The Intelligent Allocator: Geopolitische Befürchtungen sind schneller als Kapital

Michael Strobaek - Global CIO Private Bank
Michael Strobaek
Global CIO Private Bank
Clément Dumur - Portfolio Manager
Clément Dumur
Portfolio Manager
The Intelligent Allocator: Geopolitische Befürchtungen sind schneller als Kapital

Kernpunkte.

  • Das internationale regelbasierte Modell aus dem Zeitalter der Globalisierung ist einer neuen Weltordnung der „Geoökonomie“ und strategischen Autonomie gewichen
  • Solange weder die Energiemärkte noch Lieferketten unterbrochen sind, wirken sich geopolitische Spannungen meist nur kurzzeitig auf die Preise von Anlagen aus. Die Industrieländer sind inzwischen resilienter, da sie nicht mehr so energiesensitiv sind
  • Anleger sollten prüfen, ob geopolitische Ereignisse bedeutende wirtschaftliche oder ressourcenbezogene Sachzwänge schaffen und die Profitabilität von Unternehmen beeinträchtigen
  • Das Ziel ist nicht, geopolitische Schocks zu antizipieren, sondern Portfolios aufzubauen, die Schocks dank einer soliden strategischen Vermögensallokation standhalten.

Die Vorstellung einer „neuen Weltordnung“ ist alles andere als neu. Zum ersten Mal tauchte der Begriff im 19. Jahrhundert auf. Seine Entwicklung lässt sich anhand des 1904 erschienenen Artikels „The Geographical Pivot of History“ des britischen Geografen und Politikers Halford Mackinder nachverfolgen. Darin legte er mit seiner „Kernlandtheorie“ die Grundlagen der modernen Geopolitik. Seine These: Wer das ostasiatische Kernland kontrolliert, hat die Weltmacht in der Hand. Halford Mackinder verwendete den Begriff „neue Weltordnung“ nicht im heutigen politischen Sinn. Er sprach jedoch eine dauerhafte, unbequeme Erkenntnis aus: Die Weltordnung ist vielmehr von Geografie, Macht und der Kontrolle über strategische Ressourcen geprägt als von Idealen und Erklärungen.

Ein knappes Jahrhundert später, als sich der erste Golfkrieg abzeichnete, erlangte der Terminus neue Berühmtheit aufgrund einer Rede von US-Präsident George H. W. Bush vor dem Kongress im Jahr 1990. Präsident Bush skizzierte die Vision einer regelbasierten internationalen Ordnung, die in multilateralen Institutionen verankert ist und durch eine US-Führung abgesichert wird. Bald folgte die Befreiung von Kuwait. Sie wurde zum ersten grossen Konflikt nach dem Kalten Krieg, der mit ausdrücklicher Autorisierung der Vereinten Nationen geführt wurde: ein kurzer Moment, in dem Macht und Legitimierung vereint schienen, anstatt in einem Spannungsverhältnis zu stehen.

Die 1990er- und 2000er-Jahre waren der Beginn des Zeitalters der Globalisierung. Während in Europa 1999 die Währungsunion in Kraft trat, wurde Chinas Eintritt in die Welthandelsorganisation (WTO) 2001 vielmehr als Annäherung denn als Rivalität gedeutet. Die Märkte verinnerlichten diese Weltsicht. In den Industrieländern sank der Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandsprodukt (BIP), und die Lieferketten überschritten Grenzen. Zudem wurden Energie und Rohstoffe vor allem als wirtschaftliche Inputs und nicht als strategische Waffen betrachtet. Man ging mehrheitlich davon aus, dass die Wirtschaft die Politik disziplinieren würde.

Ironischerweise war diese Zeit alles andere als friedlich. Es gab viele Kriege, doch Konflikte wurden als Terrorismusbekämpfung oder Sicherheitsoperation dargestellt, nicht als Wettstreit um Einflusssphären. Mit der Zeit wurden indessen die Annahmen, auf denen die Ordnung nach dem Kalten Krieg beruhte, stillschweigend untergraben. Eine politische Annäherung Chinas blieb aus – obwohl sein Anteil am nominalen globalen BIP von rund 4% bei Eintritt in die WTO auf heute etwa 20% stieg. Russland widersetzte sich der Regelung nach dem Kalten Krieg zunehmend: von den Interventionen in Georgien 2008 über die Besetzung der Krim 2014 bis hin zur grossflächigen Invasion in die Ukraine 2022. Die multilateralen Institutionen schwächelten bei zunehmendem nationalem Populismus.

Der Covid-19-Schock kristallisierte diese Trends heraus. Die Geschwindigkeit der Virenübertragung führte den Staaten vor Augen, wie vernetzt sie geworden waren. So bedeuteten Lieferkettenstörungen Engpässe bei medizinischer Ausrüstung, Halbleitern, Verschiffungskapazitäten, Rohstoffen und Arbeitskräften. Die gegenseitige Verflechtung bedeutete Vulnerabilität. Daher änderten sich die politischen Prioritäten drastisch – von Lieferketteneffizienz hin zu Lieferkettenresilienz.

Die „neue Weltordnung der Ära Trump“ ist vielmehr eine Beschleunigung als ein Bruch

Vor diesem Hintergrund ist die „neue Weltordnung der Ära Trump“ vielmehr eine Beschleunigung als ein Bruch. Sicherheit, Souveränität und strategische Autonomie zählen nun mehr als Kosteneffizienz. Die Wirtschaft dient wieder der Geopolitik statt umgekehrt. Handelspolitik, Industriesubventionen und Zölle sind nun wieder Mittel der Staatsführung. „Geoökonomie“ ist kein theoretisches Konstrukt mehr, sondern wird von den grossen Weltmächten tatsächlich umgesetzt.

Märkte sind Diskontierungsmechanismen, keine moralischen Richter

Die Geopolitik analysiert, wie Geografie, Macht und strategische Zwänge – die Kontrolle über wichtige Technologien, physische Engpässe und der Zugang zu natürlichen Ressourcen – das Verhalten von Staaten prägen. Die Makroökonomie hingegen konzentriert sich auf die Wirtschaft als Ganzes. Sie untersucht Wachstum, Inflation, Beschäftigung sowie Kapitalflüsse und geht in der Regel davon aus, dass sich Ungleichgewichte im Zeitverlauf über Preise und Politik abbauen. Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Die makroökonomischen Ergebnisse sind vom reibungslosen Verkehr von Waren, Kapital, Energie und Arbeitskräften abhängig. Die Geopolitik hingegen bestimmt, wo sich diese Stromgrössen bewegen können und wo nicht.

Die Finanzmärkte sind vor allem makrogesteuert. Daher hat die Geopolitik in der Vergangenheit die Kurse von Anlagen nur begrenzt und kurzfristig unter Druck gesetzt. Das zeigt sich an Kennzahlen wie dem VIX Index, der die implizierte Volatilität des US-Aktienmarkts misst und als „Angstbarometer“ gilt.

Geopolitisch bedingte Ausschläge der Volatilität sind meist eher kurzfristig als dauerhaft. Die Märkte reagieren nur dann stark auf die Geopolitik, wenn wichtige wirtschaftliche Übertragungskanäle wie insbesondere die Energie- und Rohstoffmärkte oder Lieferketten gestört werden. Dazu gehören Einschränkungen bei kritischen Technologien wie Halbleitern oder der Einsatz von Rohstoffen wie Öl oder seltenen Erden als Waffe. Potenzielle Störfaktoren sind auch Handelsbarrieren, welche die Preise in die Höhe treiben, oder die Blockade physischer Engpässe – von der Strasse von Hormuz bis hin zum Suezkanal. Ansonsten sorgt Geopolitik oft für laute Schlagzeilen, ohne sich auf die Kurse auszuwirken.

Geopolitische Ereignisse waren selten die Hauptursache für makroökonomische Abschwächungen

Geopolitische Ereignisse waren nur selten die Hauptursache für makroökonomische Abschwächungen. Die deutlichste Ausnahme bleibt der Yom-Kippur-Krieg 1973. Das darauf folgende Ölembargo löste eine schwere Energiekrise aus und trieb die Inflation in die Höhe. Verstärkt wurde dies durch bereits bestehende Lohn- und Preiskontrollen in den USA. Das Ergebnis war eine tiefe Rezession. Viel häufiger fielen geopolitische Ereignisse mit vorhandenen Schwachstellen zusammen und verstärkten sie. Beispiele sind der erste Golfkrieg und die Rezession 1990 oder die Terroranschläge vom 11. September 2001 nach dem Platzen der Dotcom-Blase. Auch Russlands Invasion in die Ukraine während des Straffungszyklus der US-Notenbank Fed 2022 zählt dazu.

Seit 1990 fielen die Marktreaktionen auf geopolitische Schocks im Allgemeinen verhaltener aus. Die Industrieländer sind inzwischen weniger energieintensiv. Die USA haben sich in den frühen 2020er-Jahren von einem grossen Öl-Nettoimporteur zum Nettoexporteur gewandelt. Die politischen Rahmenbedingungen federn die Schocks besser ab. Wenn sich die Politik nicht anpasst, tun dies in der Regel die Märkte und wirtschaftlichen Akteure.

Untersuchungen des Internationalen Währungsfonds bestätigen diese Einschätzung. Geopolitische Risiken werden oft heuristisch bepreist: Die ungewisse Dauer, das unklare Ausmass und die Seltenheit erschweren eine Quantifizierung im Voraus. Zugleich sind sie als seltene, aber potenziell extreme Ereignisse bis zu ihrem Eintritt unterbewertet. Halten Spannungen ohne unmittelbare wirtschaftliche Beeinträchtigungen an – wie bei den Beziehungen zwischen den USA und China –, wird die Aufmerksamkeit der Anlegerinnen und Anleger eher schwächer als stärker.

Die Märkte sind keine moralischen Richter über das Weltgeschehen, sie sind Diskontierungsmechanismen

Das heisst nicht, dass die Märkte geopolitische Risiken ignorieren. Sie ignorieren Störgeräusche. So beunruhigend die Schlagzeilen auch sein und so unmittelbar sie in Zeiten steter Medienpräsenz auch empfunden werden mögen: Die Märkte sind keine moralischen Richter über das Weltgeschehen, sie sind Diskontierungsmechanismen.

Die vorgezogenen Neuwahlen in Frankreich im Juni 2024 veranschaulichen dies. Die politische Unsicherheit stieg, aber die Anpassung erfolgte vielmehr über die relativen Kurse von Anlagen als durch einen vollständigen Zusammenbruch. Der CAC 40 blieb hinter den breiter gefassten europäischen Aktienmärkten zurück. Die Renditedifferenzen (Spreads) französischer Staatsanleihen weiteten sich gegenüber ihren deutschen Pendants aus. Die Spreads von Credit Default Swaps stiegen leicht über den historischen Durchschnitt. Damit wurden Risikoprämien neu bewertet; es gab kein systemisches Ereignis.

Disziplin in einer geopolitisch gesteuerten Welt

Die Geschichte mag lehren, dass die Märkte geopolitische Störgeräusche ignorieren. Doch das ist kein Grund, sich zurückzulehnen. Ein geopolitisch belastetes Umfeld und Veränderungen der Weltordnung erfordern Disziplin, analytischen Abstand und Sachlichkeit.

Erstens ziehen Anleger in einer solchen Welt keinen Vorteil aus der Vorhersage von Ereignissen, sondern aus der Erkenntnis, welche Ergebnisse sie sich nicht leisten können.

Der geopolitische Stratege Marko Papic fasst das im Konzept der Sachzwänge zusammen: die harten physischen, wirtschaftlichen und ressourcenbezogenen Grenzen, die für politische Entscheidungsträger unabhängig von ihrer Ideologie gelten. Energieverfügbarkeit, haushaltspolitische Kapazitäten, Lieferketten, Demografie und industrielle Kapazitäten bestimmen letztlich, was Regierungen tun können – und trennen das bloss Mögliche vom wirklich Wahrscheinlichen. Die Konzentration auf diese Sachzwänge – statt auf politische Rhetorik oder Medienhysterie – kann Anlegern helfen, angesichts des unaufhörlichen Nachrichtenflusses einen kühlen Kopf zu bewahren.

Disziplinierte Anleger sollten fragen: Beeinträchtigt dieses Ereignis die Fähigkeit von Unternehmen, Gewinne zu erzielen?

Zweitens sind Märkte gewinnorientiert. Unternehmensgewinne stützen die Aktienbewertungen, die Beschäftigung und den Konsum, auf den rund 70% des amerikanischen BIP entfallen. Die Gewinne führen zu den Steuereinnahmen, die öffentliche Ausgaben finanzieren.

Disziplinierte Anleger sollten sich daher eine einfache Frage stellen: Beeinträchtigt dieses geopolitische Ereignis die Fähigkeit von Unternehmen, Gewinne zu erzielen?

Gewinne sind abhängig von Umsatzwachstum und Margen. Bleibt die Nachfrage unverändert und wirken sich Lieferkettenstörungen, Handelsbarrieren oder Preisschocks nicht strukturell auf die Kosten aus, gilt: Geopolitische Ereignisse haben wahrscheinlich keine bleibenden Auswirkungen auf die Gewinne. Ausserhalb von Rezessionsphasen steigern Unternehmen tendenziell weiter ihre Gewinne.

Geopolitik spielt demnach hauptsächlich für die langfristige strategische Vermögensallokation eine Rolle, und nicht für kurzfristige taktische Reaktionen. Die Welt verändert sich nicht einfach so: Sie passt sich an – ungleichmässig, lautstark und oft ineffizient. Die Aufgabe des intelligenten Anlegers ist daher nicht, den nächsten geopolitischen Schock zu antizipieren. Vielmehr geht es darum, widerstandsfähige Portfolios aufzubauen, die Schocks standhalten. Auch in Zukunft kommt es darauf an, die Ziele der grössten Wirtschaftsakteure und vor allem die Sachzwänge, die diese Ziele begrenzen, zu verstehen. Nur so lassen sich nachhaltige Veränderungen von vorübergehenden Befürchtungen unterscheiden.

Global CIO Viewpoint

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Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende.

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