US-Zölle wegen Grönland bergen mehr politische als wirtschaftliche Konsequenzen

Samy Chaar - Chefökonom und CIO Schweiz
Samy Chaar
Chefökonom und CIO Schweiz
Filippo Pallotti, PhD - Macro Strategist
Filippo Pallotti, PhD
Macro Strategist
Dr. Luca Bindelli - Head of Investment Strategy
Dr. Luca Bindelli
Head of Investment Strategy
US-Zölle wegen Grönland bergen mehr politische als wirtschaftliche Konsequenzen

Kernpunkte.

  • Die angedrohten US-Zölle gegen acht NATO-Verbündete wegen deren Unterstützung für Grönland hätten nur geringe wirtschaftliche Folgen. Sie würden die effektiven US-Zollsätze um rund 0,5 bis 1,5 Prozentpunkte erhöhen
  • Die US-Zwischenwahlen nahen, und die US-Drohungen bezüglich Grönland dürften die europäische Meinung einen. Daher scheinen EU-Massnahmen gegen politisch sensible Sektoren der USA deutlich glaubwürdiger
  • Wir bleiben bei unserem Basisszenario, dass diese Zölle nicht in Kraft treten. Falls sie kurzfristig umgesetzt würden, können die politischen Folgen für die USA bei einer Eskalation grösser sein als die direkten wirtschaftlichen Auswirkungen
  • Die geopolitischen Risikoprämien sind gestiegen, angeführt von Gold. Die Auswirkungen dürften begrenzt bleiben, solange die Spannungen nicht zunehmen. Europäische Exportsektoren sind am anfälligsten; die Folgen für den US-Markt hängen vom Umfang möglicher EU-Massnahmen ab.

Angesichts des Widerstands gegen den Vorstoss, Grönland zu erwerben, hat Präsident Trump am 17. Januar über soziale Medien Zölle von 10% gegen acht NATO-Verbündete angekündigt: Dänemark, Norwegen, Schweden, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Deutschland, die Niederlande und Finnland. Die Abgaben sollen am 1. Februar in Kraft treten und am 1. Juni auf 25% steigen, sofern keine Einigung erzielt wird.

Wir gehen davon aus, dass die makroökonomischen Auswirkungen dieser neuen Zölle im Falle einer Umsetzung begrenzt bleiben. Auf die genannten acht europäischen Volkswirtschaften entfallen 10,5% der gesamten US-Warenimporte. Die neuen US-Abgaben würden voraussichtlich aufgrund des International Emergency Economic Powers Act (IEEPA) verhängt – einer Grundlage, die derzeit vom Supreme Court geprüft wird. Gemäss den aktuellen IEEPA-Zöllen wären 44% bis 50% der Importe aus den betroffenen Ländern ausgenommen, da sie den „Section 232“-Zöllen unterliegen oder unterliegen könnten. Nach diesen Ausnahmen würde die effektive US-Zollrate im Szenario mit Abgaben von 10% um rund 0,5 Prozentpunkte steigen; im Szenario mit Zöllen von 25% würde die Zunahme rund 1,5 Prozentpunkte betragen. Das liegt deutlich unter den Folgen der globalen Zollankündigungen vom April 2025.

Aufgrund dieses moderaten Effekts lassen wir unsere makroökonomische Prognose für das US-Wachstum im Jahr 2026 unverändert. Es gibt auch erhebliche Unsicherheit bezüglich Umsetzung dieser Zölle. Dazu gehört die Tatsache, dass die Ankündigung über soziale Medien und nicht als Executive Order – eine Bedingung für einen Kauf Grönlands – erfolgte. Ausserdem besteht ein zweiwöchiges Zeitfenster bis zur Februar-Frist, und der Präsident ist nach Drohungen schon mehrfach zurückgerudert.

Die Europäische Union verfügt nun anders als im August 2025, als sie den 15%-Zoll-Deal akzeptierte, über mehr Verhandlungsmacht und dürfte eher Gegenzölle verhängen. Europa hat die Möglichkeit, vor den US-Zwischenwahlen wirtschaftliche Massnahmen zu ergreifen. Es sind ähnliche Schritte wie im März 2025 denkbar, als die EU Donald Trumps Stahl- und Aluminiumzöllen mit Massnahmen entgegentrat, die republikanische Hochburgen trafen. Dazu gehören insbesondere Abgaben auf Kentucky Bourbon, Harley-Davidson-Motorräder aus Wisconsin (ein wichtiger Swing State) sowie landwirtschaftliche Produkte aus Iowa und anderen Bundesstaaten.

Die Zwischenwahlen im November 2026 sind jetzt nur noch wenige Monate entfernt, was Gegenzölle politisch deutlich wirksamer macht

Während diese Massnahmen im August-Deal ausgesetzt wurden, lassen drei Gründe EU-Gegenmassnahmen diesmal glaubwürdiger scheinen. Erstens sind die Zwischenwahlen im November 2026 jetzt nur noch wenige Monate entfernt, was Gegenzölle politisch deutlich wirksamer macht. Zweitens dürfte der Bezug zu Grönland in Europa für breite politische Unterstützung sorgen. Drittens richten sich die Zölle gezielt gegen NATO-Verbündete, die Truppen zur gemeinsamen Verteidigung nach Grönland entsandt haben; dies sorgt für parteiübergreifende Geschlossenheit in Europa und sogar überparteilichen Widerstand in den USA.

Die ersten Reaktionen europäischer Leader deuten in diese Richtung. Dabei wird der 6. Februar als mögliches Datum für EU-Gegenmassnahmen im Umfang von bis zu EUR 93 Mrd. genannt, um Zeit zur Deeskalation zu haben. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drohte mit dem Einsatz des Anti-Coercion-Instruments (ACI) der EU. Falls Europa mit Massnahmen reagiert, sind unseres Erachtens die politischen Konsequenzen für Präsident Trump vor den Zwischenwahlen deutlich grösser als die direkten wirtschaftlichen Folgen der Zölle.

Steigende geopolitische Risikoprämien

Wir bleiben bei unserem Basisszenario, dass Zölle von 10% trotz zunehmender Spannungen gar nicht oder nur für kurze Zeit in Kraft treten. Grund dafür ist, dass Präsident Trump diesmal mehr zu verlieren hat und Europa stärkere Anreize für Gegenmassnahmen besitzt. Zugleich besteht die Möglichkeit grösserer Spannungen zwischen der EU und den USA mit höheren Zöllen auf beiden Seiten.

An den Märkten erwarten wir steigende geopolitische Risikoprämien, angeführt von Gold. Ausmass und Dauer hängen davon ab, wie hoch das Risiko einer Eskalation im Handel zwischen der EU und den USA ist. Entscheidend ist zudem, wie der Supreme Court über die Nutzung des IEEPA urteilt.

… wir erwarten keine nachhaltigen Marktfolgen. Allerdings rechnen wir mit einer stärkeren regionalen und sektorbezogenen Differenzierung

Ohne eine deutliche Eskalation und angesichts bislang robuster Unternehmensgewinne erwarten wir keine nachhaltigen Marktfolgen. Allerdings rechnen wir mit einer stärkeren regionalen und sektorbezogenen Differenzierung, einschliesslich der Umschichtung in defensive Sektoren sowie in angemessen bewertete Titel mit KI-Bezug. Wir gehen davon aus, dass Aktien der Schweiz, Japans und der Schwellenländer eine Outperformance verzeichnen. Unter Schwellenländeraktien dürften stärker binnenorientierte Märkte wie China und Indien besser abschneiden als US-exponierte Märkte wie Taiwan oder Südkorea, die anfälliger für Gewinnmitnahmen sind.

Wenn die Spannungen weiter eskalieren, sind europäische Aktien am anfälligsten, insbesondere exportorientierte Sektoren mit IEEPA-Zöllen. Dazu gehören Pharma, Gesundheitswesen, Maschinenbau, Luxusgüter, Investitionsgüter und bestimmte Bereiche der Tech-Hardware, die mit Druck auf Margen und Bewertungen konfrontiert wären. Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich scheinen am stärksten exponiert. Auch US-Aktien sind nicht immun, vor allem wenn die EU Zölle auf US-Importe im Umfang von EUR 93 Mrd. verhängen sollte. Das würde Industriewerte, Exporteure, globale Konsumgütermarken und die allgemeine Marktstimmung belasten. Ein möglicher Abbau der europäischen Bestände an US-Anlagen in Höhe von USD 8 Bio. könnte die US-Aktienrisikoprämie erhöhen und den US-Dollar schwächen. Vorerst dürfte jedoch die starke KI-getriebene Gewinndynamik das Abwärtsrisiko für US-Aktien begrenzen, solange sich die Handelsspannungen nicht zu einem systemischen und längeren Konflikt ausweiten.

Der US-Dollar dürfte kaum aufwerten – dies angesichts der schwachen internationalen Nettovermögensposition der USA und der Rolle Europas als grösster ausländischer Besitzer von US-Vermögenswerten

Wir erwarten zudem eine begrenzte Volatilität für kurzfristige US-Zinsen. Bei einer Eskalation der Spannungen dürften vor allem für längerfristige Renditen Aufwärtsrisiken bestehen, getrieben durch geopolitische Risiken und politische Unsicherheit. Der US-Dollar dürfte kaum aufwerten – dies angesichts der schwachen internationalen Nettovermögensposition der USA und der Rolle Europas als grösster ausländischer Besitzer von US-Vermögenswerten. Dadurch besteht weiterhin Druck, Dollar-Engagements zu reduzieren oder abzusichern. Der Schweizer Franken dürfte aufgrund seiner Rolle als sicherer Hafen vorübergehend aufwerten. Wir bestätigen unsere negative Einschätzung des US-Dollar und erwarten weiterhin eine robuste Entwicklung der Schwellenländerwährungen. Die Auswirkungen auf unsere aktuelle taktische Portfoliopositionierung dürften sich abgesehen von erhöhter Marktvolatilität in Grenzen halten. Unsere Übergewichtung von Gold bietet in diesem Umfeld wichtige Diversifizierungsvorteile. Wir beobachten die Situation aufmerksam und werden die Positionierung bei Bedarf anpassen.

Realpolitik in Davos

Präsident Trump hat zu Jahresbeginn nach der Intervention in Venezuela und strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Chef der US-Notenbank mehrere politische Fronten eröffnet. Führende Politiker der Welt werden diese Woche im schweizerischen Davos zum jährlichen World Economic Forum erwartet. Dazu gehören Präsident Trump sowie europäische Staats- und Regierungschefs wie der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz. Wir erwarten weitere Nachrichten zum Thema und verfolgen die Ereignisse genau.

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