Ein sich wandelndes Klima, El Niño und die Anpassungswirtschaft

Sophie Chardon - Head of Sustainable Investments, Private Bank
Sophie Chardon
Head of Sustainable Investments, Private Bank
Homin Lee - Senior Macro Strategist
Homin Lee
Senior Macro Strategist
Ein sich wandelndes Klima, El Niño und die Anpassungswirtschaft

Kernpunkte.

  • Die Hitzewellen in Europa zeigen, dass physische Klimarisiken bereits heute Kernsysteme der Wirtschaft stören – vom Verkehrs- und Energiesektor bis hin zu industriellen Lieferketten
  • Die Klimavolatilität wird zu einem globalen Phänomen. Wiederkehrende Ereignisse wie El Niño entwickeln eine aussergewöhnliche Stärke und Frequenz. So kommt es in vielen Regionen häufiger zu heftigeren Extremwetterereignissen, die makroökonomische Auswirkungen haben können
  • Inzwischen hat ein Übergang von der Beurteilung des Klimarisikos zur Bewertung der Vorbereitung eingesetzt. Neben der Offenlegung der Risiken konzentrieren sich Unternehmen auf aktive Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien
  • Für Anleger schafft die entstehende „Anpassungswirtschaft“ Chancen. Sie ermöglicht die Unterscheidung zwischen operationell widerstandsfähigen und strategisch flexiblen Unternehmen einerseits und Firmen, denen diese Eigenschaften fehlen, andererseits. 

Durch die Hitzewelle in Europa ist der Wasserstand des Rheins, des zweitgrössten Flusses des Kontinents, gesunken. Schiffe, die Rohstoffe, Treibstoff und Waren transportieren, haben deshalb ihre Fracht um bis zur Hälfte reduziert. Französische Kernkraftwerke haben die Produktion gedrosselt, weil das Flusswasser zu warm war, um die Reaktoren zu kühlen. In Deutschland wurde der Zugverkehr wegen Gleisverwerfungen eingeschränkt. Bei solchen Ereignissen scheint es sich zwar um lokal begrenzte Störungen zu handeln. Doch sie verdeutlichen, dass der Klimawandel zu einem wirtschaftlichen Risiko geworden ist, das Unternehmen zur Anpassung zwingt und Anlegerinnen und Anleger veranlasst, neue Fragen zu stellen.

Auf globaler Ebene erwartet die Weltorganisation für Meteorologie ein stärker werdendes El-Niño-Ereignis in den kommenden Monaten. Durch dieses Wetterphänomen im Pazifik steigt die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen, Dürren oder Regenfällen in Subsahara-Afrika, Asien, Ozeanien und Lateinamerika. Es war zwar nicht der unmittelbare Auslöser der jüngsten Hitzewellen in Europa. Aber es verstärkt im Hintergrund die globale Tendenz zur Erwärmung und macht Extremwetterlagen wahrscheinlicher. Daher sollte es nicht als isoliertes Wetterereignis betrachtet werden. Vielmehr sind derartige Wetterphänomene ein Hinweis darauf, wie eine wärmere, instabilere Welt zunehmend Volkswirtschaften, Unternehmen und Anleger betrifft.

Die makroökonomischen Auswirkungen des Wetterphänomens El Niño lassen sich nur schwer quantifizieren und voraussagen. Aber sie haben Einfluss auf alle Bereiche der Wirtschaft – von der Pflanzenproduktion und den Lebensmittelpreisen über Stromerzeugung durch Wasserkraft bis hin zur Nachfrage. Wir gehen davon aus, dass die grössten Auswirkungen die Pflanzenproduktion betreffen könnten, insbesondere bei Weizen, Mais, Reis und Sojabohnen. Damit verbunden ist das Risiko von Ernteausfällen sowie Unterbrechungen der Energieversorgung in vielen Schwellenländern. Da dieses Wetterereignis mit einem bedeutenden angebotsseitigen Schock bei Stickstoffdüngemitteln aus dem Nahen Osten einhergeht, werden die wirtschaftlichen Bedingungen der Getreideproduktion im weiteren Jahresverlauf aussergewöhnlich fragil sein. Die landwirtschaftliche Produktion, die Preisinflation bei Nahrungsmitteln und die Geldpolitik werden in Indien und Südostasien besonders anfällig sein.

Die Erderwärmung erhöht damit die langfristigen physischen Klimarisiken. Dies hat Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Sicherheit in Bereichen wie Energieerzeugung und Mobilität sowie natürliche Ressourcen und Lebensmittelproduktion. Klimastörungen legen Defizite in Wirtschaftssystemen offen, die auf Umweltveränderungen nicht mehr optimal reagieren. Das Klimarisiko ist daher mehr als nur ein Thema für Nachhaltigkeitsexperten. Es dürfte sich zu einer Kernfrage im Zusammenhang mit den Investitionsausgaben von Unternehmen entwickeln und sich auf alle Bereiche auswirken, vom Beschaffungsmanagement bis hin zur strategischen Planung.

Anleger interessierten sich tendenziell dafür, welche Unternehmen dem Klimawandel ausgesetzt sind. Die entscheidendere Frage lautet jedoch, welche Unternehmen auf den Klimawandel vorbereitet sind

Bis vor Kurzem haben die Märkte Narrative des Wandels – Unternehmen mit bezahlbaren, skalierbaren Lösungen für Nachhaltigkeitsfragen – schneller eingepreist als die grundlegende Widerstandsfähigkeit einzelner Unternehmen gegenüber physischen Schocks. Denn die Anleger interessierten sich tendenziell dafür, welche Unternehmen dem Klimawandel ausgesetzt sind. Inzwischen lautet die entscheidendere Frage jedoch vermehrt, welche Unternehmen auf den Klimawandel vorbereitet sind, da sich extreme Wetterereignisse weltweit immer häufiger auf Gewinne, Margen und Bewertungen auswirken.

Unternehmen gehen mehr und mehr von einer passiven Offenlegung zu einer aktiven Steuerung der Risiken über. Die Offenlegung ist nach wie vor ein wichtiger Ansatzpunkt, um in manchen Regionen die Abmilderung des Klimarisikos voranzutreiben. Sie lenkt die Kapitalallokation von Anlegern mit nachhaltigkeitsbezogenen Interessen und/oder Verpflichtungen. Doch Umweltbelastungen erfordern Anpassungsmassnahmen, um die Widerstandsfähigkeit sicherzustellen.

„Abmilderung“ bedeutet, die Ursachen des Klimawandels anzugehen, während „Anpassung“ die bereits allgegenwärtigen Folgen betrifft. Anleger müssen beide Aspekte berücksichtigen.

Einige Unternehmen führen bereits Bewertungen von Standorten, Lieferanten und wichtigen Inputfaktoren durch. Die Erkenntnisse dienen dazu, die betrieblichen Abläufe und Anlageentscheidungen anzupassen. Unternehmen, die Schwachstellen frühzeitig entdecken und ihre Lieferketten anpassen, bevor Störungen auftreten, können Herausforderungen besser angehen als Firmen, deren Nachhaltigkeitsverpflichtungen sich auf die nachträgliche Offenlegung von Risiken beschränken.

Vorbereitung rückt in den Fokus

Die zweite erkennbare Veränderung ist der Übergang der Unternehmen von der alleinigen Abmilderung zur Anpassung an Klimarisiken. Da die Abmilderung bislang nur schleppend vorangekommen ist, dürften physische Risiken dominieren, und Anpassungsmassnahmen werden in den Vordergrund rücken. Unternehmen werden dabei zwischen den Kosten des Handelns und den Kosten der Untätigkeit abwägen, indem sie einschätzen, ob sich Massnahmen lohnen.

Das Risiko zeigt, wo die Gefahren liegen, und am Stand der Vorbereitung lässt sich ablesen, wer am besten positioniert ist, um die Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen

Laut Schätzungen der Rückversicherungsgesellschaft Munich Re stiegen die Schäden durch globale Naturkatastrophen 2025 auf USD 232 Mrd. und 2024 auf USD 384 Mrd. Die durchschnittlichen Schäden sind in den letzten zehn Jahren im Vergleich zum vorangegangenen Jahrzehnt um mehr als 60% gestiegen. Für viele scheint daher eine Zunahme der Versicherungskosten wahrscheinlich.

Die dritte Veränderung betrifft die Art und Weise, wie Anleger Unternehmen beurteilen. Hier liegt der Fokus sowohl auf den Klimarisiken eines Unternehmens als auch auf dessen Fortschritten bei der Vorbereitung. Das Risiko zeigt, wo die Gefahren liegen, und am Stand der Vorbereitung lässt sich ablesen, wer am besten positioniert ist, um die Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Unternehmen sind eher in der Lage, ihre Rentabilität zu sichern, wenn sie diversifiziert sind und über ein flexibles Beschaffungssystem sowie eine robuste Wasserbewirtschaftung verfügen. Ein weiterer Faktor ist ihre Fähigkeit, höhere Kosten weiterzugeben, ohne dass die Nachfrage sinkt.

Eine Kombination aus traditioneller Finanzanalyse und Nachhaltigkeitsresearch kann nützliche Einblicke vermitteln. Auch wenn zwei Unternehmen mit ähnlichen theoretischen physischen Klimarisiken konfrontiert sind, können die Ergebnisse unterschiedlich ausfallen. Dies ist der Fall, wenn eines der Unternehmen über die entsprechende Planung, Lieferantenbeziehungen und Infrastruktur verfügt, um die Vorbereitung zu einem Wettbewerbsvorteil zu machen. In der Vergangenheit belohnten Anleger Unternehmen mit starken Bilanzen und grösserer Preissetzungsmacht. Heute könnte die Vorbereitung auf Klimarisiken mehr und mehr für einen Bewertungsunterschied sorgen, etwa in Form einer „Klimaprämie“ für vorbereitete Unternehmen. Unsere Nachhaltigkeitsbeurteilung von Unternehmen soll dieser ganzheitlichen Betrachtung Rechnung tragen. Sie beurteilt daher nicht nur, wo ein Unternehmen seine Gewinne erzielt, sondern auch, wie es positioniert ist und ob es allgemein einen Beitrag zu nachhaltigen Ergebnissen leistet.

Anpassung als Anlagethema

Die Anpassung ist daher die nächste Stufe des nachhaltigen Investierens. Anpassungen, um die Infrastruktur unserer Volkswirtschaften widerstandsfähiger zu machen, können die Produktivität und die Ressourceneffizienz steigern und schaffen Wertpotenzial. Dies eröffnet Chancen an öffentlichen und privaten Märkten.

Dabei steht Wasser im Mittelpunkt. Wasser zählt zu den strategisch bedeutendsten und zugleich am meisten unterschätzten wirtschaftlichen Inputfaktoren und hat Auswirkungen auf Landwirtschaft, Industrie, Bergbau, Energieerzeugung und Logistik. Die fallenden Wasserstände belegen dies: Heissere Wetterbedingungen und unregelmässigere Regenfälle stören nicht nur die Lebensmittelerzeugung und den Transportsektor. Sie sind zum Beispiel auch problematisch im Hinblick auf den Energiebedarf von Rechenzentren und die Energieerzeugung in Kernkraftwerken: Beide sind auf Kühlwasser angewiesen.

Der Markt für Wasseraufbereitung, -recycling und -überwachung, Leckageortung, Speicherung und Verteilung wird wachsen, da die Folgen der Knappheit für die Wirtschaft immer offensichtlicher werden. In der Landwirtschaft verbessern Praktiken wie die Agroforstwirtschaft, bodenbedeckende Kulturen und Direktsaatverfahren die Böden, indem Feuchtigkeit für Trockenphasen zurückbehalten wird. So lassen sich verlässlich Erträge erzielen.

Die Anpassungswirtschaft wird eine fundamentale Komponente der Klimawende sein

Klimaintelligenz stellt eine weitere Anlagechance dar. Unternehmen, die ausführlichere Beurteilungen der physischen Risiken benötigen, sind auch auf bessere Daten-, Modellierungs- und Planungstools angewiesen. Gleiches gilt für die Szenarioanalyse zur Beurteilung, wie das veränderte Klima die Geschäftsperformance und Investitionen beeinflusst. Damit steigt die Nachfrage nach Dienstleistungen von technischen und Umwelt-Beratungsfirmen, Klimaanalytikern und Resilienz-Experten.

Klimaresilienz bezieht sich nicht nur auf die physische Infrastruktur, sondern zunehmend auch auf die Widerstandsfähigkeit der Gesundheitssysteme und des Humankapitals. Die jüngsten Hitzewellen in Europa haben zu höheren Sterblichkeitsraten geführt, die Notaufnahmen der Spitäler belastet und die Gesundheitskosten in die Höhe getrieben. Zugleich sank die Produktivität in Sektoren wie Bauwesen, Transport und Landwirtschaft, deren Tätigkeiten im Freien stattfinden. Veränderungen der Temperaturen und Niederschlagsmuster können zudem die Verbreitung von durch Vektoren und Wasser übertragenen Krankheiten verändern. Dadurch geraten die Gesundheitssysteme noch stärker unter Druck.

In einer wärmeren und instabileren Welt wird Widerstandsfähigkeit immer wichtiger und stellt einen Differenzierungsfaktor dar. Anleger werden beurteilen müssen, welche Unternehmen, Vermögenswerte und Geschäftsmodelle wirklich auf die Klimaveränderungen vorbereitet sind. Dafür sind sie auf ausgefeiltere, langfristig ausgerichtete Analysen angewiesen. Angesichts der Folgen für die Kapitalallokation und die Anlagechancen wird die Anpassungswirtschaft unseres Erachtens eine fundamentale Komponente der Klimawende sein. In vielen Fällen lautet die Frage nicht mehr, was die Anpassung kostet, sondern ob Untätigkeit teurer ist.

CIO Office Viewpoint

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