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Die Auflösung

RE-Wave3_AuthorsWeb-Gacon.png   Von Bertrand Gacon, Head of Impact Investing, Lombard Odier Investment Managers


Eine unsichtbare Gefahr verschmutzt unsere Gewässer. Um sie zu beseitigen, müssen wir möglicherweise eine ganze Branche hinterfragen.

2014 kam eine Studie zu der Einschätzung, dass mindestens 5,25 Billionen Kunststoffteile, die zusammen mehr als 265'000 Tonnen wiegen, in den Ozeanen der Welt schweben.1 In dieser Zahl sind die Fragmente, die an die Küste angeschwemmt oder von der Tierwelt verspeist wurden : von der Meereswelt verspeist wurden, unter der Oberfläche schwimmen oder kleiner als 0,33 mm sind, nicht eingerechnet. Die grössten Sorgen bereiten Mikroplastikfragmente – d.h. solche, die weniger als 4,75 mm lang sind. Obwohl sie gewichtsmässig nur 13% der Umweltverschmutzung durch Kunststoffe ausmachen, repräsentieren sie 92,4% aller Plastikteile. Ausserdem sind es die Teile, die am häufigsten den Filtersystemen entgehen, Reinigungsbemühungen unterlaufen und in die Nahrungskette gelangen.

Wahrscheinlich werden Sie all dies entsetzlich, jedoch kaum überraschend finden. Wir sind von Kunststoff umgeben, und das Problem der Umweltverschmutzung durch Kunststoff ist bestens bekannt. Doch in den letzten Jahren ist etwas Eigenartiges hinsichtlich dieser ganzen Umweltverschmutzung durch Kunststoffe aufgedeckt worden. Um das Jahr 2013 schnitt Professorin Sherri Mason beim Lake Michigan, USA, erstmals einen dort gefangenen Fisch auf. Was sie dabei entdeckte, schockierte sie. Der Fisch war gespickt mit synthetischen Fasern, die „mit seinem Magen-Darm-Trakt verwoben“ zu sein schienen.2 Fische aus dem See finden sich regelmässig in den Tellern der Region wieder. Und das Problem ist nicht auf die Grossen Seen beschränkt. Eine Literaturstudie aus dem Jahr 2014 stellte fest, dass Mikrofasern eine der häufigsten Formen der Verschmutzung durch Mikroplastik weltweit sind und dass sie von Fischen an Orten überall auf der Welt in grossen Mengen aufgenommen werden.3 Wo kommen alle diese Mikrofasern her? Um dieses Geheimnis zu lüften, müssen wir uns der Modebranche zuwenden und untersuchen, wie sie sich im vergangenen halben Jahrhundert gewandelt hat.


Ein besorgniserregender Trend

Fashion 1.0: Vor den 1960er-Jahren wurde Bekleidung fast immer in ihrem Ursprungsland verkauft, und die Mode kannte nur zwei Jahreszeiten: die warme und die kalte. Doch mit der zunehmenden Globalisierung erhielten die Firmen Zugang zu billigen Arbeitskräften in den Entwicklungsländern. Darin witterte der Einzelhandel eine Chance. Da die Preise fielen, konnte er seine Kunden motivieren, regelmässiger mehr Kleidungsstücke zu kaufen. Dies erlaubte den Einzelhändlern, allmählich die Häufigkeit des Kollektionswechsels zu steigern. Als die Kunden immer billigere Bekleidung erwarteten, kam es zu einer Rückkopplung zwischen den Interessen des Einzelhandels und denen der Kunden. Diese ebnete der Industrie den Weg zur Fashion 2.0 – dem auch als „Fast Fashion“ bekannten Paradigma. Tatsächlich haben wir heute jährlich 52 Jahreszeiten in der Mode, da der Einzelhandel jede Woche neue Kollektionen verlangt, um die Kunden bei Kauflaune zu halten. In den 1960er-Jahren produzierten die USA 95% ihres Bekleidungsbedarfs im eigenen Land. 2013 waren es gerade noch 3%.4
 

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Fashion 2.0 bringt enorme Kosten mit sich, von denen einige Aspekte recht gut bekannt sind. So hatte der erbarmungslose Trend zu immer billigerer Bekleidung schlimme Folgen für die Menschen in den Entwicklungsländern, die sie herstellen: Unfairer Handel führte zu unethischen Arbeitspraktiken und weitreichenden sozioökonomischen Problemen. Viele der Effekte, die die grössere Allgegenwärtigkeit und Verfügbarkeit von Bekleidung auf die Umwelt hat, sind gut erforscht. Dies gilt etwa für die enormen Mengen an Kleidungsstücken, die jedes Jahr auf Mülldeponien landen.5 Doch das Problem der Verschmutzung durch Mikrofasern hat relativ wenig Beachtung gefunden – vielleicht wegen ihrer buchstäblichen schlechten Sichtbarkeit sowie ihres nicht erkennbaren Ursprungs.


Neues Material

Der Zugang zu billigen Arbeitskräften war nicht der einzige Faktor für den Preisverfall in der Bekleidungsbranche. Zur gleichen Zeit begannen die Hersteller in zunehmendem Masse, die natürlichen Fasern – deren Anbau, Ernte und Verarbeitung relativ teuer ist – durch preiswertere Textilien aus Chemiefasern zu ersetzen. Und da die „Fast Fashion“-Branche wuchs, explodierte die Nachfrage nach synthetischen Fasern. Der Markt für Polyester legte zwischen 1980 und 2014 um das Achtfache zu und überholte die Baumwolle.6
 

Damals wusste noch niemand, dass synthetische Materialien schlimme Auswirkungen auf die Umwelt haben.


Wenn ein Kleidungsstück aus Synthetik gewaschen wird, verliert es Mikrofasern, die so klein sind, dass sie vom Filter der Waschmaschine nicht aufgefangen werden. So gibt beispielsweise eine synthetische Fleece-Jacke bei jedem Waschgang im Durchschnitt 1,7 Gramm Mikrofasern ab.7 Diese landen schliesslich in unseren Flüssen, Seen und Meeren, wobei sie auf ihrem Weg häufig organische Schadstoffe aufnehmen. In den Gewässern werden sie dann von Tieren gefressen und gelangen damit in die Nahrungskette.


Fashion 3.0: Entstehungsgeschichte

Die Mikrofaserkrise hat also ihren Ursprung in der enormen Nachfrage nach synthetischen Materialien, die für die Aufrechterhaltung von „Fashion 2.0“ notwendig waren. „Fast Fashion“ ist ein fest verankertes Geschäftsmodell, das durch die gleichen Kundenerwartungen am Leben gehalten wird wie jene, die mit ein Auslöser für seine Entstehung waren. Und die Verschmutzung durch Mikrofasern ist nur eines der zahlreichen schwerwiegenden und vielfältigen Probleme, die von dieser Branche verursacht werden. Doch gibt es Zeichen der Hoffnung. So wurde genau jene (oben angeführte) Studie, die das Ausmass enthüllte, in dem Synthetiktextilien beim Waschen Mikrofasern verlieren, nicht von Aktivisten in Auftrag gegeben, sondern vom Outdoor-Ausrüstungsanbieter Patagonia.8 Tatsächlich unterzog die Studie mehrere Produkte von Patagonia einer direkten Überprüfung und kam dabei zu einigen recht belastenden Befunden, über die das Unternehmen eine öffentliche Diskussion anregte. Zwischenzeitlich hat das Unternehmen eine zweite Studie in Auftrag gegeben mit dem Ziel, genau zu verstehen, wie Kunststoffe Mikrofasern verlieren. Damit soll die Branche dabei unterstützt werden, neue, umweltfreundlichere Materialien und Faserbehandlungen zu erforschen9.

Die Marke Patagonia hat sich Nachhaltigkeit auf ihre Fahne geschrieben. Noch deutlicher ist dieser Trend vielfach in der Welt der Mode-Startups zu beobachten. So verzichtet beispielsweise People Tree vollständig auf Mikrofasern produzierende Kunststoffe und setzt dafür auf Biobaumwolle, was auch den Einsatz schädlicher Pestizide ausschliesst.10
 

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Einige Marken ergreifen sogar den jeder Intuition widersprechenden Schritt, ihre Kunden vor allem davon zu überzeugen, weniger ihrer Produkte zu konsumieren. Levi’s hat eine Designphilosophie, die Trends ausser Acht lässt und sich stattdessen auf die Schaffung zeitloser Kleidungsstücke konzentriert. Laut dem Leiter der Produktinnovation11 besteht das Ziel darin, die Kunden des Unternehmens zu ermutigen, Produkte wegen ihres dauerhaften Wertes und nicht jede Saison neu zu kaufen, um so den Konsum zu reduzieren. Wenn man die Kunden erfolgreich überzeugen könnte, weniger zu kaufen, würde ihnen dies auch helfen, etwas mehr Zeit und Geld dafür aufzuwenden, sicherzustellen, dass die von ihnen getätigten Einkäufe ökologisch und sozial nachhaltig sind.
 

Anerkennung wird auch wichtig sein, um Veränderungen voranzutreiben, da die Marken zunehmend versuchen, ihre Umweltschutzleistungen herauszustellen.


So gibt es beispielsweise die Green Carpet Fashion Awards, eine Partnerschaft zwischen Eco-Age, einer Beratungsgesellschaft für Nachhaltigkeit, und dem Industrieverband Camera Nazionale della Moda. Sie wurde ins Leben gerufen, um nachhaltige Innovationen und deren Auswirkungen auf die italienische Modebranche anzuerkennen.

Neben den Veränderungen in der Modebranche selbst gibt es auch Unternehmen, die das beim Waschen entstehende Problem bekämpfen wollen. Dabei reicht das Spektrum von einfachen bis hin zu radikaleren Lösungen. Auf der einfachen Seite haben wir Guppy Friend – einen Beutel, in dem man alle synthetischen Textilien verstauen kann, bevor sie in die Waschmaschine kommen, um möglicherweise verlorene Mikrofasern aufzufangen. Am anderen Ende der Skala haben wir die im US-Bundesstaat Colorado beheimatete Firma Tersus Solutions, die eine Waschmaschine entwickelt hat, die flüssiges CO2 verwendet, um Kleidungsstücke zu waschen. Diese Lösung würde nicht nur keinerlei Mikrofaserverschmutzung bewirken, sondern auch den Wasser- und Stromverbrauch drastisch reduzieren.

Neben Investitionen in weitere umweltfreundliche Lösungen für das Waschproblem lautet das Fazit von Impact-Anlegern 12, dass es zwei Aspekte zu beachten gilt, wenn sich das Gesicht der Mode wandeln und die Verschmutzung durch Mikrofasern reduziert werden soll. Zum einen geht es darum, die Fertigungsprozesse und die Produktzusammensetzung so zu verbessern, dass die Kunststoffe weniger Mikrofasern verlieren, oder es sind natürliche Fasern wie Baumwolle vorzuziehen. Zum anderen müssen die Kunden aufgeklärt und die Erwartungen angepasst werden – es gilt, das Design auf Qualität und Zeitlosigkeit auszurichten und den Gedanken zu fördern, weniger und bessere Kleidungsstücke zu kaufen, die die Menschen lieben. Impact Investing wird eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Marken zu überzeugen, diese beiden Strategien zu übernehmen – womit auch die vielen anderen Probleme angegangen würden, die die „Fast Fashion“-Industrie geschaffen hat. Und gemeinsam könnten sie zu einer neuartigen Rückkopplung führen, die ein neues, nachhaltigeres Paradigma mit sich bringt: Fashion 3.0.


1 Journals.plos.org 
2 The Guardian 
3 Ivar do Sul and Costa 
4 American Apparel & Footwear Association, via CNBC 
5 The Guardian 
6 Textile World 
7 Microfiber Pollution & the Apparel Industry 
8 Microfiber Pollution and the Apparel Industry 
9 Patagonia 
10 People Tree
11 Fast Company 
12 Lombard Odier definiert „Impact“ als die Summe aller positiven und negativen, direkten und indirekten Wirkungen, die ein Unternehmen mit seiner Geschäftstätigkeit und seinen Produkten auf die Umwelt und Gesellschaft hat.

 

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von Lombard Odier (Europe) S.A., einem in Luxemburg durch die Commission de Surveillance du Secteur Financier (CSSF) zugelassenen und von dieser regulierten Kreditinstitut, herausgegeben. Diese Mitteilung wurde von jeder ihrer Zweigniederlassungen, die in den am Ende dieser Seite angegebenen Gebieten tätig sind (nachstehend "Lombard Odier"), zur Veröffentlichung genehmigt.

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