Solide Schweizer Fundamente halten globalen Belastungen stand

Samy Chaar - Chefökonom und CIO Schweiz
Samy Chaar
Chefökonom und CIO Schweiz
Bill Papadakis - Senior Macro Strategist
Bill Papadakis
Senior Macro Strategist
Solide Schweizer Fundamente halten globalen Belastungen stand

Kernpunkte.

  • Das Schweizer Wirtschaftswachstum hat sich erholt, angeführt vom verarbeitenden Gewerbe und von den Exporten. Wir haben unsere Prognosen für 2026 und 2027 angehoben.
  • Die Schweiz verfügt unseres Erachtens über Spielraum, um die produktiven Investitionen zu erhöhen und so die Binnennachfrage sowie den langfristigen Wachstumsausblick zu unterstützen.
  • Angesichts der niedrigen Inflation sehen wir für die Schweizerische Nationalbank wenig Anlass, den Leitzins anzuheben. Wir erwarten nur eine begrenzte Abschwächung des Schweizer Frankens.
  • Wir schätzen Schweizer Staatsanleihen weiterhin neutral ein und bevorzugen Laufzeiten von fünf bis sieben Jahren. Auch Schweizer Aktien beurteilen wir neutral. Hier heben wir ausgewählte Engagements hervor, darunter innovative Unternehmen mit attraktiven Dividenden.

Letztes Jahr stand das exportorientierte Wirtschaftsmodell der Schweiz auf dem Prüfstand. Angesichts von US-Zöllen, Störungen der Lieferketten und einer starken Währung schien das Land ungewöhnlich anfällig. Heute präsentiert sich das Bild viel freundlicher. Wir analysieren die Gründe für den besseren Wachstumsausblick und erläutern unsere Einschätzung von Schweizer Anlagen.

Vor einem Jahr drohten der Schweizer Wirtschaft US-Exportzölle von 39%, ein mehr als doppelt so hohes Niveau wie bei den europäischen Nachbarn. Dies wäre ein Rückschlag gewesen für eine exportorientierte Volkswirtschaft mit einer starken Währung, die ihre Handelsströme wegen des verhaltenen europäischen Wachstums stärker auf die USA ausgerichtet hatte.

Inzwischen ist die Lage eine ganz andere. Nach Verhandlungen und Zusagen von Schweizer Unternehmen, rund USD 200 Mrd. in den USA zu investieren, sank der Zollsatz für die meisten Schweizer Waren auf 15%. Für bestimmte Exportkategorien gilt ein tieferer Zoll von 12,5%, der im Juli 2026 eingeführt wurde.

Trotz der Auswirkungen der Zölle, der Herausforderungen in den Lieferketten, der schwächeren chinesischen Nachfrage und eines starken Schweizer Frankens haben Schweizer Unternehmen eine bemerkenswerte Anpassungsfähigkeit bewiesen. Dadurch stieg das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Schweiz im zweiten Quartal 2026 gegenüber den ersten drei Monaten des Jahres um 1,5% – so stark wie seit fast fünf Jahren nicht mehr. Chemie- und Pharmaunternehmen, die sich von mehreren Schocks erholten, trieben diese Entwicklung zusammen mit Exportfirmen an. Letztere profitierten von einem weltweiten, technologiegetriebenen Investitionsanstieg und der Nachfrage nach hochwertigen Gütern. Neben der Erholung im verarbeitenden Gewerbe und in der Industrie deuten Unternehmensumfragen auch auf eine Verbesserung im Dienstleistungssektor hin. Wir haben unsere Wachstumsprognose für die Schweiz für 2026 auf 2,3% und für 2027 auf 1,5% angehoben.

Wir haben unsere Wachstumsprognose für die Schweiz für 2026 auf 2,3% und für 2027 auf 1,5% angehoben

Niedrige Inflation und gesunde öffentliche Finanzen

Des Weiteren leidet die Schweiz weniger stark als andere Industrieländer unter den aktuellen makroökonomischen Belastungen, etwa fiskalpolitischen Bedenken und dem vom Nahen Osten ausgehenden Energieschock. Dank einer bedeutenden inländischen Stromerzeugung aus Wasser- und Kernkraft ist die Schweiz weniger von Energieimporten abhängig und weist weiterhin eine niedrige Inflation auf. Die Stärke des Schweizer Frankens hilft, den importierten Preisdruck zu begrenzen.

Die Gesamtinflation ist jüngst etwas gestiegen und hat im September 1,0% gegenüber dem Vorjahr erreicht, nach 0,8% im August und 0,4% im Juli. Setzt sich dieser Trend fort, könnte dies Bedenken wecken. Wir erwarten jedoch, dass die durchschnittliche Teuerung in diesem Jahr und bis ins Jahr 2027 hinein unter 1% bleibt. Daher halten wir es für wenig wahrscheinlich, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) gezwungen sein wird, den Leitzins vom derzeitigen Niveau von 0% anzuheben. Dies steht im Gegensatz zu anderen wichtigen Notenbanken, die ihre Geldpolitik straffen. Zwar besteht das Risiko einer Leitzinserhöhung durch die SNB Ende 2026 oder im Jahr 2027. Dies wäre jedoch eine begrenzte Anpassung und eher durch die Möglichkeit motiviert, geldpolitischen Spielraum zu schaffen, als durch das Ziel, die Inflation einzudämmen.

Nach einer leichten Abschwächung des Schweizer Frankens steht die SNB zudem weniger unter Druck, einzugreifen und eine Währungsaufwertung zu begrenzen. Ein starker Franken hat sich als hartnäckige Belastung für multinationale Schweizer Firmen erwiesen. Deren Kosten fallen in Schweizer Franken an, während sie den Grossteil ihrer Gewinne im Ausland erwirtschaften. In der zweiten Jahreshälfte 2025 hat sich die Schweizer Währung stark entwickelt. Dieses Jahr hat sie sich jedoch etwas abgeschwächt, insbesondere seit Juni. Denn die Anlegerinnen und Anleger haben begonnen, Leitzinserhöhungen in den USA und Europa einzupreisen. Auch haben die Bedenken über die politische Unabhängigkeit der US-Notenbank Fed nachgelassen.

Die Leitzinsdifferenzen gegenüber der Europäischen Zentralbank und der Fed sind inzwischen gross, und wir erwarten, dass sie sich bis ins Jahr 2027 hinein ausweiten. Dies dürfte einen begrenzten Abwärtsdruck auf den Schweizer Franken ausüben. Für die kommenden Monate sehen wir den USDCHF-Kurs weiterhin in einer Spanne von 0,81 bis 0,86, bei einer Zwölfmonatsprognose von 0,83. Für den EURCHF-Kurs erwarten wir auf Sicht von zwölf Monaten ein Niveau von 0,95.

Die Bewertungen von Schweizer Aktien entsprechen wieder den historischen Durchschnittsniveaus. Doch wir sehen weiterhin ausgewählte Chancen

Die Rendite der zehnjährigen Schweizer Bundesanleihe ist dieses Jahr deutlich gestiegen. Vor dem Hintergrund anziehender Renditen in anderen Industrieländern erreichte sie Ende September einen Höchststand bei rund 0,66%. Wir halten diese Bewegung ebenso wie die Markterwartung von nahezu drei Leitzinserhöhungen durch die SNB bis Ende 2027 für überzogen. Im Gegensatz zur aktuellen Marktbewertung rechnen wir mit einem Rückgang der langfristigen Schweizer Renditen, bei einem Niveau der zehnjährigen Rendite von rund 0,30% auf Sicht von zwölf Monaten. Wir beurteilen globale Staatsanleihen insgesamt weiterhin neutral und bevorzugen in der Schweiz Laufzeiten von fünf bis sieben Jahren.

Selektive Engagements in Schweizer Aktien

Für Aktienanleger scheint die verbesserte Gewinndynamik der Schweizer Unternehmen nun weitgehend eingepreist, und die Bewertungen entsprechen wieder den historischen Durchschnittsniveaus. Doch wir sehen weiterhin ausgewählte Chancen. Die Schweiz beheimatet zahlreiche globale Spitzenunternehmen mit hoher Innovationskraft, die in einem relativ stabilen wirtschaftlichen und politischen Umfeld tätig sind. Auch die auf Sicht von zwölf Monaten prognostizierten Dividendenrenditen von 3% scheinen attraktiv. Für Schweizer Anleger verringert ein Engagement in Aktien des Heimmarkts den Bedarf an Währungsabsicherungen im Portfolio.

Gesundheits- und Finanztitel machen zusammen rund 60% des Swiss Market Index aus und gehören weltweit weiterhin zu unseren bevorzugten Sektoren. Die Zollrisiken sind jedoch nicht verschwunden. Dies gilt insbesondere für den Pharmasektor, auf den rund ein Drittel der Schweizer Warenexporte in die USA entfällt und für den Präsident Trump wiederholt gesonderte, hohe Sektorzölle angedroht hat.

Spielraum für höhere Investitionen

Hinzu kommt, dass sich die Schweiz längerfristigen Herausforderungen nicht entziehen kann. Dazu zählen eine alternde Bevölkerung und Anzeichen dafür, dass sich die wirtschaftliche Dynamik nach der Covid-Pandemie verlangsamt haben könnte. Die Binnennachfrage bleibt moderat, und das Land verfügt über Spielraum, um die produktiven Investitionen zu erhöhen und so das langfristige Wachstum zu unterstützen. Die niedrige Staatsverschuldung, das geringe Haushaltsdefizit und der hohe Leistungsbilanzüberschuss der Schweiz bieten hierfür beträchtliche Möglichkeiten. Die Investitionen könnten in die Modernisierung der Verkehrsnetze, die Entlastung des Wohnungsangebots oder die Stärkung der strategischen Sicherheit fliessen, einschliesslich Energie und KI. Dies könnte wiederum private Kapitalflüsse anziehen.

Das Land beweist weiterhin jene Anpassungsfähigkeit, die seinen wirtschaftlichen Erfolg seit Langem untermauert

Angesichts der aktuellen geopolitischen Unsicherheit stand die Stellung der Schweiz in der Welt dieses Jahr im Mittelpunkt zweier Volksabstimmungen, welche die rechtskonservative Schweizerische Volkspartei (SVP) lanciert bzw. unterstützt hat. Die erste Vorlage sah eine Begrenzung der Wohnbevölkerung vor, die zweite eine strengere Auslegung der historischen Neutralität der Schweiz. Beide wurden abgelehnt.

Eine sich wandelnde Weltordnung mit neuen Handelshemmnissen, demografischem Druck und Belastungen des Wohnungsmarkts stellt die Widerstandsfähigkeit der Schweiz auf die Probe. Doch das Land beweist weiterhin jene Anpassungsfähigkeit, die seinen wirtschaftlichen Erfolg seit Langem untermauert.

CIO Office Viewpoint

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Wichtige Hinweise.

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