Artikel veröffentlicht in Business Green am 8. Juli 2026: Regenerative agriculture is now a food security imperative | BusinessGreen Opinion
In Grossbritannien standen Kundinnen und Kunden letzten Monat in grossen Supermärkten vor Hinweiszetteln an leeren Kühlregalen. Professor Paul Behrens von der University of Oxford drängte die Regierung, etwas gegen die Krise der Ernährungssicherheit zu unternehmen, die dem Land nach seinen Worten droht. Er warnte, dass extreme Wetterereignisse die Lebensmittelpreise weiter in die Höhe schnellen lassen würden.
Einen Monat zuvor war die Fourth UK Climate Change Risk Assessment erschienen. Sie stufte die mit dem Klimawandel verbundenen Risiken für Landwirtschaft und Ernährungssysteme als „kritisches“ Problem ein, das dringendes Handeln erfordert.
Diese deutliche Warnung wirkt sich bereits auf die Wirtschaft aus: Naturkatastrophen und Klimaschocks treiben die Lebensmittelpreise in die Höhe, beeinträchtigen die Ernährungssicherheit und mindern die Margen in der Wertschöpfungskette für Nahrungsmittel.
Es ist höchste Zeit, unsere aktuellen Agrar- und Ernährungssysteme zu transformieren. Nur so werden sie ein Teil der Lösung und nicht eine Ursache für Klima- und Naturkrisen sein
Es ist höchste Zeit, unsere aktuellen Agrar- und Ernährungssysteme zu transformieren. Nur so werden sie ein Teil der Lösung und nicht eine Ursache für Klima- und Naturkrisen sein. Zudem können sie eine gesündere Ernährung unterstützen und die Resilienz stärken.
Die regenerative Landwirtschaft war eines der Kernthemen beim jährlichen Groundswell Festival, das letzte Woche im Vereinigten Königreich stattfand. Sie bietet uns eine einzigartige Chance, unsere Ernährungssysteme zu überdenken. Im Zentrum stehen dabei die Natur sowie die Gesundheit des Planeten und der Menschen.
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Vom Nachhaltigkeitsnarrativ zur finanziellen Realität. Ein im letzten Sommer veröffentlichter Bericht der Europäischen Investitionsbank und der Howden Insurance Group enthält Schätzungen zu den Kosten von Klimaauswirkungen wie Dürren und Hochwasser für den europäischen Agrarsektor. Diese Kosten liegen Jahr für Jahr bereits bei rund EUR 28 Mrd. und könnten sich in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten nahezu verdoppeln – wenn wir einfach so weitermachen wie bisher.
Parallel dazu identifizierte eine neue wissenschaftliche Studie mehr als 15 globale Nahrungsmittellieferketten, in denen vom Klimawandel verursachte Extremwetterereignisse für massive Beeinträchtigungen sorgten. Dabei umfasste der Betrachtungszeitraum gerade einmal die letzten vier Jahre.
Infolgedessen verändern sich auch das Narrativ und das Verantwortungsgefühl in grossen Lebensmittelunternehmen sehr schnell. Sie betrachten die Naturzerstörung und den Klimawandel nicht mehr nur als reine Nachhaltigkeitsprobleme, sondern als grundlegende wirtschaftliche Risiken.
Die Finanzvorstände übernehmen immer mehr die Führung. Denn Risiken für die Ökosysteme stellen inzwischen bedeutende Finanzrisiken dar. Diese äussern sich in Preisvolatilität, abnehmender Qualität, einem verminderten Durchsatz und einer geringeren Resilienz der Lieferkette.
Die negativen externen Umwelteffekte herkömmlicher Ernährungssysteme sind heute die Ursache für Ausfälle dieser Systeme
Die herkömmlichen Ernährungssysteme sind für rund 30% der vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen verantwortlich und stehen mit 80% bis 90% des weltweiten Biodiversitätsverlusts im Zusammenhang. Ihre negativen externen Umwelteffekte sind heute die Ursache für Ausfälle dieser Systeme.
Der Druck wächst, weil geopolitische Schocks die Kosten für Kunstdünger in die Höhe treiben. Die konventionelle Landwirtschaft, die von Betriebsmitteln auf fossiler Basis abhängig ist und den Klimawandel sowie die Zerstörung der Natur beschleunigt, hat ihre Grenzen erreicht.
Ein regenerativer Ansatz, der sowohl das Unvermeidbare bewältigt als auch das Unbeherrschbare vermeidet, ist nichts Neues. Im Landbau und in indigenen Gemeinschaften in aller Welt ist das Konzept seit Jahrhunderten bekannt.
Der Unterschied ist, dass Wissenschaft und Technologie uns heute in die Lage versetzen, die zugrunde liegenden ökologischen Prinzipien zu verstehen. Zudem können wir die Auswirkungen auf die Umwelt und die Wirtschaft besser abschätzen. Es ist an der Zeit, dass dieser Ansatz zum Standard wird und in grossem Massstab Anwendung findet.
Regenerative Landwirtschaft ist ein ganzheitlicher Ansatz. Dieser soll Böden und die grösseren sozioökologischen Systeme, die auf sie setzen, regenerieren sowie ihre Gesundheit, Resilienz und langfristige Produktivität wiederherstellen.
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Regenerative Landwirtschaft ist ein ganzheitlicher Ansatz. Dieser soll Böden und die grösseren sozioökologischen Systeme, die auf sie setzen, regenerieren sowie ihre Gesundheit, Resilienz und langfristige Produktivität wiederherstellen
Dazu reduziert die regenerative Landwirtschaft die Abhängigkeit von synthetischen chemischen Betriebsmitteln sowie die physische und mechanische Belastung –zum Beispiel durch Bodenbearbeitung. Sie bevorzugt zudem Verfahren, die die Bodengesundheit verbessern, die Biodiversität fördern und natürliche Kohlenstoffsenken stärken, beispielsweise durch Bäume, Hecken und Tierhaltung. Weitere Massnahmen sind die Optimierung der Fruchtfolge und der Zwischenfruchtanbau unter Verwendung von Kompost, Biokohle und anderen organischen Stoffen.
Das Ergebnis ist ein Agrarmodell, das Extremwetterereignissen und Klimaschocks besser widersteht. Darüber hinaus verbessert es die Resilienz nicht nur von Agrarbetrieben, sondern auch der Landschaft und der gesamten Wertschöpfungskette für Nahrungsmittel. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition für regenerative Landwirtschaft, aber eines ist den meisten Definitionen gemein: Es gibt kein Einheitsmodell, das immer und überall geeignet ist.
Es handelt sich vielmehr um kontextspezifische Konzepte, über die die Landwirte die Kontrolle haben. Sie müssen auf den Bodentyp und -zustand, lokale Ökosysteme und Mikroklimata, die Wahl der Anbaukultur sowie das sozioökonomische und kulturelle Umfeld der Betriebe abgestimmt sein.
Regenerative Landwirtschaft ist ein Prozess, der kontinuierliches Lernen, ständige Datenerfassung und laufende Innovationen in den Agrarbetrieben erfordert. Genau wegen dieses weniger normativen, ergebnisorientierten Ansatzes betrachten viele Landwirte die regenerative Landwirtschaft als eine deutlich attraktivere Option.
Immer mehr Belege zeigen zudem, dass regenerative Landwirtschaft auf Betriebsebene mittel- bis langfristig bessere wirtschaftliche Ergebnisse erzielen kann. Laut einer Analyse deutscher Agrarbetriebe können die Gewinne aus dem Getreide- und Ölsaatenanbau bei vollständiger Umstellung auf regenerative Verfahren bis zu 60% höher ausfallen. Bis dahin vergehen in der Regel sechs bis zehn Jahre. Diese Schätzung könnte inzwischen zu niedrig angesetzt sein, weil zum Zeitpunkt der Studie die aktuellen geopolitischen Spannungen noch nicht bestanden, die Kunstdünger drastisch verteuerten.
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Die Vorteile ergeben sich hauptsächlich aus niedrigeren Inputkosten, der höheren Resilienz der Böden und dadurch weniger Ernteausfällen sowie der mit der Zeit stabileren Produktion. Dies spricht deutlich für die regenerative Landwirtschaft – nicht nur als ökologische Notwendigkeit, sondern auch als finanziell attraktives Modell für die Landwirte und das breite Ernährungssystem.
Regenerative Ansätze sind zwar vielversprechend, aktuell aber noch nicht ausgereift. Sie haben den Schritt von der frühen Einführungs- und Pilotphase zu beständigeren, skalierbaren und wirtschaftlichen Modellen noch nicht vollzogen
Regenerative Ansätze sind zwar vielversprechend, aber noch nicht ausgereift. Sie haben den Schritt von der frühen Einführungs- und Pilotphase zu beständigeren, skalierbaren und wirtschaftlichen Modellen noch nicht vollzogen. Daher besteht eine entscheidende Chance, das Lernen zu beschleunigen und Investitionen gezielt dorthin zu lenken, wo sie am dringendsten nötig sind. Zudem bietet sich die Gelegenheit, Bedingungen zu schaffen, die eine Skalierung von Modellen mit nachgewiesener Wirtschaftlichkeit ermöglichen.
Auf Einladung der Circular Bioeconomy Alliance (CBA) trafen sich kürzlich in Schloss Windsor Akteure, die sich an Förderung, Aufbau und Betrieb des Agrar- und Ernährungssystems und entsprechenden Investitionen beteiligen. Aus diesen Gesprächen ergeben sich vor allem fünf Handlungsansätze:
1. Langfristige Abnahmeverpflichtungen. Eine Verpflichtung, die regenerative Landwirtschaft zu unterstützen, ist das Wirkungsvollste, was Käuferinnen oder Käufer tun können. Langfristige Liefervereinbarungen senden ein deutliches Signal an Landwirte und Investoren, dass die Nachfrage real und dauerhaft ist und wächst. Ohne solche Vereinbarungen können Landwirte nicht planen, und Investoren werden den Weg nicht mitgehen.
2. Investitionen in Wissen und Strukturen, um voneinander zu lernen. Der Übergang gelingt schneller, wenn Landwirte sehen, dass er bei anderen funktioniert. Investitionen in unabhängige landwirtschaftliche Fachberatung und Netzwerke, die den Landwirten ermöglichen, voneinander zu lernen, zählen zu den wirksamsten Hilfsmitteln. Die gemeinsame Entwicklung von Pilotprojekten in Wertschöpfungsketten, in denen der Übergang am dringendsten nötig und besonders komplex ist, ist ein weiterer vielversprechender Ansatz. Unsere CBA Living Labs erbringen überzeugende Nachweise und unterstützen den Auf- und Ausbau von Kapazitäten vor Ort.
3. Neubewertung der Risiken. Das aktuelle Finanzsystem stuft die regenerative Landwirtschaft noch immer als stark risikobehaftet ein. Die vorliegenden Erkenntnisse belegen zunehmend das Gegenteil. Kreditgeber, Versicherer und Investoren müssen ihre Modelle überarbeiten, damit sie das tatsächliche Risikoprofil des Übergangs widerspiegeln. Zudem muss die regenerative Bodenbewirtschaftung als langfristige wirtschaftliche Infrastruktur anerkannt werden.
4. Anstösse zum Umdenken. Zu wenige wissen, dass dieser Ansatz funktioniert. Es gibt zwar immer mehr Belege, aber das Narrativ fehlt. Für die Landwirte geht es um Resilienz. Für Verbraucherinnen und Verbraucher geht es um gesündere Lebensmittel von gesünderen Böden. Der Privatsektor spielt hier eine wichtige Rolle: Kommunikationsbudgets, Lieferkettenreichweite sowie Beziehungen zu Kundinnen und Kunden gibt es bereits, um diesem Thema zu mehr Bekanntheit zu verhelfen; sie müssen einfach nur gezielter dafür eingesetzt werden.
5. Stärkung gemeinsam angewandter Methoden und Rahmenwerke für einen wissenschaftsbasierten Übergang. Der Ausbau der regenerativen Landwirtschaft erfordert bessere gemeinsam genutzte, wissenschaftsbasierte Hilfsmittel zur Messung und Überprüfung der Ergebnisse. Was in einem bestimmten Kontext funktioniert, kann verstanden, verglichen und auf einen anderen Kontext übertragen werden. Mit belastbaren, unabhängigen Belegen lassen sich Landwirte für das Modell gewinnen. Ausserdem wecken sie das Interesse von Investoren und schaffen Vertrauen unter Verbraucherinnen und Verbrauchern. In dem Sektor gibt es bereits erhebliche Anstrengungen. Priorität haben nun der Ausbau bestehender Initiativen sowie Massnahmen, die sicherstellen, dass die Landwirte die Kontrolle über ihre Daten behalten.
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