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Edtech kann Studenten von standardisierten Lehrplänen befreien. Doch dazu braucht es kluge Investitionen

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Von Anne McElvoy, Policy Editor bei The Economist


Die kühnsten Ideen im Bildungsbereich sind jene, mit denen Probleme angegangen werden sollen, von denen wir zwar annehmen, dass sie existieren, die aber mit den bestehenden Verfahren nicht zu lösen sind.

Zu den wichtigsten Lösungsansätzen zählt meines Erachtens die „Leapfrog“-Theorie, die von der These ausgeht, dass die erfolgreichsten Bildungsreformer nicht der bestehenden Praxis folgen, sondern von deren Defiziten lernen und gar umgehen.

Wenn wir wissen, dass Bevölkerungsgruppen, die das etablierte Bildungssystem durchlaufen haben, Mühe bekunden, sich beispielsweise an Veränderungen des Arbeitsplatzes anzupassen, dann ist es doch wohl eine sehr schlechte Idee, dieselben Beschränkungen in die Schwellenländer zu exportieren.

Rebecca Winthrop, Head of Education Research am Brookings Institute in Washington hat umfassende Erfahrungen in den Schwellenländern und als eine der führenden Politikberaterinnen in den USA gesammelt. So hat sie die Obama-Regierung zur Bildungsförderung für Mädchen weltweit beraten.

Sie diagnostizierte eine „Erfolgslücke von 100 Jahren“- so lange würde es dauern, bis die Entwicklungsländer Gleichstand mit den Industrieländern erreichen, wenn sich an den Problemlösungsansätzen nichts ändert. Ihre Forderung: 
 

Um mehrere Entwicklungsphasen in der Bildung zu überspringen, müssen wir verändern, was und wie Kinder lernen. Kinder müssen sich eine breite Palette von Fertigkeiten aneignen - sowohl akademische Fertigkeiten als auch solche des 21. Jahrhunderts


Ich frage mich, wie dieses ehrgeizige Ziel in die Programme oder Produkte integriert werden kann, die ein ehrgeiziger Politiker, Beamter der lokalen Bildungsbehörde oder Schulleiter akzeptieren würde. Wie würde „Leapfrogging“ – also das Überspringen von Entwicklungsphasen – in der Praxis aussehen, und wie könnte es sich so entwickeln, dass es zu einem Grundprinzip der Bildungssysteme wird?Beispielsweise wird Peer Learning – Schüler lernen, indem sie persönlich oder vor allem online miteinander interagieren – von Schülern auf der ganzen Welt praktiziert, bleibt jedoch eine weitgehend ungenutzte Ressource, wenn es darum geht, bessere Ergebnisse zu erzielen.

Adaptive Plattformen wie Knewton, die den Naturwissenschafts- und Mathematikunterricht an den Benutzer anpassen, hat bei der Integration von grossen Mengen an Feedback in praktische Hilfe Pionierarbeit geleistet – doch die Ergebnisse erreichen nur langsam die Klassenzimmer.

Im Medienlabor des MIT weist Philipp Schmidt auf eine Diskrepanz in Europa und den USA hin: Einerseits lernen Schüler enthusiastisch mit Minecraft und YouTube, und andererseits sträuben sie sich gegen den Unterricht in den Klassenzimmern.
 

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© Christopher Adams

Doch man sollte sich nicht zu grosse Hoffnungen machen, dass die „Gamifizierung“ eine lästige Aufgabe in pure Freude verwandelt – eine Struktur ist immer noch wichtig, und die beste Pädagogik muss noch effektiver in die Apps eingebettet werden.

Meine Tochter lernt Deutsch mit der App Duolingo. Durch sie weiss sie, wie man sich verabredet (sollte sich denn die Chance in Deutsch ergeben). Doch es gibt noch immer keine wirkungsvolle Methode, wie diese nervtötenden Geschlechterzuordnungen der deutschen Sprache zu übertragen sind, wonach die Steckrübe weiblich und das Mädchen ein Neutrum ist, wie Mark Twain einst klagte.

Wenn hippe Handy-Apps nicht in der Lage sind, eine fundamentale Struktur zu vermitteln, werden sie eher ein Accessoire bleiben als zu einer Kerntechnik für Lernende zu werden. Darüber klagen nicht nur Linguisten. Es gibt zu wenige Edtech-Lösungen, die Details in ihrem Angebot definieren oder rasch selbst ein Update durchführen.

Eine andere grosse Sorge ist die allzu lose Verbindung zwischen Arbeitgebern und Edtech.
 

Zwar wirbt die Wirtschaft an den Schulen für Edtech, doch damit ist es nicht getan. Es braucht strategischere Ansätze, um den nächsten Schritt zu tun – und bessere Ergebnisse für den Arbeitsmarkt zu erzielen


Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, wo der Einfluss der Arbeitgeber auf das Schulsystem – mit einer niedrigen Arbeitslosenquote als Ergebnis – leicht zu verfolgen ist.

Die meisten Schweizer Jugendlichen beginnen nach der Sekundarstufe I mit einer beruflichen Grundbildung in mehr als 200 verschiedenen Berufen. Dort entwickeln sie Fertigkeiten, die den Jugendlichen in den meisten anderen reichen Ländern erst in der Tertiärstufe oder noch später beigebracht werden.

Wir müssen junge Menschen nicht auf einen Karrierepfad jagen, doch vielen Schulsystemen (auch in meiner Heimat Grossbritannien) gelingt es kaum, Teenager zu ermuntern, früh über ihre Stärken und Interessen nachzudenken. Die Bildungssysteme haben es auch nicht geschafft, Schülern oder Studenten nahezubringen, wie ihr optimaler Karriereweg über eine Lehre, eine Berufsausbildung oder zielgerichtete Universitätskurse aussehen könnte.

Das ist frustrierend, wenn man an das Potenzial von Edtech denkt, viel mehr Datenpunkte einzusetzen als eine Schule oder Universität, um die vielversprechendsten (und erfüllendsten) Bildungswege für junge Menschen zu finden.

Das grösste Paradoxon dabei ist, dass in Zeiten der Umwälzungen in der Arbeitswelt die Art von Flexibilität, die gute Unternehmen benötigen und erfolgreiche Universitäten fördern, immer weniger zu finden ist, desto weiter man in den Altersklassen heruntergeht.
 

Die jüngsten Generationen müssen sich flexibler an eine wissensbasierte Wirtschaft anpassen. Sie sind es aber auch, die am stärksten in den althergebrachten Methoden des Lernens und der Wissensanwendung gefangen sind


In zu vielen Schulsystemen, die ich besuche, ist der Unterricht an den Primarschulen am wenigsten interessant.

Wie würden Bildungs- oder Edtech-Produkte, die diese Defizite ausgleichen könnten, aussehen? Ich vertraue „Small Data“ mehr als „Big Data“, weil die Lösungen auf der Makroebene ehrlich gesagt noch nicht erprobt sind. Infomentor aus Island beispielsweise hilft den Lehrern, schnell zu erkennen, wenn die Aufmerksamkeit der Schüler nachlässt oder wenn diese ein Konzept nicht verstehen. Kein Wunder, dass das System nach ganz Europa exportiert wird.

Pierre Dillenbourg von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne ist ein skeptischer Innovator. „Machen Sie mal einen Rundgang auf einer dieser grossen Messen, wo die Firmen ihre Produkte anbieten, und Sie werden sich völlig ratlos fragen: Wird das wirklich einen Einfluss auf meine Arbeitsergebnisse haben?“

Er versucht nun einen neuen „Akzelerator“-Ansatz mit einem Edtech-„Collider“ (ich fürchte, der Large Hadron Collider trägt ein grosses Stück Schuld an der Verbreitung dieses Jargons). Es handelt sich um ein Netzwerk von Investoren, Experten, Mentoren und Geschäftspartnern, die zusammenarbeiten und Ideen präsentieren, um die Edtech-Falle zu umgehen: die zu geringe Grösse, um eine Wirkung zu erzielen. Gleichzeitig wird mit jeder neuen Finanzierungsrunde Know-how ausgetauscht. Es wird interessant sein, welche Ergebnisse dieser Ansatz hervorbringt.

Es muss nicht nur darauf geachtet werden, dass das Gleichgewicht zwischen Edtech-Visionären und Unternehmensleitern hergestellt wird, auch der Berufsstand des Lehrers muss mitwachsen. Die Lehrer sollten verstehen, dass die Technologie eine unverzichtbare Hilfe ist und nicht etwas, das als Bedrohung abgetan oder gefürchtet werden sollte.
 

Die besten digitalen Innovationen werden den Lehrer nicht „ersetzen“, sondern die Art und Weise verändern, wie die besten Lehrer ihre Arbeit machen


Eine letzte Kritik: Zu viele Edtech-Lösungen hängen bis jetzt von einer einzigen Hardware ab. Das dürfte sich ändern. Das von News Corps hergestellte Tablet Amplify „personalisierte“ den Lernprozess von Schülern, indem es ihnen ermöglichte, Klassenarbeiten zu verwalten, online zu gehen und sich mit anderen Schülern auszutauschen, war für die Schulen aber zu teuer. Es war „ein BMW, dabei brauchten wir nur einen Ford“, räumte ein Insider von News Corp reumütig ein, als der Geschäftszweig abgestossen wurde.
 

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Die „frugalen Lerninnovationen“ mit billigen Handys oder Android-Geräten haben noch keinen Skaleneffekt erreicht. Trotz des Hypes werden sie ihn auch nicht erreichen, weil ihre Qualität häufig zu unzuverlässig ist, um eine Kerninvestition zu werden.

Die grösste Aufgabe von technologischen Innovatoren besteht darin, Einheitlichkeit herzustellen sowie Machbarkeitsnachweise und nachprüfbare Ergebnisse zu liefern anstatt inhaltsleeren Hype auf Messen zu produzieren.

Das ist nicht nur eine Lektion für die Entwicklungsländer. Jeder von uns muss kritischer darüber nachdenken, was wir für unsere Steuerdollars, -euros oder -franken zurückerhalten.

Wenn Leapfrogging anderen hilft, unsere Fehler zu vermeiden, dann viel Erfolg bei dem Unterfangen, die Bürger glücklicher und wohlhabender zu machen – und auch unsere wohlhabenden Länder anzuspornen.

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von Lombard Odier (Europe) S.A., einem in Luxemburg durch die Commission de Surveillance du Secteur Financier (CSSF) zugelassenen und von dieser regulierten Kreditinstitut, herausgegeben. Diese Mitteilung wurde von jeder ihrer Zweigniederlassungen, die in den am Ende dieser Seite angegebenen Gebieten tätig sind (nachstehend "Lombard Odier"), zur Veröffentlichung genehmigt.

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