US-Iran-Abkommen markiert neue geopolitische Linie

US-Iran-Abkommen markiert neue geopolitische Linie

Kernpunkte.

  • Das US-Iran-Abkommen bestätigt unser Szenario einer Deeskalation. Die Bedingungen und die zeitliche Abfolge sind äusserst vorteilhaft für Iran. Auch China geht gestärkt hervor. Die Auswirkungen für die USA und Israel hängen von der nächsten Verhandlungsrunde ab
  • Viele Golfstaaten dürften nun vermehrt auf multilaterale internationale Beziehungen setzen und stärker in Verteidigung, den Schutz kritischer Energieinfrastruktur sowie in Alternativen zur Strasse von Hormuz investieren
  • Der Einfluss, den Iran mit der Schliessung von Hormuz geltend gemacht hat, wird sich mit der Zeit von allein abschwächen
  • Wir bleiben bei unserer Ölpreisprognose sowie unserer Einschätzung eines robusten globalen Wachstums und erwarten geringe Auswirkungen auf die Kerninflation der Industrieländer.

Trotz vieler ungelöster Herausforderungen bestätigt das US-Iran-Abkommen unser Szenario einer Deeskalation des Konflikts. Das Abkommen hat weitreichende regionale, geopolitische und finanzielle Folgen sowie Auswirkungen auf den Ölmarkt.

Laut der am 17. Juni von den USA und Iran unterzeichneten Absichtserklärung stellen beide Seiten die Feindseligkeiten ein. Sie öffnen zudem die Strasse von Hormuz und nehmen 60‑tägige Verhandlungen über ein endgültiges Abkommen auf. Wie die jüngsten Spannungen zeigen, bleiben viele wichtige Fragen offen. Dies gilt insbesondere für Irans Bestände an angereichertem Uran. Dennoch ist die Absichtserklärung ein wichtiger diplomatischer Durchbruch.

Die Absichtserklärung bestätigt unser makroökonomisches Basisszenario einer Deeskalation des Konflikts. Die USA haben begonnen, ihre Seeblockade zu beenden. Iran hat erklärt, sein „Bestes“ zu tun, um die sichere kommerzielle Durchfahrt durch die Strasse von Hormuz wieder zu ermöglichen. Das Land hat zudem in Aussicht gestellt, für mindestens die nächsten 60 Tage keine Gebühren zu erheben. Die USA haben eine Aussetzung der Sanktionen für den Export von iranischem Rohöl und zugehörige Dienstleistungen – einschliesslich Bankwesen, Versicherungen und Transport – ausgesprochen. Des Weiteren geben sie eingefrorene iranische Gelder mit der Umsetzung des Abkommens frei, wobei derzeit über das Vorgehen diskutiert wird.

Ein endgültiges Abkommen, das innerhalb von 60 Tagen ausgehandelt werden soll (Verlängerung im gegenseitigen Einvernehmen möglich), wird den Zeitplan für Folgendes regeln: die dauerhafte Beendigung der Sanktionen, den Mechanismus für einen Wiederaufbauplan und wirtschaftliche Entwicklung im Umfang von mindestens USD 300 Mrd. sowie die Nuklearfrage. Bei Letzterer geht es um die Zukunft der iranischen Bestände an angereichertem Uran. Das im Abkommen vorgesehene Minimum ist eine „Verdünnung“ (down blending) des Materials vor Ort unter Aufsicht der Internationalen Atomenergie-Organisation; es ist nicht zwingend ein Export oder eine Zerstörung des Materials geplant, wie ursprünglich von den USA gefordert.

Zeitliche Abfolge der Vereinbarung ist entscheidend

Dies deutet auf einen strategischen Sieg Irans in der ersten Phase des Konflikts hin. Selbst nach dem Verlust mehrerer hochrangiger Führungspersonen und trotz erheblicher physischer Schäden im Land hat das Regime überlebt. Bislang ist dies zudem gelungen, ohne dass Iran seine Bestände an hochangereichertem Uran aufgeben musste. Ebenso wenig musste Iran bislang seine Architektur für ballistische Raketen beziehungsweise seine Stellvertreter‑Organisationen in der Region demontieren, die im Abkommen unerwähnt bleiben.

Die im Abkommen vorgesehene zeitliche Abfolge ist für Teheran äusserst vorteilhaft

Auch die im Abkommen vorgesehene zeitliche Abfolge ist für Teheran äusserst vorteilhaft. Die Aussetzung der Ölsanktionen sowie der Zugang zu einigen eingefrorenen Vermögenswerten erfolgt vor Beginn der Verhandlungen über die Nuklearfrage. Die sofortige Aussetzung der Ölsanktionen verringert den Einfluss der USA im Vergleich zu den Verhandlungen über den Joint Comprehensive Plan of Action von 2015; damals wurden die Sanktionen erst nach der Umsetzung nuklearer Schritte aufgehoben. Der Verzicht auf die Sanktionen ist bedeutend: Laut Satelliten‑ und Schifffahrtsdaten verfügt Iran möglicherweise über mehr als 100 Millionen Barrel Öl, die relativ rasch verkauft werden können. Beim aktuellen Preisniveau sind sie bis zu USD 8 Mrd. wert.

Insbesondere hat der Konflikt gezeigt, dass Iran ein neues Machtinstrument einsetzt: die Strasse von Hormuz und die Infrastruktur im Golf. Irans Prioritäten nach dem Konflikt könnten daher über den Wiederaufbau der früheren Stellvertreter‑Strukturen hinausgehen. Sie könnten den Wiederaufbau von Kapazitäten in den Bereichen Raketen, Drohnen und Minen sowie Störungen an der Küste und im Schiffsverkehr umfassen, sodass Hormuz und der Golf verwundbar bleiben.

China geht gestärkt hervor

Auch China geht aus dieser Krise gestärkt hervor. Sollte Iran wieder Zugang zu den globalen Ölmärkten erhalten, könnte China zwar einen Teil des Preisvorteils verlieren, den es zuvor als alleiniger Abnehmer iranischen Öls genoss. Doch China hat Energieresilienz bewiesen. Es hat seine Rohölimporte und Raffinerieaktivitäten stark reduziert und dabei nur begrenzt auf Reserven zurückgegriffen. Dies deutet im Vergleich zu vielen anderen Nettoölimporteuren auf eine grössere kurzfristige Flexibilität hin. Auch Chinas Verbraucher haben ihr Verhalten angepasst, unter anderem indem sie auf den öffentlichen Verkehr oder auf Elektrofahrzeuge umgestiegen sind.

Aus geopolitischer Sicht profitiert China von der Wahrnehmung, dass das militärische Vorgehen der USA in einem Kompromiss statt einem Sieg endete. Ausserdem wurde das Narrativ gestärkt, dass die Sicherheitsgarantien der USA teuer, inflationstreibend und politisch schwer durchzuhalten sind.

China geht aus dieser Krise gestärkt hervor

Die Folgen für die USA und Israel sind abhängig von der nächsten Verhandlungsrunde. Der Konflikt kann sich rückblickend immer noch als kostspieliger Erfolg erweisen. Dies wäre der Fall, wenn das endgültige Abkommen Iran verpflichten würde, seine Bestände an hochangereichertem Uran nachweislich zu exportieren, zu zerstören oder zu verdünnen. Und wenn Iran Atominspektionen, deren Durchsetzung und die Nichtverbreitung akzeptieren müsste.

Dennoch würde dieses Ergebnis hinter den ursprünglichen Zielen der USA zurückbleiben. Das iranische Regime, seine Stellvertreter in der Region sowie seine Architektur für ballistische Raketen sind von einem endgültigen Abkommen ausgeschlossen. Sollte Iran überdies als Staat an der nuklearen Schwelle mit wiederhergestellten Öleinnahmen aus der endgültigen Vereinbarung hervorgehen, wäre das Ergebnis deutlich weniger günstig. Des Weiteren ist das Abkommen für Israel politisch problematisch, da es die Einstellung militärischer Operationen an allen Fronten vorsieht, so auch in Libanon. Viel wird davon abhängen, ob Washington diese Bedingungen gegenüber Israel durchsetzen kann.

Veränderte regionale Dynamik

Die Auswirkungen dieses Konflikts sind für die Golfstaaten weitreichend. Die Golfstaaten haben erkannt, dass sie verwundbar gegenüber Angriffen sind und dass eine Deeskalation wirtschaftliche Anreize für Iran erfordern könnte. Der politisch umstrittene Wiederaufbauplan in Höhe von USD 300 Mrd. weist in diese Richtung. Der Plan wird im Abkommen als US‑Vorhaben „mit regionalen Partnern“ beschrieben, wobei die Details der Finanzierungsmechanismen weiterhin unklar sind.

Wir erwarten, dass die Golfstaaten mehr in die Verteidigung, den Schutz kritischer Energieinfrastruktur und in Alternativen zur Strasse von Hormuz investieren. Die Vereinigten Arabischen Emirate haben das Ziel geäussert, künftig in keiner Weise mehr von der Meerenge abhängig zu sein, was erhebliche Infrastrukturinvestitionen nötig machen wird. Zugleich dürften die Golfstaaten ihre sicherheitsbezogenen und diplomatischen Beziehungen über die USA hinaus diversifizieren wollen, etwa durch stärkere Bande zu Europa und Ostasien.

Der Einfluss, den Iran mit der Schliessung von Hormuz geltend gemacht hat, wird sich mit der Zeit von allein abschwächen. Die dadurch verursachte Störung war extrem, doch die Folgen für die Energiepreise waren begrenzter als von vielen Marktteilnehmern erwartet. Der Konflikt hat zudem den Golfstaaten, asiatischen Importeuren und den USA zusätzliche Anreize gegeben, ihre Bezugsquellen zu diversifizieren und Alternativen zu Hormuz anzustreben: mehr Pipelines, mehr Lagerkapazitäten ausserhalb der Golfregion, mehr strategische Reserven sowie mehr alternative Energiequellen. Während Iran mit der Strasse von Hormuz kurz- bis mittelfristig über ein wichtiges Druckmittel verfügt, steigen mit jedem Einsatz dieses Druckmittels die Investitionen in Alternativen und Anpassungen. Dadurch dürfte die Wirksamkeit dieses Instruments mit der Zeit nachlassen.

Der Einfluss, den Iran mit der Schliessung von Hormuz geltend gemacht hat, wird sich mit der Zeit von allein abschwächen

Makroökonomische Prognosen unverändert

Zu Beginn des Konflikts haben wir drei Szenarien skizziert. Unser Hauptszenario sah einen durchschnittlichen Brent‑Rohölpreis von USD 90 über die sechs Monate seit Konfliktbeginn vor. Bislang haben sich die Preise gemäss diesem Szenario entwickelt und normalisieren sich weiter, was unsere Prognosen stützt. Dazu zählen ein moderater Wachstumsrückgang in den grossen Volkswirtschaften sowie ein Inflationsanstieg, jedoch mit begrenzter Übertragung auf die Kerninflation, die Energie- und Lebensmittelpreise ausschliesst.

Das Wirtschaftswachstum hat sich bislang in der Tat als robust erwiesen. Dies gilt insbesondere für die USA, wo die Verbraucher Ersparnisse abgebaut haben, statt den Konsum einzuschränken. Wir gehen weiterhin davon aus, dass die Weltwirtschaft dieses Jahr um knapp 3% wächst und die US‑Wirtschaft um knapp 2%.

Das Wirtschaftswachstum hat sich bislang als robust erwiesen. Dies gilt insbesondere für die USA, wo die Verbraucher Ersparnisse abgebaut haben, statt den Konsum einzuschränken

Angesichts eines begrenzten Einflusses auf die Kerninflation erwarteten wir, dass sich die Notenbanken der Industrieländer 2026 von Zinssenkungen abwenden, aber mit Ausnahme der Europäischen Zentralbank von Zinserhöhungen absehen. Dies bleibt unser Basisszenario für die US-Notenbank Fed, wobei wir festhalten, dass eine geldpolitische Straffung jetzt unter dem neuen Fed-Chef Kevin Warsh möglich ist. Insgesamt scheinen dank des sich abzeichnenden Deeskalationsszenarios die wirtschaftlichen Auswirkungen des Konflikts in den grossen Volkswirtschaften beherrschbar. Dies untermauert unsere moderat risikoorientierte Positionierung in den Portfolios.

CIO Office Viewpoint

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