rethink sustainability

Landwirtschaft der Zukunft: digitale Disruption oder absolute Präzision?

Merryn Somerset Webb - Editor in chief of Moneyweek, columnist for the Financial Times

Merryn Somerset Webb

Editor in chief of Moneyweek, columnist for the Financial Times

Wenn wir unseren Planeten retten und gleichzeitig der wachsenden Bevölkerung gerecht werden wollen, müssen wir dann vielleicht hungern? Auf den ersten Blick sieht es danach aus. Weltweit sind die Landwirte lange Zeit mit jeder Art von Problemen fertig geworden – sei es im Zusammenhang mit Schädlingen, Bewässerung, Arbeitskräftemangel oder Bodenqualität. Dazu dienten ihnen diese beiden mehr oder weniger gleichen Methoden: Einsatz von mehr schweren Maschinen und Ausbringen von mehr Chemikalien. Wir verbrauchen heute mindestens fünfmal so viel Dünger wie noch in den 1960er Jahren1. Doch das funktioniert nicht mehr. Landwirtschaft mit extremem Einsatz von fossilen Brennstoffen und Pestiziden zerstört allmählich die Biodiversität in unseren Böden sowie deren tiefere Schichten, treibt die Wüstenbildung voran, bedingt das Umkippen von Gewässern (d. h. Zonen, in denen Grünalgenteppiche alles sonstige Leben im Wasser ersticken) und trägt zugleich zum Klimawandel bei. Ein Drittel unseres Landes wird von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen infolge von Erosion, chemischer Verschmutzung und Überdüngung (die auch klimaschädliche Stickoxide freisetzt) heute als stark geschädigt eingestuft.

Wenn wir unseren Planeten retten und gleichzeitig der wachsenden Bevölkerung gerecht werden wollen, müssen wir dann vielleicht hungern? Auf den ersten Blick sieht es danach aus.
 

 

Sinkende Getreideerträge bei gleichzeitig steigenden Bevölkerungszahlen

Die Ergebnisse sind wirklich beunruhigend. Das durchschnittliche jährliche Ertragswachstum von Mais, Weizen, Soja und Reis in den USA sank zwischen 1990 und 2010 auf 1 %, verglichen mit 1,5 % zwischen 1970 und 19902. Die US-amerikanische Investment-Gruppe GMO prognostiziert bis 2030 einen weiteren Rückgang um 0,25 % in den USA. In Deutschland, Grossbritannien und Frankreich sieht die Lage ähnlich aus. Im Zusammenhang damit ist zu erwähnen, dass die Produktivität während der Grünen Revolution der 1950er und 1960er Jahre um etwa 3,5 % pro Jahr gestiegen ist und die Erträge in den 1970er Jahren weiter stark zunahmen. Das sind alles offensichtlich schlechte Nachrichten – aber es sind vor allem schlechte Nachrichten im Kontext der Vorhersagen der Weltbank, was den Anstieg der Weltbevölkerung betrifft. Heute sind es 7,2 Milliarden Menschen. Bis 2050 könnten es 9 Milliarden sein. Weitere 2 Milliarden Menschen, die ernährt werden müssen. Dies legt nahe, dass wir – selbst wenn es uns gelingt, die erschreckende Verschwendung in unserem derzeitigen System zu reduzieren – bald mehr Lebensmittel produzieren müssen als heute. Ist das nicht Anlass genug, sich Sorgen zu machen?

Eine neue Agrarrevolution, begleitet von einem massiven Investitionsboom, ist bereits in vollem Gang, und das aufregendste Kapitel dieser Revolution ist in der Tat sehr hightech-orientiert.

Die gute Nachricht dabei ist, dass der Kapitalismus hinter den Kulissen ordentliche Arbeit geleistet hat. Eine neue Agrarrevolution, begleitet von einem massiven Investitionsboom, ist bereits in vollem Gange. Teilweise dürfte diese Revolution den Eindruck erwecken, dass es „back to the future“ geht. Man denke nur an die Rückkehr zur integrierten Viehmast (Gülle sorgt für Bodengesundheit) oder die Wiedereinführung der „No-Till“-Landwirtschaft: Wenn wir wollen, dass der Boden als Kohlenstoffsenke dient, können wir ihn nicht pflügen. Oder man denke an den Versuch, die Vielfalt der Kulturpflanzen zu verbessern, die wir anbauen (und eher selber essen als an Tiere verfüttern).

Doch der interessanteste Aspekt der Revolution ist in der Tat sehr Hightech-orientiert. In der Vergangenheit haben die Bauern alle ihre Felder gleich behandelt: Das gesamte Gebiet erhält die gleiche Bewässerung, die gleiche Bepflanzung, den gleichen Dünger und das gleiche Pestizid – unabhängig davon, was unter Umständen in den unterschiedlichen Teilbereichen dieses Gebiets passierte (auch „Spray and Pray“-Methode genannt). Das ist erschreckend verschwenderisch – etwa 40 % der Felder weltweit gelten zum Beispiel als überdüngt. Bis vor Kurzem war an dieser Methode nicht zu rütteln. Das hat sich zwischenzeitlich geändert.

 

Muster treten aus dem Chaos hervor

Heute ist der Weg zu einer erfolgreichen Landwirtschaft definitiv digital geprägt – und zwar seit den 1990er Jahren, als den Landwirten erstmals GPS3 zur Verfügung stand. Satelliten und Sensoren können heute riesige Datenmengen generieren. Der Aufstieg der Künstlichen Intelligenz (KI) bedeutet, dass wir diese Informationen mit enormer Geschwindigkeit verarbeiten können, sodass nun Muster klar aus dem hervortreten, was einst homogen aussah. Wetter-Apps können die Landwirte über die optimalen Zeitpunkte für Anbau und Ernte informieren. Sensoren, die in regelmässigen Abständen um die Felder herum installiert werden, können es den Landwirten ermöglichen, zum besten Zeitpunkt an den besten Stellen zu pflanzen, nur die Bereiche des Bodens zu düngen, die gedüngt werden müssen (dies wird die grösste Veränderung darstellen), und nur die Pflanzen zu bewässern, die Wasser benötigen: In dieser neuen Welt der Landwirtschaft wird jede Pflanze als Individuum behandelt werden können.

Heute ist der Weg zu einer erfolgreichen Landwirtschaft definitiv digital geprägt – und zwar seit den 1990er Jahren, als den Landwirten erstmals GPS zur Verfügung stand.

Mobile Geräte können den Landwirten unterwegs unzählige technische Daten liefern. Mit Robotern kann der Abfall während der Erntezeit reduziert werden, was wichtig ist angesichts der Tatsache, dass viele Lebensmittel verloren gehen, bevor sie abtransportiert und verarbeitet werden. Neue Maschinen können alles tun – vom Gesichtsscannen von Kühen, um Tiere zu ermitteln, die krank sind, bis hin zur elektronischen Vernichtung von Unkraut mitsamt Wurzel, um den Einsatz von Herbiziden zu vermeiden. Drohnen können den Gesundheitszustand und das allgemeine Wachstum von Pflanzen überprüfen sowie Blätter erkennen, die Anzeichen von Schädlingsbefall aufweisen – und nur solche besprühen, bei denen dies nötig ist („see and spray“, statt „spray and pray“). Sie können auch kontinuierlich Echtzeit-Luftbilder von Agrarbetrieben erstellen, um eine Nachbildung eines beliebigen Bereichs in der Cloud (also eine Art „digitalen Zwilling“) zu schaffen, auf deren Basis die Landwirte dann arbeiten können.

Im Betrieb der Zukunft wird dann jede Phase des landwirtschaftlichen Prozesses digital gesteuert sein. Es wird ein Betrieb sein, in dem Cloud-basierte Managementsysteme die heutigen, eher willkürlichen Verfahren vollständig ersetzen werden. Schliesslich werden diese Betriebe sogar weitgehend unbemannt und autonom sein.

Im Betrieb der Zukunft wird dann jede Phase des landwirtschaftlichen Prozesses digital gesteuert sein. Es wird ein Betrieb sein, in dem Cloud-basierte Managementsysteme die heutigen, eher willkürlichen Verfahren vollständig ersetzen werden.

RE2019-W6_ArticleLOcom_Data.jpg


Nachhaltigeres Wirtschaften bedeutet nicht weniger Produktivität

Nur sehr wenig ist daran nicht zu begrüssen. Die Chancen sind enorm, dass Präzisionslandwirtschaft die Verschwendung reduzieren könnte. Sie wird wohl dem unsinnigen Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln ein Ende setzen. Sie dürfte dazu beitragen, Wasser zu sparen. Und sie wird wohl die Erträge massiv erhöhen: Laut einem aktuellen Bericht von Goldman Sachs ist das Potenzial vorhanden, die landwirtschaftlichen Erträge bis 2050 um 70 % zu steigern, indem man die gesamte uns zur Verfügung stehende und noch in der Entwicklung befindliche Technologie nutzt. Kann das wahr werden? Das kann es. Die Kosten für Sensoren sinken, die Laufzeit der Drohnen-Akkus steigt schnell, Verfügbarkeit und Funktionen von Robotern nehmen zu, und die Finanzierung für die Einführung all dieser Neuerungen ist problemlos zugänglich. Der Lebensmittelmarkt ist der grösste Markt der Welt (es wird prognostiziert, dass er bis 2020 ein Volumen von mehr als USD 12 Billionen erreichen wird). Daher macht es für alle Anleger Sinn, sich an der Disruption der Lebensmittel-Lieferkette zu beteiligen. Zugleich wird es bald eine neue Generation von Landwirten geben (das mittlere Alter der Landwirte in den USA liegt bei Ende 50), die wissen, dass es schwierig sein wird, ohne umfassende technologische Integration bei Preis und Produktivität konkurrenzfähig zu bleiben.

Es gibt also keinen Grund, warum Präzisionslandwirtschaft nicht zur globalen Norm werden sollte. Für die Landwirte, für die beteiligten Unternehmen, für die Menschen und für den Planeten ist diese Entwicklung gut.

Es gibt also keinen Grund, warum Präzisionslandwirtschaft nicht zur globalen Norm werden sollte. Für die Landwirte, für die beteiligten Unternehmen, für die Menschen und für den Planeten ist diese Entwicklung gut. Wenn dies gelingt (und das Interesse an diesem Sektor legt nahe, dass es gelingen wird), dann wird bald klar sein, dass eine nachhaltigere Zukunft für die Landwirtschaft nicht weniger Produktivität bedeuten muss.


Biografie

Merryn Somerset-Webb ist Chefredakteurin von Moneyweek, dem auflagenstärksten Finanzmagazin Grossbritanniens, und Kolumnistin für die Financial Times. Ausserdem kommentiert sie regelmässig finanzielle Themen im Radio und im Fernsehen. Sie ist ferner nicht-exekutives Mitglied des Verwaltungsrats von zwei in Grossbritannien börsennotierten Kapitalanlagegesellschaften.4

1
https://www.earth-syst-sci-data.net/9/181/2017/essd-9-181-2017.pdf 
2 https://ourworldindata.org/crop-yields
3 GPS – Global Positioning System
4 Bitte beachten Sie, dass die Ansichten und Meinungen von Merryn Somerset Webb ihre eigenen sind und nicht unbedingt mit denen der Lombard Odier Gruppe übereinstimmen.

Lassen Sie uns reden.

Bitte geben Sie Ihren Nachnamen ein.

Bitte geben Sie Ihren Vornamen ein.

Bitte geben Sie eine gültige E-Mail-Adresse ein.

Wählen Sie bitte eine Kategorie.

Bitte geben Sie eine Nachricht ein.

Etwas angehängt, Nachricht nicht gesendet.