Quantifizierung der wirtschaftlichen Folgen des Nahostkonflikts nach Regionen

Samy Chaar - Chefökonom und CIO Schweiz
Samy Chaar
Chefökonom und CIO Schweiz
Filippo Pallotti, PhD - Macro Strategist
Filippo Pallotti, PhD
Macro Strategist
Quantifizierung der wirtschaftlichen Folgen des Nahostkonflikts nach Regionen

Kernpunkte.

  • In unserem Hauptszenario eines begrenzten Ölpreisanstiegs bleiben die Auswirkungen auf die wichtigsten Volkswirtschaften überschaubar
  • Dieses Basisszenario würde in den USA zu einem vernachlässigbaren Anstieg der Gesamtinflation und der Arbeitslosigkeit führen, verbunden mit einem etwas schwächeren Wachstum. Auch in Europa und Asien würde die Inflation nur geringfügig steigen
  • In einem Risikoszenario wäre das Wachstum in den USA und Europa geringer, die US-Zinsen würden unverändert bleiben, und die Inflation in Europa würde den Zielwert überschreiten. Die Auswirkungen auf die Schweizer Wirtschaft wären begrenzter
  • Viele asiatische Industrieländer und Emerging Markets sind in einem Risikoszenario verwundbar. China könnte sich besser behaupten, aber sein Wachstum würde leiden.

Wir analysieren die weltweiten wirtschaftlichen Auswirkungen des Nahostkonflikts. Dabei betrachten wir unser Basisszenario eines zeitlich begrenzten Konflikts sowie unser Risikoszenario einer länger dauernden Störung mit stärkerem Einfluss auf den Ölpreis.

Die Folgen des Kriegs im Nahen Osten machen sich weltweit in Volkswirtschaften und an den Finanzmärkten bemerkbar. In unserem Basisszenario erwarten wir weiterhin, dass der Konflikt von begrenzter Dauer sein wird, bei einem überschaubaren und vorübergehenden Anstieg des Ölpreises. Wir rechnen mit einem Preisanstieg von USD 10 pro Barrel und einer Rückkehr in eine Spanne von USD 60 bis USD 70 pro Barrel in sechs Monaten. Dieses Szenario dürfte nicht ausreichen, um das globale Wirtschaftswachstum aus dem Tritt zu bringen. Deshalb haben wir unsere Prognosen zu Wachstum, Inflation und Geldpolitik nur geringfügig angepasst.

Wir haben unsere Prognosen zu Wachstum und Inflation nur geringfügig angepasst

Die einzelnen Regionen und Länder sind steigenden Öl- und Gaspreisen unterschiedlich stark ausgesetzt. Die USA und viele lateinamerikanische Volkswirtschaften sind als Nettoenergieexporteure besser abgeschirmt. Europa und Asien hingegen sind Nettoimporteure. Viele Länder der Eurozone sind stark von Energieimporten abhängig, und die Stimmung sowie die Risikoaversion wirken sich tendenziell deutlich auf die wirtschaftlichen und finanziellen Bedingungen aus. In Asiens wichtigsten Industrie- und Schwellenländern sind die Energiebilanzen besonders negativ. China verfügt über Optionen – darunter Kapazitäten, um die Produktion von Kohle und erneuerbarer Energie zu erhöhen. Viele Schwellenländer haben mehr Substitutionsmöglichkeiten als Europa, verfügen jedoch über tiefere Ölreserven: In manchen Schwellenländern reichen sie für 30 bis 50 Tage, in Europa für rund 90 Tage und in China für etwa 100 Tage.

Wir haben zwei Szenarien und deren wirtschaftliche Auswirkungen modelliert.1 In unserem Hauptszenario eines begrenzten Ölpreisanstiegs rechnen wir in den USA mit einer vernachlässigbaren Zunahme der Gesamtinflation und der Arbeitslosigkeit sowie einem etwas schwächeren Wachstum. Wir haben unsere Annahme für die durchschnittliche Inflation in den USA um 0,1 Prozentpunkte auf 2,6% angehoben. Unsere Prognose von drei Zinssenkungen der US-Notenbank Fed in diesem Jahr bleibt intakt. Auch für Europa erwarten wir begrenzte Folgen, wobei die Gesamtinflation auf lediglich 2,0% steigen dürfte – ein Niveau, bei dem die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen voraussichtlich unverändert lässt. Für asiatische Industrieländer und Schwellenländer rechnen wir mit einem Anstieg der Gesamtinflation von nur 20 Basispunkten und einer Wachstumseinbusse von ebenfalls 20 Basispunkten – allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern. Der aktuelle Ölpreis deutet zudem darauf hin, dass die Märkte eher von einer mehrwöchigen als von einer monatelangen Störung am Ölmarkt ausgehen.

China verfügt über Optionen – darunter Kapazitäten, um die Produktion von Kohle und erneuerbarer Energie zu erhöhen

Quantifizierung eines Risikoszenarios

In unserem Risikoszenario erwarten wir einen länger dauernden Konflikt, verbunden mit einem Ölpreisanstieg von bis zu USD 50 pro Barrel auf ein Hoch von rund USD 120 pro Barrel. Das entspricht in etwa dem Ölpreisschock nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine vor vier Jahren. Eine solche Zunahme hätte einen „stagflationären“ Effekt: höhere Inflation bei tieferem globalem Wachstum. In diesem Szenario rechnen wir für die USA im Jahr 2026 mit einem realen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,2%; die Gesamtinflation würde mehr als einen Prozentpunkt über dem Ziel liegen.

Wir gehen davon aus, dass die Fed diesen Inflationsanstieg als vorübergehend einschätzen und die Leitzinsen unverändert lassen würde. Sollte die Arbeitslosigkeit stärker steigen – auf etwa 5,5% und damit über unsere aktuelle Prognose –, könnte die Fed zu Zinssenkungen übergehen.

In der Eurozone würde die Abhängigkeit von importierter Energie in unserem Risikoszenario erhebliche Wachstumsrisiken bedeuten. Wir erwarten, dass die Inflation auf rund 2,8% steigen würde. Ein schwächerer Euro würde den Inflationsschock verstärken, aber auch den negativen Wachstumseffekt verringern. Eine höhere Teuerung würde die EZB vor schwierige Entscheidungen stellen. Das Risiko eines geldpolitischen Fehlers würde zunehmen, sollte sie die Zinsen anheben, während sich die Konjunktur abschwächt.

In der Eurozone würde die Abhängigkeit von importierter Energie in unserem Risikoszenario erhebliche Wachstumsrisiken bedeuten. Wir erwarten, dass die Inflation auf rund 2,8% steigen würde

Selbst in einem Risikoszenario würden die Gefahren für die Schweiz begrenzt bleiben: Die geringere Abhängigkeit von importiertem Gas, das derzeit niedrige Inflationsniveau und die Tendenz des Schweizer Frankens, in unsicheren Zeiten aufzuwerten, würden die Risiken für die Wirtschaft abfedern. Wir gehen davon aus, dass die Leitzinsen unverändert bleiben würden. Die Hürde für eine Zinserhöhung zur Bekämpfung der Inflation, die selbst in unserem Risikoszenario unter dem Ziel verharren würde, wäre hoch. Gleiches gilt für eine Zinssenkung in den negativen Bereich zwecks Unterstützung des Wachstums.

Unser Risikoszenario hätte spürbar negative Folgen für Japan und die Schwellenländer, insbesondere in Ostasien, Indien, Thailand sowie in Mittel- und Osteuropa. Ausnahmen wären Australien, Brasilien und Südafrika. Der geldpolitische Spielraum in Indonesien, den Philippinen, Polen, der Türkei und Mexiko würde kleiner. Die Golfstaaten scheinen verwundbar, falls Öl- und Gasexporte über einen längeren Zeitraum eingeschränkt wären.

Unser Risikoszenario hätte spürbar negative Folgen für Japan und die Schwellenländer

China dürfte sich in unserem Risikoszenario besser behaupten als seine Nachbarn. Das Land hat Ölreserven aufgebaut und kann die Produktion alternativer Energiequellen – Kohle und erneuerbare Energie – hochfahren. Zudem könnte China unter Umständen mehr russisches Öl beziehen, und es gibt Hinweise, dass Iran chinesischen Schiffen weiterhin die Passage durch die Strasse von Hormuz ermöglichen könnte. Ausserdem haben Chinas Behörden Spielraum für zusätzliche politische Unterstützung. Dennoch würden wir bei einer längeren Blockade der Meerenge und einem Risikoszenario mit einem Ölpreisanstieg von USD 50 pro Barrel mit Abwärtskorrekturen des Wachstums rechnen. Zum Zeitpunkt der Redaktion notiert Rohöl der Sorte Brent bei rund USD 90 pro Barrel.

Während die Situation in Nahost sorgfältige Beobachtung erfordert, rechnen wir weiterhin mit einem zeitlich begrenzten Konflikt und einem überschaubaren, kurzzeitigen Effekt auf die Energiepreise. Entsprechend bleiben wir bei einer moderat risikoorientierten Positionierung in den Portfolios. Zugleich verfolgen wir die Entwicklungen aufmerksam und sind bereit, unsere Haltung bei Bedarf anzupassen.

CIO Office Viewpoint

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1 Wir haben ein SVAR-Modell (strukturelle Vektorautoregression) genutzt, um einen Ölpreisschock von USD 10 pro Barrel sowie von USD 50 pro Barrel über einen Zeitraum von sechs Monaten zu simulieren. Das Modell greift auf Daten zurück, die über Jahrzehnte gesammelt wurden, um zu erkennen, wie sich die Ölpreise und verschiedene wirtschaftliche Grössen – wie Produktion, Konsum und Beschäftigung – typischerweise gemeinsam verändern. Anschliessend wird „der Film erneut abgespielt“ und simuliert, wie sich eine Volkswirtschaft unter den neuen Bedingungen entwickelt.

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