Konflikt zwischen USA, Israel und Iran: Szenarien für Gesamtwirtschaft und Anlagen

Samy Chaar - Chefökonom und CIO Schweiz
Samy Chaar
Chefökonom und CIO Schweiz
Dr. Luca Bindelli - Head of Investment Strategy
Dr. Luca Bindelli
Head of Investment Strategy
Konflikt zwischen USA, Israel und Iran: Szenarien für Gesamtwirtschaft und Anlagen

Kernpunkte.

  • Der Konflikt zwischen den USA, Israel und Iran erhöht die Risiken für die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte. Wir analysieren zwei Szenarien: unser Basisszenario mit einer begrenzten Eskalation und ein Risikoszenario mit einem globalen Ölschock.
  • Im Basisszenario hätte ein moderater Ölpreisanstieg begrenzte makroökonomische Auswirkungen. Im Risikoszenario könnte der Ölpreis um bis zu USD 50 pro Barrel steigen, was das Wirtschaftswachstum belasten und Aufwärtsdruck für die Inflation bedeuten würde.
  • Wir erwarten in den kommenden Wochen eine stärkere Volatilität bei Risikoanlagen, festere Öl- und Rohstoffpreise und eine grössere Nachfrage nach sicheren Anlagen.
  • Da wir von einer begrenzten Eskalation ausgehen, bleibt unsere Anlagestrategie moderat risikoorientiert. Wir halten in den Portfolios an einer Untergewichtung globaler Staatsanleihen sowie einer Übergewichtung von Schwellenländeranlagen und Gold fest.

Die US-israelischen Angriffe auf Iran können mit bedeutenden Auswirkungen auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte einhergehen und sind für die iranische Führung eine existenzielle Bedrohung. Wir analysieren zwei Szenarien: erstens unser Basisszenario mit einer begrenzten Eskalation und einem überschaubaren Energiepreisschock; und zweitens einen globalen Ölschock mit einer längeren Schliessung der Strasse von Hormuz und umfangreicheren Folgen für die Gesamtwirtschaft und die Märkte.

Die US-israelischen Angriffe und die iranische Vergeltung bergen weltweit hohe Risiken und haben in der Region bereits grosse Turbulenzen ausgelöst und Opfer gefordert. Die Märkte haben weiterhin keine Klarheit über Schäden an Irans Ölinfrastruktur und über das volle Ausmass der iranischen Reaktion. Der Umfang der US-israelischen Operationen übertrifft die Angriffe des letzten Jahres deutlich, und die Aktion ist komplexer sowie riskanter. Das iranische Regime hat bereits mit Schlägen auf Ziele in der gesamten Region reagiert. Das Land ist wirtschaftlich durch jahrzehntelange Sanktionen geschwächt und politisch fragil nach dem harten Vorgehen gegen Demonstrierende. Es hat nun wichtige Führungspersonen, darunter den obersten Führer Ali Khamenei, verloren und starke Vergeltung angekündigt.

Wir betrachten zwei Szenarien: erstens unser Basisszenario mit einer begrenzten Eskalation, überschaubaren Störungen der globalen Energiemärkte und limitierten Auswirkungen auf die Weltwirtschaft; und zweitens einen längeren, ausgedehnteren Konflikt, der zu einem Ölpreisschock führt.

In beiden Szenarien – sowohl im begrenzten wie im extremeren – erwarten wir, dass der Ölpreis nach sechs Monaten in seine jüngst verzeichnete Spanne zurückkehrt

Zur Simulation möglicher Folgen für das Wirtschaftswachstum und die Inflation modellierten wir Effekte anhand von Daten der letzten 40 Jahre. Dies umfasst Jahrzehnte, in denen die USA viel stärker energieabhängig waren als heute. Die Effekte sind „stagflationär“: Die wirtschaftliche Aktivität geht tendenziell zurück, während die Inflation steigt. Aus makroökonomischer Sicht am stärksten betroffen wäre die Industrieproduktion, wo die Energiepreise wichtige Inputkosten darstellen. Wichtig: In beiden Szenarien – sowohl im begrenzten wie im extremeren – erwarten wir, dass der Ölpreis nach sechs Monaten in seine jüngst verzeichnete Spanne zurückkehrt.

Basisszenario – begrenzte Eskalation

Unserer Meinung nach entfaltet sich derzeit unser Szenario mit „begrenzten Störungen“. Vor den Angriffen lag der Brent-Rohölpreis mit USD 73 pro Barrel auf dem höchsten Stand seit sieben Monaten. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung notiert der Referenzpreis für Rohöl bei USD 79 pro Barrel. Als die USA im Juni 2025 iranische Atomanlagen angriffen, kletterte der Ölpreis auf fast USD 78 pro Barrel, bevor er wieder unter USD 70 pro Barrel fiel. Am 1. März einigte sich die Gruppe OPEC+ auf eine zusätzliche Fördermenge von 206’000 Barrel im April.

In diesem Szenario einer begrenzten Eskalation rechnen wir mit vernachlässigbaren Folgen für die Gesamtinflation und das Wachstum in den USA. Wir erwarten daher weiterhin drei Leitzinssenkungen der US-Notenbank Fed in diesem Jahr, da diese einen sehr bescheidenen Anstieg der Gesamtinflation als vorübergehenden Effekt betrachtet.

Wir erwarten daher weiterhin drei Leitzinssenkungen der Fed in diesem Jahr

Risikoszenario – Ölpreisschock

Das zweite Szenario würde eine längere Blockade der Strasse von Hormuz durch den Iran und einen intensiveren Konflikt bedeuten. Dadurch könnte der Ölpreis um bis zu USD 50 pro Barrel steigen. Rund ein Viertel des weltweiten Öls wird durch die Strasse von Hormuz transportiert, die zudem eine wichtige Route für Flüssigerdgas, Düngemittel und Industriemetalle ist. Mindestens zwei Schiffe wurden in der Region bereits angegriffen.

Es gilt darauf hinzuweisen, dass dieses Extremszenario eine wahrscheinliche Obergrenze für den Ölpreisanstieg darstellt und ein Versuch ist, die wirtschaftlichen Folgen zu quantifizieren.

In diesem zweiten Fall wäre der Schock gross genug, um das Wirtschaftswachstum, die Teuerung und den Arbeitsmarkt zu beeinträchtigen. Wir würden für die USA eine Gesamtinflation von durchschnittlich 3,5% im Jahr 2026 und einen Rückgang des Wachstums auf 1,2% erwarten. Für die Fed würde es schwieriger, die Beschäftigungs- und die Inflationskomponente ihres Mandats auszubalancieren. Bleiben die langfristigen Inflationserwartungen verankert – wie während der Pandemie und der Zollunsicherheit –, dürfte die Fed den Teuerungseffekt als temporär einstufen. Sollte die Arbeitslosenquote über 5,5% steigen – deutlich mehr als unser Modell vorwegnimmt –, würde die Fed zu einer aggressiven Zinssenkungsstrategie übergehen. Dagegen erwarten wir, dass sie bei einem begrenzteren Anstieg der Arbeitslosigkeit Stabilität gegenüber aggressiven Zinssenkungen priorisieren würde.

Für andere Volkswirtschaften würde das Risikoszenario eine stärkere Abwärtskorrektur unserer Prognose für das Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts bedeuten. Dies gilt insbesondere für Asien sowie für Schwellenländer Europas, des Nahen Ostens und Afrikas. Hinzu käme eine höhere Inflation, da viele dieser Volkswirtschaften auf Energieimporte angewiesen sind – wobei die Auswirkungen natürlich je nach Volkswirtschaft unterschiedlich wären. Die Effekte wären vom Verlauf der Eskalation abhängig.

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Auswirkungen auf Anlageklassen

Die Preise für Öl, Gold und Industriemetalle sind gestiegen, ebenso wie die Nachfrage nach sicheren Anlagen. Der „stagflationäre“ Charakter des Ölpreisschocks – also höhere Inflation bei tieferem Wachstum – führt zu einer leichten Risikoaversion an den Märkten. Gold dürfte sich in unserem Basisszenario als Absicherung gegen Inflationsrisiken überdurchschnittlich entwickeln. In einem stärker ausgeprägten „stagflationären“ Risikoszenario wäre der Goldpreisanstieg deutlicher, da dieses Szenario mit tieferen Realzinsen einherginge. Eine gewisse Volatilität bei den Renditen von Staatsanleihen ist wahrscheinlich, da die Märkte ihre Erwartungen bezüglich Inflation, Wachstum und Zinsreaktionen der Notenbanken neu beurteilen. Temporäre Zugewinne bei Staatsanleihen aufgrund der Flucht in sichere Häfen sind wahrscheinlich, falls die Wachstumsrisiken überwiegen. Da Europa als Region am stärksten von Energieimporten abhängig ist und sich die Europäische Zentralbank auf die Inflation des Verbraucherpreisindex abstützt, der Energie einschliesst, könnten die Euro-Zinskurven vorübergehend abflachen. Die Anleihenrenditen am kurzen Ende bleiben wegen höherer Ölpreise verankert, während die langfristigen Zinsen aufgrund der Risiken eines niedrigeren Wachstums fallen könnten. Inflationsgeschützte US-Staatsanleihen (TIPS) dürften profitieren und nominale Staatsanleihen übertreffen. Die Aussicht auf geringeres Wachstum drückt die Realrenditen zehnjähriger US-Staatsanleihen, während die Break-even-Inflation aufgrund höherer Ölpreise steigt. Wie Gold würden TIPS in einem ausgeprägteren „stagflationären“ Risikoszenario zusätzliche Gewinne gegenüber nominalen Anleihen verzeichnen.

An den Aktienmärkten dürften eine steigende Volatilität und höhere Ölpreise die Risikobereitschaft vorübergehend belasten

An den Aktienmärkten dürften eine steigende Volatilität und höhere Ölpreise die Risikobereitschaft vorübergehend belasten und für kurzfristige Abwärtsrisiken sorgen. Danach würde es im Zuge einer Stabilisierung zu einer Erholung kommen. Bei früheren geopolitischen Ereignissen mit Ölpreisschocks verloren globale Aktien im Durchschnitt rund 3%, gefolgt von einer Erholung während durchschnittlich 40 Tagen. Zu diesen Ereignissen gehören die iranische Revolution 1979, der Golfkrieg 1990, der zweite Golfkrieg 2003 sowie die israelisch-amerikanischen Angriffe auf iranische Nuklearanlagen 2025. Diese Durchschnittszahlen werden jedoch stark durch den massiven Ölschock (+70%) während des sechs Monate dauernden Golfkriegs 1990 verzerrt, der einen Einbruch globaler Aktien um fast 18% und eine Erholungsphase von etwa 130 Tagen nach sich zog. Die Effekte des Ölschocks werden ebenfalls eine wichtige Rolle spielen und Energie exportierende Volkswirtschaften gegenüber Energieimporteuren begünstigen. Entsprechend erwarten wir eine vorübergehend unterschiedliche Performance: Aktien des Energiesektors dürften sich überdurchschnittlich entwickeln, während von Energieimporten abhängige Regionen mehr unter Druck geraten. In den kommenden Tagen und Wochen könnte dies die japanischen und europäischen Aktienmärkte belasten. US-Aktien dürften hingegen besser abschneiden, gestützt durch die Rolle der USA als bedeutender Ölproduzent und die Exponierung des Markts gegenüber Qualitätstiteln der Bereiche Technologie, Kommunikationsdienste, Gesundheitswesen und Energie. Auch Schweizer Aktien dürften sich besser entwickeln, da sie eine geringe Volatilität und defensive Eigenschaften bieten. Zyklische Sektoren mit Ausnahme von Rüstungsunternehmen sowie Gold- und Industriemetallminen dürften stärker unter höheren Energieinputkosten und einer schwächeren Endnachfrage leiden als defensive Bereiche wie Gesundheitswesen, Basiskonsumgüter und Versorger. In unserem Basisszenario einer begrenzten Eskalation halten wir an unseren aktuellen sektor- und regionenspezifischen Präferenzen fest. Wir behalten eine leichte Untergewichtung der USA und eine Übergewichtung Japans bei und bevorzugen die Sektoren Versorger, Gesundheitswesen und Grundstoffe.

Auch Schwellenländeraktien dürften zunächst unter Druck geraten angesichts des hohen Anteils asiatischer Unternehmen und der Abhängigkeit von Energieimporten. Über die kurze Sicht hinaus sollten Schwellenländeraktien in unserem Basisszenario eines moderaten und temporären Ölpreisanstiegs jedoch weiterhin besser abschneiden als Aktien der Industrieländer.

Lateinamerikanische Märkte, besonders Mexiko, dürften relativ robust bleiben, während Südafrika von seiner Goldminen-Exponierung profitieren sollte. Indien könnte die anfängliche Flucht in als sicher geltende Anlagen ebenfalls gut verkraften, doch anhaltende Störungen der Ölversorgung könnten den indischen Aktienmarkt belasten. Chinas umfangreiche Ölreserven sollten stabilisierend wirken. Dies gilt, auch wenn der Offshore-Markt traditionell stark auf Risikoaversion reagiert und zunächst eine erhöhte Volatilität verzeichnen könnte, da Irans Ölangebot infrage steht.

Unsere Strategie ist weiterhin moderat risikoorientiert

Auch an den Devisenmärkten werden sich die Störungen bezüglich Öl und die Flucht in sichere Häfen bemerkbar machen. Währungen von Ländern, die Energie importieren, dürften vorübergehend schwächer tendieren, während Währungen, die als sichere Häfen gelten, aufwerten. Der Schweizer Franken kann weiter erstarken, wobei das Risiko von Interventionen der Schweizerischen Nationalbank gegen eine starke Aufwertung zunehmen würde. Die Renditen langfristiger Schweizer Staatsanleihen könnten aufgrund der Nachfrage nach sicheren Häfen fallen. Der US-Dollar könnte sich kurzfristig stabilisieren, unterstützt durch die Rolle der USA als Nettoenergieexporteur. Die Gewinne würden jedoch bei einer anschliessenden Normalisierung der Ölpreise wieder neutralisiert. Ein stärker ausgeprägtes „stagflationäres“ Szenario würde eine anhaltende Dollarstärke begünstigen.

Längerfristig sind die Marktreaktionen von der Dauer und Schwere des Konflikts abhängig. Da wir derzeit von einem Szenario begrenzter Eskalation ausgehen und die Makrodaten sowie die Unternehmensgewinne solide bleiben, ist unsere Strategie weiterhin moderat risikoorientiert. In unserer Portfoliopositionierung halten wir eine Untergewichtung globaler Staatsanleihen, eine Übergewichtung von Schwellenländeranlagen sowie eine Übergewichtung von Gold als Risikoabsicherung. Wir erwarten in den kommenden Wochen eine steigende Volatilität bei Risikoanlagen und beobachten die Ereignisse aufmerksam. Wir sind bereit, die Portfoliopositionierung je nach Entwicklung rasch anzupassen.

CIO Office Viewpoint

Konflikt zwischen USA, Israel und Iran: Szenarien für Gesamtwirtschaft und Anlagen

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