KI-Barbaren vor den Toren der Softwareunternehmen

Marco Barresi - Senior Equity Research Analyst, Tech sector
Marco Barresi
Senior Equity Research Analyst, Tech sector
KI-Barbaren vor den Toren der Softwareunternehmen

Kernpunkte.

  • Wir sind der Ansicht, dass die Märkte die Verteilung der KI-Auswirkungen und deren zeitlichen Horizont falsch einschätzen. Wir erwarten, dass KI die Nachfrage nach Software erhöht und im Sektor zu einer Wertverschiebung über viele Jahre hinweg führt.
  • Die jüngsten Kurskorrekturen haben Anlagechancen geschaffen, da viele erstklassige Qualitätstitel Bewertungen auf Rezessionsniveau erreicht haben.
  • Die Auswirkungen werden im Sektor ungleich verteilt sein. Anwendungen, die leicht automatisiert werden können, geraten unter Druck. Systeme, die stark in die Arbeitsprozesse von Unternehmen integriert sind, gewinnen an Bedeutung.
  • Wir sehen Chancen bei angemessen bewerteten, erstklassigen Wachstumstiteln des Technologiesektors. Zugleich bleiben wir in Aktien der Industrieländer insgesamt neutral positioniert und in Schwellenländeraktien übergewichtet.

Künstliche Intelligenz hat das Potenzial, die Produktivität, den Arbeitsmarkt und die industrielle Infrastruktur neu zu prägen. Ihre Auswirkungen sind vergleichbar mit dem Aufkommen der Elektrizität, der Computertechnologie oder des Internets. Zugleich hat KI tiefgreifende Folgen für die Struktur der Softwareindustrie, die wegen einer möglichen KI-bedingten Disruption der Geschäftsmodelle ins Zentrum der Debatte gerückt ist.

Der jüngste Einbruch bei Softwareaktien war breitflächig und undifferenziert. Die Anlegerinnen und Anleger haben reagiert, als würde der gesamte traditionelle Softwaresektor bald durch eine neue Generation von KI-Unternehmen wie Anthropic oder OpenAI ersetzt. Wir betrachten die Entwicklung nüchterner und erwarten, dass die jüngste Korrektur Anlagechancen schafft. Nicht alle Softwareunternehmen werden verdrängt, und mehrere Bereiche des Sektors verdienen eine genauere Betrachtung.

Als echte General-Purpose-Technologie (Allzwecktechnologie) wird KI die Softwarebranche im Laufe der Zeit neu prägen. Sie wird die Wertschöpfung verschieben, die Preisgestaltung verändern, neue Produktklassen schaffen, den Bedarf an Rechenleistung erhöhen und zu breitflächigen Produktivitätssteigerungen beitragen. Laut einer aktuellen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist generative KI – eine Technologie, die in der Lage ist, originäre Inhalte zu erzeugen – bereits weit verbreitet. Sie verbessert sich laufend und ist innovativ, weil sie neue Anwendungen und Produkte ermöglicht.

Ein mehrjähriger Übergang

Mit dem Übergang zu KI wird sich die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern an den Aktienmärkten vergrössern. Wir erwarten indessen vielmehr eine mehrjährige Stilrotation im Softwaresektor als einen sektorenweiten Zusammenbruch bestehender Geschäftsmodelle. Traditionelle Anwendungssoftware steht zweifellos unter Druck, jedoch mit Unterschieden. KI wird grundlegende Bürotätigkeiten automatisieren, etwa Notizen, Meeting‑Zusammenfassungen und einfache Workflows. Softwarekategorien, die operativ wenig Tiefe aufweisen oder sich leicht durch einen KI‑Agenten replizieren lassen, sind demnach am meisten von Verdrängung oder Preisdruck bedroht.

Die Sorgen des Markts … scheinen übertrieben

Die Sorgen des Markts, dass KI‑Agenten etablierte Softwareanbieter ersetzen, die Nachfrage nach Abonnements zurückgeht, weil die Produktivität bei geringerer Mitarbeiterzahl steigt, oder die Eintrittsbarrieren sinken, scheinen übertrieben. Im Gegensatz zur aktuellen Marktstimmung halten wir die Auswirkungen nicht für durchweg negativ.

Es ist hilfreicher, KI als eine neue Software-Ebene zu betrachten. Sie steigert die Produktivität und Automatisierung, ist aber weiterhin auf grosse Systeme angewiesen, die:

  1. „echte“ Daten basierend auf Kundendetails, Finanzinformationen und Personalunterlagen speichern;
  2. Informationen organisieren und verwalten, inklusive Versionsmanagement;
  3. Cloud- sowie Rechenkapazität über Grossanbieter bereitstellen.

Nachfrage nach mehr, nicht weniger Software

KI schafft somit eine zusätzliche Nachfrage nach mehr Software, nicht weniger. Es geht vielmehr um eine KI-bedingte Wertverschiebung in der Softwarebranche als darum, die Branche als Ganzes zu ersetzen.

Warum? Bestehende Softwareplattformen sind der Anker eines Unternehmens, wenn es um Kundenaktivitäten, Umsätze, Mitarbeitende und Finanzdaten geht. KI erzeugt mehr Interaktionen, Transaktionen und Daten, die letztlich alle in diese zugrunde liegenden Systeme einfliessen. Unternehmen mit einer starken Integration in Kundenmanagement, Personalplattformen oder Finanz- und Compliancesystemen dürften dadurch wichtiger und nicht überflüssig werden. Sie bilden die Basis, auf der KI aufbaut – keine Ebene, deren Platz KI einnehmen kann.

Viele Qualitätstitel notieren jetzt deutlich unter ihrer historischen Spanne

Zudem benötigt KI grosse Mengen an erstklassigen Daten, einen sauberen und sicheren Softwarecode sowie eine starke Governance und Versionskontrolle. Wir erwarten, dass Unternehmen, die Datenverwaltung, Workflowkontrolle und Entwicklertools bereitstellen, von der Verbreitung von KI‑Agenten profitieren. Mit dem jüngsten Ausverkauf an den Aktienmärkten haben die Softwarebewertungen wieder ein Niveau erreicht, das bereits ein ausgeprägtes und längeres Disruptionsszenario einpreist. Viele Qualitätstitel notieren jetzt deutlich unter ihrer historischen Spanne und in mehreren Fällen auf Rezessionsniveau. Während sich die Fundamentaldaten im Wandel befinden, können diese niedrigen Bewertungen als Stabilitätsfaktor dienen. Sie können das weitere Abwärtspotenzial begrenzen und langfristigen Anlegern einen attraktiven Einstiegspunkt bieten, während der Übergang zu KI voranschreitet.

Kurz gesagt scheint der Markt die Verteilung der KI-Auswirkungen und den zeitlichen Horizont der Effekte falsch einzuschätzen. Die Verkaufswelle war breit und undifferenziert, da sie auf Angst statt auf Fundamentaldaten beruhte. Es wird übersehen, dass die Auswirkungen ungleich verteilt sind: Einige Unternehmen sind klare Gewinner, andere sind strukturell gefährdet, und viele werden schlicht missverstanden. Wir sehen Chancen für gezielte Investitionen in Titel, bei denen der Markt eine Disruption eingepreist hat, die kaum eintreten wird.

Ein anderes Verhalten

Im Kern bleibt generative KI eine Software. Entwickler schreiben sie und veröffentlichen sie in Versionen wie jedes andere Programm. Dann wird sie ausgerollt und mit bekannten Engineering-Methoden gewartet. Sie benötigt Rechenressourcen, folgt zugrunde liegenden Regeln und erzeugt aus Inputs entsprechende Outputs. In diesem Sinne stellt generative KI den nächsten grossen Schritt in der langen Entwicklung von Software dar. Dies ist vergleichbar mit dem früheren Wechsel zu höheren Programmiersprachen, Microservices oder Cloud-Computing.

Software entwickelt sich von einem starren Werkzeug hin zu etwas, das eher einem Mitarbeitenden ähnelt

Wo sich KI unterscheidet, ist in ihrem Verhalten. Traditionelle Software ist deterministisch; der gleiche Input führt immer zum gleichen Output, weil die Logik explizit programmiert wird. Generative KI hingegen ist probabilistisch. Sie lernt Muster aus Daten, anstatt sich auf feste Regeln zu stützen. Das bedeutet, dass Nutzer trotz gleichem Prompt leicht unterschiedliche Antworten erhalten können. Der Grundgedanke des Outputs ist zwar konsistent, aber die Antworten sind nicht identisch.

Dieser Unterschied bedeutet, dass sich Software von einem starren Werkzeug hin zu etwas entwickelt, das eher einem Mitarbeitenden ähnelt. Dieser kann Ideen generieren, Texte redigieren, Informationen zusammenfassen oder Code schreiben. Generative KI ersetzt nicht die gesamte Software, sondern spezifische Teile der alten regelbasierten Architektur – den strukturellen Rahmen, der traditionell das Verhalten von Anwendungen bestimmt hat. Damit nutzt generative KI ein höheres Abstraktionsniveau. Das Ergebnis ist eine flexiblere, adaptive Ebene, die mehr kognitive Aufgaben übernehmen kann, welche zuvor Menschen oder zweckgebundene Anwendungen erledigt haben.

Technologische Innovation folgt selten dem Zeitplan, den Anleger erwarten. Typischerweise widerspiegeln die Märkte kurzfristig zu viel Begeisterung und unterschätzen die Bedeutung der langfristigen Auswirkungen.

 

Die Märkte widerspiegeln kurzfristig zu viel Begeisterung

Vor diesem Hintergrund sehen wir nach der jüngsten Konsolidierung attraktive Chancen bei angemessen bewerteten, erstklassigen Wachstumstiteln im Technologiesektor, während wir unsere neutrale Positionierung in Aktien der Industrieländer beibehalten. Wir bleiben bei einer neutralen Haltung gegenüber dem Technologiesektor und bevorzugen das Gesundheitswesen, Grundstoffe und Versorger. Diese dürften von Innovation und Produktivitätssteigerungen profitieren sowie von der Stromnachfrage aufgrund der KI-Einführung. Wir setzen unsere Aktienübergewichtung über die Schwellenländer um, wo wir attraktivere Bewertungen und Gewinnwachstum sehen.

CIO Office Viewpoint

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