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Artikel veröffentlicht in Le Temps am 4. September 2026.
Europa wird oft als Kontinent beschrieben, dem es an Investitionen mangelt. Doch Europa verfügt über reichlich Kapital. Die Herausforderung besteht darin, die inländischen Ersparnisse in innovative, risikoreiche Branchen und Technologien zu lenken, die für den künftigen Wohlstand und die Sicherheit des Kontinents entscheidend sind.
Wiederkehrende Eskalationen in Nahost, eine aggressive strategische Haltung der USA in der Zollpolitik, Unsicherheit über das sicherheitspolitische Engagement Amerikas, Chinas Exportoffensive in wachstumsstarken Sektoren wie Elektrofahrzeugen: All dies verdeutlicht die Dringlichkeit der strategischen Herausforderungen Europas. Beim Wachstum und bei den Investitionen ist der Abstand gegenüber der US-Wirtschaft und den asiatischen Volkswirtschaften in den letzten Jahrzehnten grösser geworden. Der Kontinent muss mehr für seine Infrastruktur und seine Industrie tun und sich im Bereich KI stärker positionieren.
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Es ist noch nicht zu spät für einen Kurswechsel. Der ehemalige Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi schätzt in einem einflussreichen Bericht von 2024, dass die EU bis 2030 jährlich EUR 750 Mrd. bis EUR 800 Mrd. zusätzlich investieren muss. Das entspricht 4,5% des Bruttoinlandsprodukts. Mit diesen zusätzlichen Investitionen soll der Wettbewerbsrückstand gegenüber den USA und China aufgeholt werden.
Mario Draghi schätzt, dass die EU bis 2030 jährlich EUR 750 Mrd. bis EUR 800 Mrd. zusätzlich investieren muss, damit der Wettbewerbsrückstand gegenüber den USA und China aufgeholt werden kann
Unternimmt Europa nichts, wird seine Wettbewerbsfähigkeit weiter abnehmen. Schlimmer noch: Die USA und China setzen auf Zölle, Subventionen und andere Massnahmen, um die Spielregeln zum eigenen Vorteil anzupassen. Der Nahostkonflikt legt weltweit Stärken und Schwächen offen, während sich die geopolitischen Machtverhältnisse verschieben. Europa muss seine strategischen Verwundbarkeiten gezielt angehen.
Europa stellt sich allmählich auf diese neue Weltordnung ein und entwickelt Pläne zum Schutz seiner Wirtschaft. Sein Problem ist aber nicht ein Mangel an Kapital, sondern der Kapitaltransfer. Die Ironie dabei: Trotz aller Diskussionen über die Finanzierung seiner Herausforderungen verfügt Europa über reichlich Ersparnisse. Europas private Haushalte verfügen insgesamt über Ersparnisse von schätzungsweise EUR 33 Bio. Ein Drittel davon liegt auf Girokonten; der Rest ist zu einem grossen Teil im Ausland investiert, überwiegend in den USA. Das bedeutet, dass Europa seine Ersparnisse exportiert, während seine innovativen Unternehmen Mühe haben, ausreichend Kapital zu beschaffen.
Europas private Haushalte verfügen insgesamt über Ersparnisse von schätzungsweise EUR 33 Bio. Ein Drittel davon liegt auf Girokonten; der Rest ist zu einem grossen Teil im Ausland investiert
Die vordringliche Aufgabe der Politik ist daher nicht die Suche nach mehr Kapital, sondern die Mobilisierung des im Inland vorhandenen Potenzials. Möglich ist dies durch grössere Anreize für private Haushalte, Pensionsfonds und Versicherer, in wachstumsstarke Unternehmen zu investieren. Eine weitere Möglichkeit ist die Vertiefung der Kapitalmärkte bei gleichzeitiger Abstimmung der steuerlichen Rahmenbedingungen und der Behandlung von Investitionen.
Den Regierungen kommt dabei eine wichtige Rolle zu. Anstatt private Investitionen zu ersetzen, könnten sie die damit verbundenen Risiken durch Garantien, First-Loss-Strukturen und bessere Beschaffungsverfahren verringern. Das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität, ein EUR 500 Mrd. schweres Investitionspaket der deutschen Regierung, ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Ob es privates Kapital anzieht, bleibt jedoch abzuwarten. Die Umsetzung erfolgt bisher langsamer als erwartet, nimmt nun aber Tempo auf. Davon profitieren der Verkehrsbereich, vor allem die Bahninfrastruktur, die Digitalisierung und das Gesundheitswesen.
Zudem erhöht die EU ihre Verteidigungsausgaben mit einem Programm zur gemeinsamen Beschaffung von Verteidigungsgütern, unter anderem mit Nicht-Mitgliedstaaten wie der Schweiz. Doch in den einzelnen Bereichen des europäischen Binnenmarkts bestehen weiterhin Baustellen. Themen wie Gesellschaftsrecht, Clearing und Abrechnung, Verbriefung und Aufsichtsvorschriften sind uneinheitlich geregelt. Das hindert Finanz-, Energie- und Telekommunikationsunternehmen daran, ihr Geschäft europaweit auszubauen. Eine Initiative, grenzüberschreitende Schwierigkeiten mit einem einzigen Regelwerk für Unternehmen zu beseitigen, ist bislang nicht mehr als ein Entwurf.
Eine Initiative, grenzüberschreitende Schwierigkeiten mit einem einzigen Regelwerk für Unternehmen zu beseitigen, ist bislang nicht mehr als ein Entwurf
Diese Probleme sind nicht neu, aber drängend, denn die politischen Risiken nehmen zu. Deutschlands Koalitionsregierung bleibt fragil, und Frankreich wird im kommenden Jahr einen neuen Präsidenten wählen. Letztlich hängt Europas Attraktivität als Investitionsstandort davon ab, ob es gelingt, langfristig zu investieren, die enormen privaten Ersparnisse zu mobilisieren und öffentliches sowie privates Kapital wirksam aufeinander abzustimmen.
Europa kann ein Kontinent bleiben, der sein reichliches Kapital nicht effizient einsetzt. Oder es kann die bereits angestossenen und als notwendig erkannten institutionellen Reformen vollenden, um Ersparnisse in Innovation, Produktivität und strategische Stärke umzuwandeln. Die Region ist zwar schwach gestartet, bei den globalen Investitionen aber nach wie vor im Rennen.
Wichtige Hinweise.
Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.
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