Jenseits des Nahostkonflikts: Welches Marktumfeld sollten Anleger erwarten?

Dr. Luca Bindelli - Head of Investment Strategy
Dr. Luca Bindelli
Head of Investment Strategy
Jenseits des Nahostkonflikts: Welches Marktumfeld sollten Anleger erwarten?

Kernpunkte.

  • Die Aktienmärkte sind trotz geopolitischer Risiken robust geblieben. Eine starke Gewinndynamik sowie Investitionen in Technologie und künstliche Intelligenz bieten Unterstützung
  • Höhere Renditen von Staatsanleihen könnten kurzfristig für Bewertungsdruck auf Aktien sorgen. In unserem Basisszenario gehen wir indessen von rückläufigen Renditen aus
  • Anleihen spielen weiterhin eine nützliche Rolle in Portfolios, aber ihre Diversifizierungsmerkmale sind bei angebotsseitigen und inflationsbedingten Schocks schwächer
  • Wir halten an unserer moderat risikoorientierten Ausrichtung in den Portfolios fest und bevorzugen Aktien aus Schwellenländern, Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern sowie Gold.

Geopolitische Risiken und steigende Energiepreise prägen das Anlageumfeld. Zugleich bieten robuste Unternehmensgewinne und ein technologiegetriebener Investitionszyklus Unterstützung. Wir blicken über den Konflikt im Nahen Osten hinaus und beleuchten den Ausblick sowie die Rolle von Aktien und Anleihen in Portfolios.

Trotz geopolitischer Turbulenzen und eingeschränkter Energieflüsse haben die Aktienmärkte dieses Jahr weiter zugelegt. Die Schwellenländer haben die Wertentwicklung angeführt, während es den Märkten für Staatsanleihen schwer gefallen ist, eine positive Performance zu erzielen. Aktien haben sich als widerstandsfähig erwiesen. Unterstützung bieten ein solides makroökonomisches Umfeld, günstige Finanzierungsbedingungen und vor allem eine starke Gewinndynamik. Technologie- und KI-bezogene Titel sind die dominierenden Performancetreiber geblieben.

Mit dem Ende der Quartalsberichtssaison treten neue Katalysatoren in den Vordergrund. Der Nahostkonflikt wird ein wichtiger Faktor bleiben. Doch allgemein stellt sich die Frage, ob die Zins- und Gewinndynamik sowie die Bewertungen Risikoanlagen weiterhin stützen können. Nachfolgend widmen wir uns fünf zentralen Anlagefragen und skizzieren unsere Portfoliopositionierung sowie unseren Ausblick.

Können die Gewinne den Aktienmärkten weiterhin Auftrieb geben?

Wir gehen davon aus, dass dies möglich ist. Trotz eines starken ersten Quartals sind die Gewinnrevisionen für 2026 und 2027 weiter gestiegen, angeführt von den Schwellenländern, Japan und den USA. Dies bleibt eine zentrale Stütze für Aktien. Das gilt insbesondere, weil sich die Bewertungen in einigen Industrieländern immer schwerer rechtfertigen lassen, zumal sie erneut über ihrem langfristigen Durchschnitt liegen. Dennoch beurteilen wir den Technologiesektor nach wie vor konstruktiv, da die Bewertungen dort Aufwärtspotenzial bieten. Bedeutende KI-Investitionen in Rechenzentren sowie eine rekordhohe Nachfrage in den Bereichen Halbleiter und Cloud/Software unterstützen die Gewinne weiterhin.

Aktien haben sich als widerstandsfähig erwiesen. Unterstützung bieten ein solides makroökonomisches Umfeld, günstige Finanzierungsbedingungen und vor allem eine starke Gewinndynamik

Die Schwellenländer bieten aus unserer Sicht den überzeugenderen Ausblick. Gründe dafür sind eine stärkere Gewinndynamik als in den Industrieländern, attraktivere Bewertungen und eine Anlegerpositionierung, die Unterstützung bietet, vor allem wenn der US-Dollar schwach bleibt. Wir setzen unsere Übergewichtung in Aktien daher über Schwellenländeraktien um, wo sich die Performance über KI-getriebene Märkte hinaus ausweiten dürfte. Südkorea sticht hervor, da die Ausgaben für KI-Infrastruktur anziehen und die Corporate Governance gestärkt wird. Auch China und Südafrika bieten attraktive Bewertungen und Gewinne. Für China wird 2026 und 2027 eine Erholung des Gewinnwachstums erwartet, die auf den Exporten, KI-Investitionen, nachlassendem Wettbewerb und Energieresilienz beruht. Südafrikanische Bergbauwerte, auf die rund 40% des Landesindex entfallen, dürften von einer strukturell starken Goldnachfrage profitieren. Kurz gesagt: Die Gewinne unterstützen weiterhin die globalen Aktien, doch wir bleiben selektiv, weil die Qualität und Region entscheidend ist.

Gefährden die Renditen von Staatsanleihen die Aktienbewertungen?

Ein Anstieg der Renditen von Staatsanleihen bringt die Aktienbewertungen tendenziell unter Druck. Nach dem jüngsten Ausverkauf am Anleihenmarkt liegen die Renditen in vielen grossen Volkswirtschaften auf Mehrjahreshochs. Wie stark höhere Zinsen auf die Aktien durchschlagen, hängt jedoch davon ab, ob die Renditen wegen eines kräftigeren Wachstums steigen, was im Allgemeinen höhere Realzinsen bedeutet, oder wegen höherer Inflationserwartungen. Zudem spielt die Volatilität der Renditen über die Laufzeiten hinweg eine Rolle.

Der jüngste Renditeanstieg beruht vor allem auf höheren Inflationserwartungen, und die Märkte haben eine gewisse Straffung durch die Notenbanken eingepreist. In den USA implizieren die Marktpreise ungefähr eine Leitzinserhöhung der US-Notenbank, in Europa reflektieren sie rund drei Zinserhöhungen. Die heutige Situation unterscheidet sich von 2022, als die Notenbanken mit hoher Inflation und zugleich deutlich negativen Realzinsen konfrontiert waren und die Leitzinsen deshalb abrupt anheben mussten. Dies führte zu Volatilität und Belastungen für die Aktienmärkte. Es ist nicht anzunehmen, dass die Notenbanken die Geldpolitik stärker straffen, als es die Märkte derzeit erwarten; vielmehr sollten sie in der Lage sein, die Zinsen zu senken. Zwar könnten die Inflationsrisiken zunehmen, falls die Störungen in der Strasse von Hormuz anhalten, aber das ist nicht unser Basisszenario. Höhere Renditen könnten vorübergehend Druck erzeugen, doch wir erwarten keinen anhaltenden Rückgang der Aktienbewertungen.

Sind Anleihen noch verlässliche Diversifizierungsinstrumente in Portfolios?

Die vergangenen Jahre zeugen von einem Wandel. Der vorherige Konjunkturzyklus war geprägt von niedriger Inflation, Nachfrageschocks und Wachstumsängsten. Staatsanleihen waren in diesem Umfeld wirksame Diversifikatoren, weil Wachstumsschocks die Realzinsen sinken liessen und damit die Anleihenkurse stützten.

Im Jahr 2022 führte ein Energieangebotsschock zu höherer Inflation und zwang die Notenbanken zu einer abrupten Straffung. Der damit verbundene Kursrückgang bei Staatsanleihen verstärkte die Portfolioverluste, statt sie abzufedern.

Kein Anlageinstrument ist absolut betrachtet defensiv, sondern nur gegenüber einer bestimmten Art von Schock. Staatsanleihen funktionieren tendenziell gut, wenn das dominierende Risiko ein Wachstumsschock ist – wie in der Zeit der globalen Finanzkrise. Weniger effektiv sind sie bei Inflations- oder Angebotsschocks.

Kein Anlageinstrument ist absolut betrachtet defensiv, sondern nur gegenüber einer bestimmten Art von Schock

Das jüngste Umfeld ist ein anderes: Es zeichnet sich aus durch stärkere geopolitische Fragmentierung, häufigere angebotsseitige Schocks, höhere fiskalpolitische Unsicherheit und volatilere Inflation. Energieunterbrüche, Konflikte, eine Fragmentierung der Lieferketten, Covid und Zölle lösten innerhalb kurzer Zeit bedeutende Angebotsschocks aus. Diese wirkten sich direkt auf die Geld- und Fiskalpolitik sowie die Finanzmärkte aus. In der Folge ist seit der Covid-Pandemie die Korrelation zwischen Aktien und Anleihen gestiegen.

Die jüngsten Marktbewegungen folgen derselben Logik: Inflationssorgen und die Neubewertung der Zinssenkungserwartungen haben die Renditen nach oben getrieben. Daher haben Staatsanleihen dieses Jahr nur wenig Diversifizierung geboten. Stattdessen halten wir an einer Übergewichtung von Gold in den Portfolios fest. Gold dient der Diversifizierung und als Polster gegen Aktienvolatilität und geopolitische Risiken. Trotz einer kurzfristigen Kurskonsolidierung sehen wir strukturelle Unterstützung für den Goldpreis, die auf der Nachfrage von Notenbanken sowie von Privatanlegerinnen und -anlegern beruht.

Wie in festverzinsliche Vermögenswerte investieren?

Die aktuell hohen Renditen von Staatsanleihen sind für Anleger mit einem Kaufen-und-Halten-Ansatz attraktiv. In unserem Basisszenario sehen wir nur begrenztes weiteres Aufwärtspotenzial und erwarten auf Sicht von zwölf Monaten tiefere Zinsen. Kurzfristig könnte die Zinsvolatilität allerdings anhalten, vor allem wenn die Energiepreise hoch bleiben. Im Zuge einer Normalisierung der Zinsen rechnen wir damit, dass die positive Korrelation zwischen Aktien und Anleihen fortdauert. Aktien dürften daher Anleihen übertreffen, namentlich wenn das Gewinnwachstum Bestand hat. Nur im unwahrscheinlichen Szenario zunehmender Rezessionsängste würden wir eine deutlich sinkende Korrelation erwarten – und damit eine erneute Diversifizierungsrolle von Anleihen bei fallenden Aktienkursen.

Wir bleiben insgesamt bei einer neutralen Haltung gegenüber festverzinslichen Vermögenswerten, mit einer Untergewichtung von Staatsanleihen und einer Übergewichtung von Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern. Bei Staatsanleihen bevorzugen wir Laufzeiten von fünf bis sieben Jahren für britische Gilts, deutsche Bundesanleihen sowie Schweizer und australische Anleihen; hier scheinen die Wachstumsrisiken höher als in den USA. Diese untergewichtete Positionierung hilft in Portfolios das Risiko abzufedern, dass ein Angebotsschock die Renditen weiter steigen lässt. Parallel dazu ermöglicht eine Übergewichtung von Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern, in Portfolios attraktive Erträge zu erzielen. Gegenüber Unternehmensanleihen bleiben wir neutral, da die Spreads bzw. Renditedifferenzen gegenüber Staatsanleihen gleicher Laufzeit gering sind.

Was sind die Hauptrisiken für unseren Ausblick?

Die Entwicklungen im Nahen Osten bleiben ein zentraler Einflussfaktor der Marktsensitivität. Wir beobachten insbesondere die Wiederaufnahme der Transporte durch die Strasse von Hormuz sowie die Energieproduktion. Sie werden bestimmen, ob der Schock geopolitisch bleibt oder zu einem makroökonomischen Risiko wird.

Vorerst bleiben die Gewinne der wichtigste Anker für die Aktienmärkte, und Portfolios müssen diese Widerstandsfähigkeit nutzen

Über den Nahostkonflikt hinaus überwachen wir folgende Indikatoren: Energie-Terminkontrakte, Nahrungsmittelpreise, die Differenz zwischen den Renditen nominaler und inflationsgeschützter Anleihen, die Realzinsen, die Entwicklung des US-Dollar, die Kreditspreads, Umfragen zur Kreditvergabe der Banken sowie die Emissionstätigkeit am Unternehmensanleihenmarkt. Zusammen liefern diese Indikatoren ein Bild von der Inflation, dem Wachstum, der Liquidität und den Finanzierungsbedingungen für Unternehmen. Steigen beispielsweise die Realzinsen, wertet der US-Dollar auf und weiten sich die Kreditspreads aus, verschärfen sich die finanziellen Bedingungen. In diesem Fall preisen die Märkte einen allgemeineren makroökonomischen und finanziellen Schock ein und nicht nur geopolitische Volatilität.

Auch die Investitionspläne der Unternehmen verdienen Aufmerksamkeit. Der Technologiesektor ist ein zentraler Treiber sowohl des Gewinnwachstums als auch der Kursgewinne an den Aktienmärkten. Hinweise darauf, dass Unternehmen KI-bezogene Investitionen aufschieben oder reduzieren, würden die Gewinnerwartungen belasten.

Investiert bleiben

Das Marktumfeld bleibt konstruktiv, doch angesichts der Risiken sind wir nach wie vor selektiv. Das Gewinnwachstum kann die Aktienmärkte weiter stützen, aber der Spielraum für steigende Bewertungen ist in den Industrieländern begrenzter. Die Schwellenländer werden durch bessere Bewertungen und stärkere Gewinnrevisionen unterstützt.

Höhere Renditen von Staatsanleihen stellen ein Risiko dar, bedrohen Aktien in unserem Basisszenario jedoch nicht. Wir gehen im Basisszenario von einer schrittweisen Wiederaufnahme der Ölflüsse aus und halten die geldpolitische Ausgangslage für stärker als im Jahr 2022.

Anleihen behalten eine nützliche Rolle in Portfolios, doch ihre Diversifizierungsmerkmale sind bei Angebotsschocks und Inflationsvolatilität begrenzt. Wir bleiben daher selektiv und halten an einer Übergewichtung von Hartwährungsanleihen aus Schwellenländern fest, um die Ertragsquellen zu diversifizieren.

Die zentrale Frage ist, ob der Konflikt begrenzt bleibt oder sich zu einem breiteren makroökonomischen und finanziellen Schock ausweitet. Vorerst bleiben die Gewinne der wichtigste Anker für die Aktienmärkte, und Portfolios müssen diese Widerstandsfähigkeit nutzen.

Für eine detaillierte Analyse unserer wichtigsten Überzeugungen verweisen wir auf den Artikel „Ten Investment Convictions“ in unserem Investment Strategy Monthly (auf Englisch). Unsere Publikation rethink investments erläutert die Details unserer thematischen Aktienüberzeugungen.

CIO Office Viewpoint

Jenseits des Nahostkonflikts: Welches Marktumfeld sollten Anleger erwarten?

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.

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