Energieschock offenbart Asymmetrien in Asien

Homin Lee - Senior Macro Strategist
Homin Lee
Senior Macro Strategist
Energieschock offenbart Asymmetrien in Asien

Kernpunkte.

  • China verfügt über bedeutende Ölreserven, alternative Energiequellen und diversifizierte Importkanäle. Dadurch ist das Land gegenüber Angebotsstörungen widerstandsfähiger als die meisten anderen Volkswirtschaften Asiens
  • Abgesehen von China sind viele asiatische Volkswirtschaften dem Risiko einer „Stagflation“ ausgesetzt. Denn sie sind von Energieimporten abhängig und verfügen nur über begrenzten politischen Spielraum, um höhere Preise abzufedern
  • Steigende Ölpreise beeinflussen bereits die Erwartungen der Notenbanken der Region und erhöhen das Risiko geldpolitischer Fehlentscheide, falls der Preisdruck anhält
  • Wir haben kürzlich Gewinne realisiert und unsere Übergewichtung in Schwellenländeraktien auf ein neutrales Niveau zurückgenommen. Die ausgewählten Präferenzen in China und Südkorea haben wir beibehalten. Wir sind weiterhin bereit, unsere Positionierung anzupassen, wenn sich die Bedingungen ändern.

Die Region Asien-Pazifik sieht sich aufgrund des Nahostkonflikts der Gefahr eines wirtschaftlichen Schocks gegenüber. Wir gehen in unserem Basisszenario weiterhin davon aus, dass die Folgen des Konflikts beherrschbar bleiben. Doch die unsichere Lage macht eine genauere Analyse von zwei Risikoszenarien erforderlich. Wir beleuchten, wie China und andere asiatische Märkte – Industrie- wie Schwellenländer – positioniert sind, um die Auswirkungen zu bewältigen.

Der Konflikt betrifft direkt die Energieinfrastruktur in der Golfregion, da Anlagen und Transportwege wie die strategisch wichtige Strasse von Hormuz angegriffen worden sind. In unserem Basisszenario rechnen wir mit einem durchschnittlichen Brent-Rohölpreis von USD 90 pro Barrel in den kommenden sechs Monaten. Die Folge wäre ein moderater Rückgang des globalen Wirtschaftswachstums bei einem weiterhin überschaubaren Inflationsanstieg.

Ein weniger wahrscheinliches, aber schädlicheres Szenario wäre eine bedeutende Eskalation des Konflikts, die zu einer globalen, von Inflation begleiteten Wachstumsverlangsamung führt. In diesem Fall erwarten wir einen Ölpreis von durchschnittlich USD 115 pro Barrel über sechs Monate, mit einem Spitzenwert um USD 150. Bei einer extremen Eskalation mit einem langen Krieg könnte der Ölpreis über neun Monate durchschnittlich USD 150 erreichen, mit einem Höchstwert von fast USD 200. Dies würde einen stagflationären Schock auslösen, der die Angebotskapazität beeinträchtigt, und könnte im Extremfall Exportkontrollen nach sich ziehen. Keines der beiden Eskalationsszenarien entspricht unserer Hauptannahme. Sie würden einen erheblichen politischen Rückschlag für Präsident Trump vor den Zwischenwahlen im November bedeuten.

Eine zentrale Frage für Anlegerinnen und Anleger ist, wie China und die Region Asien-Pazifik allgemein diesen Druck bewältigen. Sie sind stark von Energieimporten abhängig, und Öl und Gas sind für den Transport, das verarbeitende Gewerbe und die Stromproduktion wesentlich.

Extremszenarien: Kurzfristige Belastungen unvermeidbar

In den Extremszenarien mit einem Ölpreis von durchschnittlich USD 115 oder USD 150 pro Barrel in den nächsten sechs bzw. neun Monaten würde die Region Asien-Pazifik einen schmerzhaften Anpassungsprozess durchlaufen. Zusammen beziehen die Industrie- und Schwellenländer, die den Aktienindex MSCI Asia Pacific bilden, rund einen Viertel des jährlichen Energieverbrauchs aus dem Ausland. Bei Erdgas und Öl ist die Abhängigkeit jedoch deutlich höher.

Ein sich hinziehender Konflikt würde einen grossen Schock für die Wirtschaftsaktivität in der Region bedeuten und die Ersparnisse der Staaten wie auch des Privatsektors belasten

Demgegenüber produziert die US-Wirtschaft in Bezug auf alle wichtigen Energiequellen mehr, als sie verbraucht. Aufgrund der Anfälligkeit Asiens würde ein sich hinziehender Konflikt, der für anhaltend hohe Energiepreise sorgt, einen grossen Schock für die Wirtschaftsaktivität in der Region bedeuten. Dies würde die Ersparnisse der Staaten wie auch des Privatsektors belasten. Die Gesamt-Verbraucherpreisinflation (VPI) würde in den Extremszenarien deutlich steigen, und die Notenbanken der Region müssten eine über dem Ziel liegende Inflation und schwächere Währungen bekämpfen.

Um potenzielle Engpässe in den Extremszenarien abzufedern, haben die Regierungen der Region Exportbeschränkungen für bestimmte Produkte eingeführt. Hinzu kommen Rahmenwerke für industrielle Rationierungen oder kürzere Arbeitswochen im öffentlichen Sektor. Einige stellen zudem wieder auf kohlebasierte thermische Stromerzeugung um, um den Importbedarf für Erdgas zu reduzieren, und beschleunigen die Suche nach alternativen Energiequellen, einschliesslich erneuerbarer Energien. Die grösseren Volkswirtschaften hätten Möglichkeiten, wesentliche wirtschaftliche Aktivitäten aufrechtzuerhalten, auch wenn eine kurzfristige Härtephase unvermeidlich ist.

Laut unserer Analyse ist China besser gegen die vollen Auswirkungen des Schocks abgeschirmt. Dank strategischer Reserven reicht die Ölversorgung des Landes für rund 100 Tage, ergänzt durch Polster bei raffinierten Produkten. Chinas Beziehungen zu anderen Öllieferanten, darunter Russland, schützen das Land zusätzlich. Des Weiteren erlaubt Iran chinesischen oder nach China fahrenden Schiffen gegen eine Gebühr die Passage durch die Strasse von Hormuz, was zumindest teilweise Lieferungen ermöglicht.

Resilienz in China

China hat in den letzten Jahren zudem seine inländische Kapazität an erneuerbaren Energien und potenziellem kohlebasiertem Strom ausgebaut. Damit stehen alternative Energiequellen zur Verfügung, wenn importiertes Erdöl und Erdgas teurer oder weniger verfügbar wird. Seit dem dürrebedingten Strommangel im Jahr 2022 toleriert China eine geringere Auslastung seiner wachsenden thermischen Stromerzeugung – von der ein grosser Teil weiterhin kohlebasiert ist –, um eine Ausweichoption zu haben. Das Land dürfte die entsprechende Nutzung erhöhen, wenn sich die Energieknappheit weiter verschärft. Der langfristige Fokus der Behörden auf Elektrifizierung – insbesondere der Übergang von Verbrennerautos zu Elektrofahrzeugen – stärkt die Widerstandskraft zusätzlich, indem das Land Preissprüngen weniger ausgesetzt ist. Chinas weitverzweigtes Netz an Hochgeschwindigkeitszügen wird zudem einen Rückgang der Inlandsflüge als Reaktion auf die hohen Kerosinpreise abfedern. Diese Faktoren helfen zu erklären, weshalb sich Chinas Inflations- und Wachstumsentwicklung unter vergleichbaren Ölpreisannahmen weniger verschlechtert als jene der meisten Industrieländer und Emerging Markets in Asien.

Chinas langfristiger Fokus auf Elektrifizierung …stärkt die Widerstandskraft zusätzlich, indem das Land Preissprüngen weniger ausgesetzt ist

In unserem Basisszenario erwarten wir, dass Chinas annualisiertes Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf 4,2% zurückgeht, bei einer durchschnittlichen Inflation für 2026 von 1,2%. Anfang März definierte der Nationale Volkskongress ein Wachstumsziel, das mit dieser Wachstumsprognose übereinstimmt. Die Behörden hielten am Ziel für das Haushaltsdefizit von 4% des BIP fest. Dies weist auf begrenzte zusätzliche Fiskalimpulse und eine weiterhin zurückhaltende geldpolitische Lockerung hin, was mehr Flexibilität im Umgang mit Schocks bietet.

Unterschiede ausserhalb Chinas

Australien, Indonesien und Malaysia produzieren mehr Energie, als sie verbrauchen, unterscheiden sich jedoch hinsichtlich ihrer Abhängigkeit von importierten Erdölprodukten wie Diesel. In Indonesien und Malaysia beobachten wir die fiskalpolitischen Kosten für die Aufrechterhaltung von Treibstoffsubventionen. Doch es ist unklar, ob diese Regierungen das Risiko einer potenziellen politischen Gegenreaktion eingehen würden, um vollständig marktbasierte Einzelhandelspreise zuzulassen. In anderen asiatischen Volkswirtschaften ist der Anteil des Energieverbrauchs aus inländischen Quellen deutlich geringer. Viele verfügen jedoch über höhere Reserven oder finanzielle Mittel, um sich gegen kurzfristige Schocks abzusichern. Japan und Südkorea haben grössere strategische Ölreserven aufgebaut. Das widerspiegelt ihre langjährige Exponierung gegenüber geopolitischen Risiken.

In einer Energiekrise hat Japan die Möglichkeit, seine Produktion von Atom- und erneuerbarer Energie auszubauen, um die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu reduzieren. Nach dem Atomunfall von Fukushima im Jahr 2011 hat Japan seine nukleare Stromerzeugung erheblich eingeschränkt, da die nukleare Sicherheit den Wählerinnen und Wählern Sorgen bereitete. In einer geopolitischen Krise und mit einer atomfreundlicheren Regierung an der Macht könnte diese restriktive Haltung im Laufe der Zeit rückgängig gemacht werden. Dies mit dem Ziel, niedrigere Importe von Flüssigerdgas (LNG) in den nächsten Jahren zu kompensieren. Japan hat die Möglichkeit, stillgelegte Reaktoren mit schnelleren regulatorischen Genehmigungen wieder in Betrieb zu nehmen. Das aktuelle Niveau der Stromerzeugung aus Kernkraftwerken liegt bei etwas weniger als einem Drittel der Spitzenproduktion im Jahr 2000. Dies schliesst Kernkraftwerke mit ein, die kürzlich unter dem Kabinett Takaichi wieder hochgefahren wurden. Erneuerbare Energien machen rund 27% der Stromerzeugung Japans aus, und der Anteil könnte sich in den nächsten zehn Jahren auf 40% erhöhen.

Indien, Thailand und die Philippinen werden auf kurze Sicht ebenfalls stärker exponiert sein, da sie Nettoimporteure von Öl und Gas sind und über geringere Reserven verfügen. Für die stärker gefährdeten Volkswirtschaften schlagen steigende Preise rasch auf Transport, verarbeitendes Gewerbe und Nahrungsmittelproduktion durch. Die Schwierigkeiten werden in Asiens „Frontier-Märkten“ wie Sri Lanka und Myanmar zunehmend sichtbar. Viele dieser Volkswirtschaften werden die Gesamtinflation nicht ignorieren können, da ein grösserer Anteil des Konsums auf Energie und Nahrungsmittel entfällt.

Geldpolitischer Spielraum

Ohne den Konflikt würden die Zentralbanken wichtiger Volkswirtschaften wie die US-Notenbank Fed, die Europäische Zentralbank und die Bank of England ihre Leitzinsen senken oder unverändert lassen. Höhere Ölpreise beeinflussen jedoch bereits die Erwartungen der Notenbanken – die Märkte preisen einen restriktiveren Kurs ein. Wir gehen indessen davon aus, dass die Währungshüter eine Wiederholung des Straffungszyklus ab 2022 vermeiden wollen. Das Risiko eines politischen Fehlers steigt, falls der Preisdruck anhält. Das Hauptrisiko besteht derzeit darin, dass die Notenbanken die Zinsen im Zuge einer energiebedingten Konjunkturverlangsamung anheben und damit zur Belastung des Wirtschaftswachstums beitragen.

Das Hauptrisiko besteht darin, dass die Notenbanken die Zinsen im Zuge einer energiebedingten Konjunkturverlangsamung anheben und damit zur Belastung des Wirtschaftswachstums beitragen

In Asien verstärken Einschränkungen der Geldpolitik diese Spannungen. Viele Notenbanken in der Region müssen das Risiko importierter Inflation gegen Überlegungen zur Finanzstabilität und zur Aussenbilanz abwägen. Bei hohen Energiepreisen und Wechselkursen, die empfindlich auf jede wahrgenommene geldpolitische Veränderung reagieren, ist der Spielraum für Lockerungen gering. In Märkten wie Indonesien, Thailand und den Philippinen schrumpft der Spielraum für Zinssenkungen im Falle eines längeren Kriegs und entsprechend hoher Ölpreise deutlich.

Die Märkte passen sich bereits diesen Bedenken an und bringen die Sorge zum Ausdruck, dass kurzfristige Inflationsschocks in langfristige Erwartungen höherer Preise münden könnten. In Australien und Japan wird die Krise im weiteren Jahresverlauf eine zusätzliche geldpolitische Straffung zur Folge haben. Wir erwarten nun eine letzte Zinserhöhung der Reserve Bank of Australia im Mai und zwei Zinserhöhungen der Bank of Japan im April und Oktober.

Gewinnmitnahmen bei Engagements in Schwellenländern

Die Auswirkungen auf Anlagen widerspiegeln die Unterschiede innerhalb Asiens. In China sprechen die Kombination aus relativer Energieresilienz, zusätzlichem fiskalpolitischem Spielraum und attraktiven Bewertungen mittelfristig weiterhin für ausgewählte Aktienengagements. Dies gilt insbesondere für Technologiesektoren, die von politischer Unterstützung und dem Ausbau der inländischen Rechenkapazitäten profitieren. Wir erwarten, dass sich das Gewinnwachstum in China 2026 deutlich beschleunigt. Die Bewertungen vieler Technologieunternehmen verharren unter den Niveaus ihrer US-Pendants, obwohl die Behörden die technologische Eigenständigkeit stärker vorantreiben. In Japan stützen hohe Öllagerbestände und die Option der Kernenergie die kurzfristige Resilienz, und Reformen der Corporate Governance bieten Aktien weiterhin Rückenwind. In Südkorea sind Halbleiterhersteller trotz Marktschwankungen weiterhin gut positioniert, und der jüngste Ausverkauf hat Chancen zu Bewertungsniveaus eröffnet, die deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt liegen.

Die Herausforderungen in den Schwellenländern Asiens ohne China und Südkorea … sprechen für eine neutrale Haltung

Demgegenüber sprechen die Herausforderungen in den Schwellenländern Asiens ohne China und Südkorea, auf die rund ein Viertel des Schwellenländer-Aktienindex entfällt, für eine neutrale Haltung. Wir haben Mitte März die Allokationen in Schwellenländeraktien reduziert und Gewinne realisiert, sodass unser Engagement wieder einem neutralen Niveau entspricht. Die Sensitivität von Aktien der Schwellenländer gegenüber dem Ölpreisschock ist grösser als in den Industrieländern. Dies könnte zu erhöhter Volatilität führen, bis sich eine Lösung des Konflikts abzeichnet. Allerdings preisen die Märkte noch immer eher einen Inflations- als einen Wachstumsschock ein, sodass die fundamentalen Performancetreiber intakt bleiben.

Diese neutrale Positionierung ermöglicht es uns, investiert zu bleiben, aber auch rasch zu reagieren, während sich die Situation weiterentwickelt. Die Positionierung widerspiegelt zudem die bislang begrenzte, aber fragile Reaktion der globalen Finanzmärkte. Die Unternehmensgewinne sind bis jetzt robust geblieben. Doch solange die Lage unklar bleibt, mahnen weitere mögliche Störungen bei zentralen Engpässen für den Energietransport zur Vorsicht. Gleiches gilt für das Risiko von Exportbeschränkungen und die Sensitivität asiatischer Volkswirtschaften gegenüber Treibstoffkosten.

Die Region Asien-Pazifik steht weiterhin im Fokus der globalen Reaktion, sollte sich der Konflikt weiter zuspitzen. Während sich die Lage weiterentwickelt, beurteilen wir die Auswirkungen auf die Region fortlaufend und halten uns bereit, unsere Positionierung anzupassen.

CIO Office Viewpoint

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Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.

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