. In diesem Fall könnte der Ölpreis vom aktuellen Niveau aus weiter nachgeben.
Die kurzfristige Ölpreisentwicklung ist jetzt weniger von den Mechanismen einer offenen Strasse von Hormuz abhängig als vielmehr von der chinesischen Nachfrage
Elastischere Ölnachfrage
Die längerfristigen Folgen des Konflikts für die Energiemärkte werden tiefgreifend sein. Die erste und wichtigste Erkenntnis ist, dass die Ölnachfrage deutlich elastischer ist als bislang angenommen. Dabei ist zu erwähnen, dass ein grosser Teil dieses Energieschocks aufgefangen wurde, da die grossen Industrieländer auf umfangreiche Ölreserven zurückgreifen konnten. Der rasche Abbau der US-Reserven unmittelbar vor Beginn der Reisesaison im Land dürfte den Anreiz erhöht haben, eine Einigung mit Iran zu erzielen.
Hinzu kommt, dass Haushalte und Unternehmen Flexibilität bewiesen: etwa durch den Wechsel auf andere Transportmittel, mehr Homeoffice oder in einigen Schwellenländern durch die Nutzung von elektrischen Öfen statt Ölöfen. Der Schiffs- und Flugverkehr verlangsamte sich weltweit. Die petrochemische Industrie stellte in der Kunststoffproduktion teilweise von Öl auf Erdgas um, was durch aktuelle Überkapazitäten in der Chemiebranche begünstigt wurde. Wir haben berechnet, dass der Konflikt die globale Ölnachfrage um etwa 5% verringert haben könnte. Dieser Rückgang dürfte nicht in vollem Umfang wieder aufgeholt werden. Auch bei der Preisgestaltung zeigt sich eine gewisse Flexibilität. Saudi-Arabien hat diese Woche seinen offiziellen Verkaufspreis so stark gesenkt wie seit sechs Jahren nicht mehr. Damit hat Saudi Aramco, das weltweit grösste Ölunternehmen, die zu Beginn des Konflikts vorgenommene Preiserhöhung rückgängig gemacht. Es bietet sein Rohöl nun mit einem leichten Abschlag gegenüber den internationalen Referenzpreisen an.
Die Ölnachfrage ist deutlich elastischer als bislang angenommen
Die zweite, damit zusammenhängende Erkenntnis ist, dass ein bedeutender Schock nötig sein könnte, um den Preis für Brent-Rohöl auf über USD 100 pro Barrel zu treiben. Vor dem Konflikt hätten Ökonomen in ihren Modellen möglicherweise angenommen, dass bei einem schweren Energieschock der Ölpreis auf USD 150 pro Barrel oder höher steigt. Doch obwohl die Internationale Energieagentur warnte, der Konflikt löse die „grösste Energiekrise der Geschichte“ aus, blieben die makroökonomischen Auswirkungen bislang beherrschbar. Dies stützt unsere Prognose eines durchschnittlichen Ölpreises von USD 90 pro Barrel für die sechs Monate seit Beginn des Konflikts. Zudem untermauert dies unsere Erwartung, dass die Folgen für das Wachstum und die Kerninflation in den wichtigsten Volkswirtschaften begrenzt bleiben.
Die dritte Erkenntnis ist, dass Irans Nutzung der Strasse von Hormuz als wirtschaftliche Waffe die weltweiten Bemühungen beschleunigen wird, die Abhängigkeit von dieser Route zu verringern. Das Risiko iranischer Angriffe, Transitbeschränkungen oder Abgaben für die Durchfahrt mag zu einem aktuellen Aufschlag auf dem globalen Ölpreis von einigen US-Dollar geführt haben. Doch wie Russland seit 2022 erfahren hat, verliert die Instrumentalisierung von Energielieferungen mit der Zeit an Wirkung; dies zeigt die Reduktion von Erdgaslieferungen via Pipeline nach Europa.
Weltweit wird die Bedrohungslage an der Strasse von Hormuz Länder dazu veranlassen, mehr in Energiesicherheit, alternative Bezugsquellen und erneuerbare Energie zu investieren. Während des Konflikts erhöhte Saudi-Arabien die Transfers durch seine Ost-West-Pipeline bis an die Kapazitätsgrenze. Die VAE transportieren über ihre Umgehungsroute via Fujairah mehr als die eigentliche Maximalkapazität und wollen von Hormuz gänzlich unabhängig werden. Dies wird erhebliche Infrastrukturinvestitionen erfordern. Der höhere Ölpreis hat andere Produzenten – insbesondere in der US-Schieferölindustrie sowie in Argentinien und Brasilien – veranlasst, ihre Förderung zu maximieren, wobei ihre kurzfristige Flexibilität begrenzt ist.
OPEC verliert an Einfluss
Der Konflikt zeugt auch vom weiter schwindenden Einfluss der Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC). Dies könnte die Preisvolatilität erhöhen. Der Austritt der VAE aus der OPEC am 1. Mai 2026 könnte das globale Ölangebot kurzfristig um 1% und bis 2030 um weitere 1% bis 2% steigern. Irak drängt die OPEC jetzt, die eigenen Förderquoten anzuheben. Eine schwächere OPEC reduziert den Anreiz für Saudi-Arabien, das Angebot zu begrenzen, und die Produzenten könnten versucht sein, Preiskämpfe zur Sicherung von Marktanteilen zu führen. Zugleich steigt das Ölangebot ausserhalb der OPEC rasch, mit neuen Projekten in den USA, Guyana und Brasilien.
Der Konflikt zeugt vom weiter schwindenden Einfluss der OPEC. Dies könnte die Preisvolatilität erhöhen
Doch ebenso wie der Ölpreis während des Konflikts die schlimmsten Prognosen nicht bestätigte, sehen wir derzeit keinen unmittelbaren Grund für einen starken Preisrückgang. Während des Kriegs wurden nach unserer Schätzung täglich rund 5 Millionen Barrel aus den Lagerbeständen der OECD-Länder entnommen; dies entspricht etwa 5% des globalen Ölangebots. Es wird Jahre dauern, diese Reserven wieder aufzufüllen, was den Ölpreis strukturell unterstützt.
Für Energieunternehmen ist die Gelegenheit, von höheren Preisen zu profitieren, von kurzer Dauer. Die Bewertungen grosser Öl- und Gasunternehmen legten während des Konflikts nicht wesentlich zu, weil Anlegerinnen und Anleger die höheren Gewinne als vorübergehend einstuften. Da der Ölpreis nun offenbar unter rund USD 100 pro Barrel gedeckelt ist, scheint das weitere Aufwärtspotenzial begrenzt. Wir erkennen selektive Chancen bei Ölfelddienstleistern, die durch den Nahostkonflikt entstandene Schäden beheben, während strukturelle Kapazitätsrückgänge und ukrainische Angriffe auf russische Raffinerien die Margen im Raffineriesektor stützen. Angesichts der Rückkehr von Förderkapazitäten und einer Preisnormalisierung sehen wir jedoch attraktivere Chancen in Aktien des Finanzsektors, von Versorgern und des Gesundheitswesens.
Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.
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