Nach der US-Intervention in Venezuela geht es in der Geopolitik wieder um Einflusssphären

Michael Strobaek - Global CIO Private Bank
Michael Strobaek
Global CIO Private Bank
Dr. Nannette Hechler-Fayd’herbe - Head of Investment Strategy, Sustainability and Research, CIO EMEA
Dr. Nannette Hechler-Fayd’herbe
Head of Investment Strategy, Sustainability and Research, CIO EMEA
Nach der US-Intervention in Venezuela geht es in der Geopolitik wieder um Einflusssphären

Kernpunkte.

  • Die US-Intervention in Venezuela signalisiert eine geopolitische Verschiebung hin zu regionalen Einflusssphären
  • Wir sehen begrenzte kurzfristige Auswirkungen auf die Märkte, da Venezuelas Wirtschaft klein ist. Während kurzfristige Volatilität in Schwellenländern möglich ist, bleibt der mittelfristige Ausblick positiv
  • Wir erwarten gewisse Anpassungen im globalen Energiesektor, während sich der Ölhandel an die geopolitischen Blöcke anpasst. Für den Ölpreis bestehen sowohl Aufwärts- als auch Abwärtsrisiken, und wir halten an unserem Zwölfmonatsziel von USD 63 pro Barrel fest
  • Unsere Anlagepositionierung bleibt moderat risikoorientiert, mit einer Untergewichtung von US-Aktien. Wir sind in Schwellenländeraktien übergewichtet und auf Sektorebene neutral gegenüber Energie. Schwellenländeranleihen und Edelmetalle scheinen weiterhin attraktiv.

Schon seit dem dritten Tag des Jahres 2026 stehen geopolitische Ereignisse wieder im Zentrum. In dieser Publikation bieten wir eine erste Einschätzung zu den Marktauswirkungen des US-Schlags in Venezuela und skizzieren unsere taktischen Standpunkte für den Jahresbeginn.

Am 3. Januar haben die Vereinigten Staaten Venezuelas Präsident Nicolás Maduro und dessen Ehefrau festgenommen, um sie wegen Drogenhandels und anderer Anklagen vor US-Gerichte zu stellen. US-Präsident Donald Trump erklärte, die USA planten, Venezuela „zu führen“, bis das Land zu einer neuen Regierung übergehen könne. Der Schritt erinnert an die US-Intervention in Panama 1989 und die Festnahme von Manuel Noriega. Der fehlende Widerstand deutet auf eine Kooperation venezolanischer Amtsträger mit den US-Streitkräften hin. Dies bedeutet, dass eine pro-amerikanische Übergangsregierung eingesetzt wird. Amerikanische Truppen dürften die Sicherheit rund um kritische Infrastruktur wie Energie- und Hafenanlagen gewährleisten, während ein langwieriger Rechtsstreit um die Anklage gegen Nicolás Maduro beginnt. Ob sich Anhänger von Nicolás Maduro der Intervention widersetzen werden, bleibt abzuwarten.

Von Venezuela zur Geopolitik: Wildwest-Realpolitik

Diese Ereignisse werden in der Geopolitik und auch in den USA nachhallen. Die innenpolitische Unterstützung für die Republikaner könnte etwas bröckeln und die Wahrscheinlichkeit steigen, dass die Demokraten die Zwischenwahlen im November gewinnen. Der US-Kongress hat die Intervention in Venezuela nicht vorab genehmigt. Sollten die Demokraten im November die Kontrolle über das Repräsentantenhaus und möglicherweise sogar den Senat erlangen, wird ein schwierigeres Regierungsumfeld die zweite Hälfte von Präsident Trumps Amtszeit prägen. Wir erwarten, dass Donald Trump weiterhin auf Executive Orders zurückgreifen wird, doch Schritte, welche die Zustimmung des Kongresses erfordern – wie Budgetprozesse –, dürften schwieriger werden.

Die internationalen Beziehungen bleiben angespannt und erfordern intensive Diplomatie, da die Vereinten Nationen als Schiedsinstanz viel Einfluss verloren haben. In Lateinamerika haben die USA ihre regionale Autorität erneut geltend gemacht. Donald Trump hat Mexiko und Kolumbien wegen der Rolle der dort ansässigen Kartelle im US-Drogenhandel gewarnt. Für die Region, die sich zunehmend China als Handelspartner zugewandt hat, ist die Botschaft ebenfalls klar. So hat US-Aussenminister Marco Rubio erklärt, dass die kubanische Führung „besorgt sein sollte“. Wir interpretieren die jüngsten Entwicklungen als Anwendung der „Monroe-Doktrin“, wonach der amerikanische Kontinent eine exklusive Einflusssphäre der USA sein soll – oder „unsere Hemisphäre“, wie es Marco Rubio ausdrückte. Die Handelsbeziehungen zu China müssen neu austariert werden, um die USA zufriedenzustellen. Dies zu einer Zeit, da China Rekordexporte verzeichnet und der Rest der Welt pragmatische Lösungen bezüglich Donald Trumps Zollpolitik sucht. Das Land, das am stärksten exponiert ist und bereits politisch schwierige Beziehungen zur Regierung Trump hat, ist Brasilien.

Für die internationalen Beziehungen beginnt eine neue Ära der Realpolitik, in der regionale Eskalationen nicht ausgeschlossen sind

Auch die Auswirkungen auf den Rest der Welt sind nicht unerheblich. China wird versuchen, seine eigene Einflusssphäre in Südasien durch gemeinsame Infrastruktur- und Handelsprojekte zu sichern und dabei das Gleichgewicht mit Indien zu wahren. Im Nahen Osten sieht ein israelischer Militärplan bis 2030 eine deutliche Ausweitung der Aktivitäten vor, mit Folgen für Iran, Libanon und Syrien. Dies könnte breitere regionale Reaktionen auslösen. In Osteuropa zielt Russlands Invasion in der Ukraine darauf ab, das Machtgefüge zwischen der NATO und Russland neu zu definieren. Präsident Trumps Bestreben, Grönland in die Einflusssphäre der USA zu bringen, könnte die Dynamik zwischen den USA und Europa verändern.

Mit anderen Worten: Für die internationalen Beziehungen beginnt eine neue Ära der Realpolitik, in der regionale Eskalationen nicht ausgeschlossen sind.

Marktauswirkungen

Angesichts der geringen Grösse der venezolanischen Wirtschaft dürften die jüngsten Ereignisse den globalen Konjunkturausblick kaum verändern.

Kurzfristig könnten zyklischere Aktien aus Schwellenländern vorübergehender Volatilität unterliegen. Chinesische Aktien könnten einen Teil der Gewinne des letzten Jahres abgeben, während US-Aktien stabil bleiben dürften. Unsere Anlagestrategie ist moderat risikoorientiert, mit einer Untergewichtung in US-Aktien und einer Übergewichtung in Schwellenländeraktien. Wir werden unsere regionale Aktienallokation im Lichte des neuen Risikogleichgewichts überprüfen. Der mittelfristige Ausblick für Schwellenländer bleibt attraktiv. Viele Emerging Markets verfügen über solide Fundamentaldaten und sind reich an Rohstoffen, die weiterhin stark nachgefragt werden. Die USA und China sind auf Kurs, ein ausgewogenes Verhältnis ihrer gegenseitigen Interessen zu finden. Sollte die Aussicht auf vermehrte ausländische Direktinvestitionen in Venezuela ein stärkeres Wachstum in Lateinamerika auslösen, dürften Schwellenländeranlagen profitieren.

Wir halten an unserer aktuellen Prognose für Brent von USD 63 pro Barrel auf Sicht von zwölf Monaten fest

Auf Sektorebene ist die venezolanische Energieindustrie am stärksten exponiert. Wir beurteilen den globalen Energiesektor einstweilen neutral, da wir kurzfristig sowohl Aufwärts- als auch Abwärtsrisiken für den Ölpreis sehen. Falls US-Investitionen in den venezolanischen Ölsektor zu einer dauerhaft höheren Ölförderung führen, dürfte die OPEC+ mittelfristig das Angebot anpassen, um einen übermässigen Preisrückgang zu verhindern. Die Handelsströme für Öl dürften die geopolitischen Blöcke widerspiegeln: Venezolanisches Rohöl wird der Versorgung der USA dienen und über amerikanische Unternehmen Europa erreichen, während Russland seine Energiebeziehungen zu China vertieft. Hinter der US-Intervention in Venezuela könnte auch der Versuch stehen, die Ölpreise vor den Zwischenwahlen zu senken. Wir halten an unserer aktuellen Prognose für Brent von USD 63 pro Barrel auf Sicht von zwölf Monaten fest.

Der US-Dollar dürfte kurzfristig Unterstützung finden. Die jüngsten Ereignisse könnten die „Dollarisierung“ der venezolanischen Wirtschaft verstärken, die mit der Einführung des digitalen Bolívar („VED“) im Jahr 2021 begonnen hat. Der VED hat in den letzten zwölf Monaten stark abgewertet. Der begrenzte Zugang zum Dollar verschärfte die tatsächliche Abwertung gegenüber dem offiziellen Kurs und trug zur Erosion der Realeinkommen bei. Eine verbesserte Dollar-Marktliquidität dürfte die Verschiebung zum Dollar beschleunigen und die Nachfrage stützen. Zudem dürfte die geplante Ausweitung der US-Investitionen in die Ölinfrastruktur Venezuelas zu einem Anstieg von Finanzierungen in US-Dollar führen – sowohl bei US-Unternehmen als auch bei lokal ansässigen Firmen. Mittelfristig erwarten wir weiterhin, dass tiefere kurzfristige US-Zinsen zu einem moderaten Rückgang des Dollar beitragen, während Euro, japanischer Yen und Schwellenländerwährungen stärker bleiben.

Mittelfristig erwarten wir weiterhin, dass tiefere kurzfristige US-Zinsen zu einem moderaten Rückgang des Dollar beitragen

Bei festverzinslichen Anlagen sehen wir in den meisten Industrieländern kaum Spielraum für Renditerückgänge. US-Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit dürften im Bereich von 4,0% bis 4,5% verharren, während die USA auf das Ende der Frist für den Haushaltsprozess im US-Kongress Ende Januar zusteuern. Bei einer erwarteten stabilen Break-even-Rate der US-Inflation von rund 2,0% bis 2,2% könnten die Renditen inflationsgeschützter US-Staatsanleihen (TIPS) wieder in den Bereich von 2,0% bis 2,3% zurückkehren. Bei Staatsanleihen sehen wir die besten Chancen für einen Renditerückgang bei britischen Gilts. Unternehmensanleihen bieten nur geringe Renditedifferenzen (Spreads) gegenüber Staatsanleihen, doch wir bleiben vom Potenzial der Schwellenländeranleihen überzeugt.

Während die Aktienindizes der Schwellenländer stark von China dominiert werden, enthalten auf US-Dollar lautende Anleihenindizes einen grösseren Anteil lateinamerikanischer Anleihen. Wir erwarten eine weitere Spread-Verengung bei Schwellenländeranleihen, da das Wachstum in den Emerging Markets unterstützt bleibt, während die kurzfristigen US-Renditen weiter sinken. Rohstoffe dürften auf kurze Sicht gut abschneiden, und Edelmetalle dürften sich aufgrund eines Anstiegs der geopolitischen Risikoprämie überdurchschnittlich entwickeln.

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