Steigende Düngemittelpreise, verschärfte Stickstoffregelungen und Margendruck auf Landwirte zwingen die europäische Landwirtschaft, die Nutzung und Bewirtschaftung eines ihrer elementarsten Inputfaktoren zu überdenken. Die Herausforderung besteht nicht nur darin, die Umweltverschmutzung zu reduzieren, sondern ein Ernährungssystem aufzubauen, das stärker auf die Kreislaufwirtschaft ausgerichtet und wesentlich ressourceneffizienter ist.
Die moderne Landwirtschaft beruhte lange Zeit auf einem linearen Modell: Nährstoffe werden extrahiert, ausgebracht, konsumiert – und gehen dabei allzu häufig verloren. Gülle, Düngemittel, Treibstoff und Lebensmittelerzeugung wurden als separate Bestandteile des Landwirtschaftssystems behandelt und nicht als Elemente eines einzigen, selbsterhaltenden Zyklus.2
Dieses Modell gerät heute zunehmend unter Druck. Landwirte in ganz Europa ächzen unter dem Einfluss konvergierender Kräfte: verschärfte Umweltbestimmungen, volatile Düngemittelpreise, höhere Energiekosten, Margendruck und wachsende Sorge um Boden, Wasser und Biodiversität. Was als Stickstoffdebatte begann, entwickelt sich zu einer umfassenden Frage der Resilienz im Ernährungssystem und der Ressourcensicherheit.3
Das Beispiel Niederlande veranschaulicht diese Herausforderung gut. Auf saftigen Weiden südwestlich von Amsterdam betreibt Milchbauer und Käser Kees Captein ein Familienunternehmen, dessen Wurzeln bis in die späten 1940er-Jahre zurückreichen. Neben der Milch produzieren seine Kühe auch Tausende Tonnen Gülle.4 Der Stickstoff in dem tierischen Nebenprodukt kann ein wertvoller Dünger sein. Bei schlechter Bewirtschaftung kann er jedoch in die Böden und ins Grundwasser gelangen und die Biodiversität, Wasserqualität und menschliche Gesundheit beeinträchtigen.
Die niederländische Politik will die Stickstoffemissionen aus der Landwirtschaft bis 2035 deutlich senken. Dazu gelten unter anderem Obergrenzen für den Tierbestand und Beschränkungen in der Nähe von gefährdeten Zonen und Naturschutzgebieten.5 In weitergehenden EU-Regelungen wurde zudem die Menge an Gülle reduziert, die Landwirte als Dünger ausbringen dürfen. Landwirten wie Captein entsteht dadurch ein kostspieliger Widerspruch: Überschüssige Gülle muss abtransportiert werden, gleichzeitig wird sie durch zugekauften konventionellen Dünger ersetzt.
„Ich habe 40’000 Euro bezahlt, um die Gülle loszuwerden“, erklärt Captein. Seine schlichte Antwort auf die Frage, wie er und zahlreiche andere niederländische Landwirte unter den aktuellen Belastungen weitermachen: „Wir machen einfach weiter; wir sind Sturköpfe.“
Düngemittel, Energie und die Geopolitik der Ernährungssicherheit
Aufgrund der geopolitischen Lage spitzt sich die Herausforderung weiter zu. Düngemittel sind globale Rohstoffe und hängen eng mit Erdgas, den Energiepreisen und den Handelsströmen zusammen. Die Europäische Kommission stellt fest, dass auf den Nahen Osten 35% der weltweiten Stickstoffdüngerexporte entfallen. Obwohl die EU direkt nur begrenzt von der Region abhängig ist, können Störungen daher das weltweite Angebot verknappen und den Wettbewerb um alternative Quellen verschärfen.6
Der jüngste Irankonflikt hat diese Verwundbarkeit unterstrichen. Die Schliessung der Strasse von Hormuz hat Verwerfungen bei den Lieferketten für Dünger ausgelöst. Die Folge: Düngemittel- und Energiepreise sind gestiegen und die Verfügbarkeit wichtiger Rohstoffe für die EU-Produktion ist eingeschränkt. Reuters berichtet, dass die erhöhten Spannungen in Nahost zu einem Anstieg der Harnstoffpreise und der Düngemittelmargen geführt und einige Landwirte ihre Bestellungen daher aufgeschoben haben.7 Höhere Erdgaspreise – ein zentraler Inputfaktor in der Herstellung von Stickstoffdünger – dürften in den kommenden Quartalen auch die Herstellungskosten einiger führender europäischer Hersteller von stickstoffbasiertem Dünger erhöhen.8
Die eigentliche Frage lautet: Wie kann Europa Nährstoffe, Energie, Abfälle und die Nahrungsmittelproduktion in einem einzigen Kreislaufsystem bewirtschaften, anstelle sie als isoliert zu lösende Probleme zu betrachten?
Für Europa ist dies nicht mehr nur eine Frage der Erschwinglichkeit, sondern eine Frage der strategischen Resilienz. Der Düngemittel-Aktionsplan 2026 der Europäischen Kommission9 soll Landwirte angesichts steigender Düngemittelkosten unterstützen, die heimische Produktion stärken und die Importabhängigkeit verringern. Er fördert die Nutzung biologischer und biobasierter europäischer Düngeralternativen und erleichtert die Verwendung von Gärresten aus organischen Abfällen wie Gülle und Speiseresten.
An dieser Stelle geht die Herausforderung über das reine Düngemittelproblem hinaus. Die eigentliche Frage lautet: Wie kann Europa Nährstoffe, Energie, Abfälle und die Nahrungsmittelproduktion in einem einzigen Kreislaufsystem bewirtschaften, anstelle sie als isoliert zu lösende Probleme zu betrachten?
Vom Abfall- zum Ressourcenstrom
Natürliche Ökosysteme sind das Rückgrat der Weltwirtschaft: Geschätzt mehr als 50% des globalen BIP hängen direkt von der Natur und ihren Ökosystemleistungen ab – von den fruchtbaren Böden über die Bestäuber, die die Pflanzenproduktion ermöglichen, bis hin zu den Rohstoffen, auf denen ganze Branchen aufbauen.10 Veränderte Landnutzung, Ressourcenentnahme und Umweltverschmutzung untergraben dieses Fundament schneller, als es sich regenerieren kann.11 Wir sind bei Lombard Odier der Meinung, dass eine Bio-Kreislaufwirtschaft entstehen und die heutige lineare, extraktive Wirtschaft zunehmend ersetzen wird. Das neue Wirtschaftsmodell ist ressourceneffizient und arbeitet im Einklang mit der Natur – nicht auf ihre Kosten.
Die Landwirtschaft steht im Zentrum dieser Transformation. Sie ist volatilen Inputkosten, Klimarisiken und dem Biodiversitätsverlust ausgesetzt. Gleichzeitig ist sie einer der Sektoren mit dem höchsten Potenzial, Naturkapital wiederherzustellen, Abfälle zu reduzieren und resilientere Lieferketten aufzubauen.
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Die Frage lautet nun: Wie lässt sich der Nährstoffkreislauf neu denken?
Die niederländische Organisation für Landwirtschaft und Gartenbau (LTO) argumentiert, dass den Landwirten bereits organische Gülle auf ihren Höfen zur Verfügung steht. Mehr Flexibilität bei den Stickstoffgrenzen könne die Abhängigkeit von importierten Düngemitteln reduzieren. Umweltverbände dagegen warnen, dass die europäische Düngemitteldebatte die allgemeine Umweltverschmutzungskrise nicht ausser Acht lassen sollte. Sara Johansson vom Europäischen Umweltbüro sagt es sehr direkt: „Das ist keine Düngemittelkrise. Europa steht vor einer Umweltverschmutzungskrise.“12
Ein stärker kreislauforientiertes Modell könnte dazu beitragen, diesen Kreislauf zu schliessen – und damit Abfall- in Ressourcenströme verwandeln und die Abhängigkeit von importierten, energieintensiven Düngemitteln reduzieren
Beide Perspektiven weisen auf dasselbe zugrunde liegende Problem hin: Das aktuelle System ist falsch ausgerichtet. Die OECD hält fest: Wenn die Menge des Nährstoffeintrags – beispielsweise durch Viehdung und Düngemittel – die Aufnahmefähigkeit von Kulturpflanzen und Weiden übersteigt, kann der Überschuss Böden, Wasser und Luft verunreinigen.13 Die Landwirte stehen vor steigenden Compliance-Kosten und volatilen Betriebsmittelpreisen, während Ökosysteme, Gemeinschaften und öffentliche Gesundheitssysteme die weitreichenderen Kosten der Nährstoffbelastung tragen. Ein stärker kreislauforientiertes Modell könnte dazu beitragen, diesen Kreislauf zu schliessen – und damit Abfall- in Ressourcenströme verwandeln und die Abhängigkeit von importierten, energieintensiven Düngemitteln reduzieren.
Gülle in Energie und Wertschöpfung umwandeln
Ein Beispiel ist Groenewoud Gas, gegründet von Frank Van Genugten. Das Unternehmen sammelt frischen Kuhdung von 18 lokalen Milchviehbetrieben und betreibt damit eine Biogasanlage. Das Rohbiogas wird aufgefangen, zu Erdgas aufbereitet und in das lokale Netz eingespeist. In Rahmen des Verfahrens werden auch andere verwertbare Stoffe extrahiert, darunter ein Torfersatz und ein stickstoffreduzierter Dünger aus tierischen Abfällen.14
Das Modell verwandelt eine Umweltlast in einen Ressourcenstrom: Gülle wird zu Energie, Düngemittel, Bodenmaterial und Baustoff. Landwirte könnten für den Abfall, dessen Entsorgung sie einst bezahlen mussten, eines Tages Geld bekommen. „Ich habe eine Warteliste mit Landwirten, die mitmachen wollen“, erklärt Genugten. „Ich denke, in einigen Jahren werden sie für ihren Kuhdung Geld bekommen, weil wir daraus viele interessante Dinge machen können.“15
Bio-Kreislaufwirtschaft in der Praxis sieht so aus: Erneuerbare biologische Ressourcen werden effizienter eingesetzt, die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen sinkt und es entstehen Systeme, die das Naturkapital regenerieren, anstatt es aufzuzehren.
Kreislauflandwirtschaft als Anlagechance
Die Relevanz für Anlegerinnen, Anleger und Privatbankkunden liegt auf der Hand. Dünger ist nicht nur ein landwirtschaftliches Betriebsmittel. Er befindet sich an der Schnittstelle zwischen Energiemärkten, Erdgaspreisen, Ernährungssicherheit, Handelsrouten, Regulierungen, Wasserqualität und Biodiversität.
Die Landwirtschaft beruhte lange Zeit auf einem linearen Modell, das beliebig oft wiederholt wurde: Extraktion von Ressourcen, Erzeugung von Lebensmitteln, Bewirtschaftung von Abfällen. Sie ist in hohem Masse abhängig von Düngemitteln auf fossiler Basis, von importierten Betriebsmitteln und von Abfallströmen, die nur in eine Richtung gehen. Das aktuell entstehende Modell setzt auf Nährstoffrückgewinnung, biobasierte Alternativen und regenerative Praktiken, die die Bodengesundheit und die lokale Ressourcenresilienz wiederherstellen.
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Wir sind bei Lombard Odier der Meinung, dass dieser Wandel nicht nur aus ökologischer Notwendigkeit geschieht, sondern auch wirtschaftlich begründet ist. Mit fortschreitendem Wandel dürften unseres Erachtens zunehmend jene Unternehmen profitieren, die ihn ermöglichen. Dazu zählen Unternehmen, die die Regenerationsfähigkeit der Natur fördern oder ihre Zerstörung verhindern – durch Umweltschutz, Abfallbewirtschaftung und Ressourceneffizienz. In der Praxis reicht das von regenerativer Forstwirtschaft über organische Düngemittel bis hin zu nachhaltigen Verpackungen.
In der Landwirtschaft entstehen somit konkrete Anlagechancen bei Lösungen in den Bereichen biobasierte Düngemittel, Nährstoffrückgewinnung, Methanreduktion, Kreislaufmaterialien und Wasserqualität. Die Wirtschaftsdaten sind auch für sich genommen zunehmend attraktiv: Landwirte, die Direktsaatverfahren und bodenbedeckende Kulturen kombinieren, können mit 10–30% höheren Erträgen im Vergleich zu konventionellen Methoden rechnen.16 In trockenen Jahren fällt dieser Vorsprung noch höher aus – bei sinkenden Inputkosten. Für Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette für Nahrungsmittel, die diesen Wandel vorantreiben wollen, bedeutet das: Sie müssen Lieferketten aufbauen, die produktiver, resilienter und weniger anfällig sind für geopolitische Schocks wie die oben beschriebenen.
In der Ernährung wie auch im Energiebereich ist dieser Wandel kein Kostenfaktor, sondern ein Wettbewerbsvorteil für diejenigen, die als Erste handeln
Von der ökologischen Notwendigkeit zum Wettbewerbsvorteil
Die niederländische Stickstoffdebatte zeigt, wie schwierig dieser Wandel sein kann. Die Landwirte stehen von allen Seiten unter Druck: Regulierungen, volatile Betriebsmittelpreise und enge Margen. Umweltverbände warnen, dass die Kosten der Umweltverschmutzung immer noch zu hoch sind. Die Politik versucht unterdessen, Ernährungssicherheit und die Lebensgrundlage der Landwirte gegen strategische Autonomie und ökologische Grenzen abzuwägen.
Die Chance besteht darin, das System selbst von Grund auf neu zu gestalten: Dung wird nicht nur als Abfallmanagementproblem betrachtet, sondern auch als Quelle für Energie, Nähr- und Grundstoffe; Dünger nicht nur als Quelle für Emissionen und Umweltverschmutzung, sondern auch als Plattform für Regeneration.
In einer Welt höherer Inputkosten, strengerer Regulierungen und höherer geopolitischer Unsicherheit wird die Zukunft der Landwirtschaft von einem intelligenteren Ressourceneinsatz abhängen. In der Ernährung wie auch im Energiebereich ist dieser Wandel kein Kostenfaktor, sondern ein Wettbewerbsvorteil für diejenigen, die als Erste handeln.
Für Landwirte wie Kees Captein ist das Überleben möglicherweise immer noch eine Frage der Sturheit. Für Anleger, politische Entscheidungsträger und führende Akteure im Ernährungssystem geht es um Strukturelleres: die Fähigkeit, aus einer ökologischen Notwendigkeit zu einer Kreislaufwirtschaft überzugehen.
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