Interview mit Al Gore – Die Rolle verantwortungsvoller Anlagen

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Interview mit Al Gore – Die Rolle verantwortungsvoller Anlagen

Wie wirkt sich der Klimawandel auf die Weltwirtschaft und die Finanzmärkte aus?

Vor zehntausend Jahren entstanden die ersten Städte. Seither hat die Menschheit stets von den äusserst günstigen klimatischen Bedingungen profitiert, die seit dem Ende der letzten Eiszeit herrschen. Verändern sich diese klimatischen Bedingungen, gefährdet dies die Weltwirtschaft und die Menschheit selbst. Ein Blick auf die klimabedingten extremen Wetterereignisse im Jahr 2017 zeigt, dass sie in nur gerade einem Jahr Verluste von über USD 300 Milliarden verursachten. Der Durchschnittswert dieser Verluste steigt Jahr für Jahr stetig. Die tiefgreifenden Veränderungen, die mit der Klimakrise einhergehen, bergen auch spezifische finanzielle Risiken für die Inhaber potenziell verlorener Anlagen. Jeder weiss noch, dass Subprime-Hypotheken die Kreditkrise auslösten, die schliesslich in der Grossen Rezession mündete. Damals wusste niemand genau, in welchem Umfang Hypotheken an Kreditnehmer vergeben worden waren, die ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen konnten. Als die Wahrheit ans Licht kam, waren diese Vermögenswerte verloren und der finanzielle Schaden hoch. Im Bereich der fossilen Brennstoffe ging im Kohlesektor ein Grossteil der Marktkapitalisierung verloren. Die Öl- und Gaspreise vorherzusagen, ist in der Regel vergebliche Liebesmüh. Doch es gibt Alternativen zu den im Bereich der fossilen Brennstoffe gestrandeten Billionen von US-Dollars. Schauen Sie sich nur den Technologiewandel an, der die Kosten für erneuerbare Energien Monat für Monat auf neue Tiefststände sinken lässt. Oder das Pariser Abkommen und die Anstrengungen der Länder weltweit, den Umstieg von fossilen Brennstoffen auf alternative Energieträger zu forcieren. Die extremen Wetterereignisse führen dazu, dass fossile Brennstoffe in gewissen Regionen oder gar Ländern in Zukunft unter Umständen nicht mehr verwendet werden dürfen. Frankreich beispielsweise hat angekündigt, die Erdöl- und Erdgasförderung [ab 2040] gesetzlich zu verbieten. Zudem hat Indien bekannt gegeben, dass bis in 12 Jahren 100% der neu zugelassenen Fahrzeuge elektrisch betrieben sein müssen.


Wie hat sich die Einstellung gegenüber dem Klimawandel in den letzten zehn Jahren verändert? Und wie wird sie sich Ihres Erachtens in den nächsten zehn Jahren entwickeln?

In den letzten zehn Jahren hat es drei grosse Veränderungen gegeben.

Erstens: Die klimabedingten extremen Wetterereignisse sind sehr viel häufiger und folgenschwerer geworden. Dies beeinflusst die Haltung zur Klimakrise – selbst bei jenen, die nur ungern von einer globalen Erwärmung oder vom Klimawandel sprechen.

Zweitens: Heute verfügen wir über Lösungen. Diese Lösungen zeichneten sich bereits vor zehn Jahren ab. Damals versicherten die Technologieexperten jedem, der es hören wollte, dass die Preise dafür so rasch sinken würden, dass es weitreichende Folgen haben würde. Jetzt haben wir die Lösungen – und sie haben die sogenannte Netzparität erreicht. Hier in Europa beispielsweise kam die neue Stromerzeugungskapazität im letzten Jahr praktisch ohne fossile Brennstoffe aus. Die meistverwendeten Energieträger waren Sonne und Wind. In den USA entfiel die Mehrheit auf Solar- und Windenergie. Dies trifft heute ebenso auf China zu. Auch dieser Umstand hat in Bezug auf die Klimakrise zu einem Sinneswandel geführt. Denn wenn Menschen einen Weg in eine bessere Zukunft sehen, sind sie nicht in der frustrierenden Situation gefangen, nichts gegen eine nahende Katastrophe unternehmen zu können. Nun liegt es in unserer Hand zu handeln.
 

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Die dritte Veränderung ist das Pariser Abkommen. Es reicht zwar nicht aus, ist aber trotzdem ein wichtiger Schritt. Jedes Land der Welt hat das Abkommen unterzeichnet. Selbst die USA. Trotz der anderslautenden Ankündigung von Trump können die USA das Abkommen rechtlich frühestens am ersten Tag nach den nächsten Präsidentschaftswahlen kündigen. Der neue Präsident hätte 30 Tage, um die Kündigung rückgängig zu machen, und wir wären wieder dabei. Unsere Zusagen werden wir einhalten und übertreffen. Wenn auf der ganzen Welt alles auf einen grundlegenden Wandel hindeutet, verändert dies auch die Einstellung zum entsprechenden Thema. Sie kennen sicher die Metapher des Zuges, der den Bahnhof verlässt. Springen Sie auf den Zug auf oder nicht? Auf den Klimazug wollen heute alle aufspringen.


Wirkt sich die Absicht Trumps, aus dem Pariser Abkommen auszusteigen, denn nicht auf die finanziellen Verbindlichkeiten aus?

In einem Teil des Pariser Abkommens haben sich die wohlhabenden Länder verpflichtet, die Entwicklungsländer zu unterstützen. In diesem Bereich wird es Fortschritte geben. Die USA werden sich daran weniger beteiligen als von vielen erhofft. Aber seien wir ehrlich: Die Entwicklungsländer haben sich in den letzten zehn Jahren stark weiterentwickelt. Sie haben realisiert, dass die wohlhabenden Länder –nicht mehr so wohlhabend sind wie früher und sich zum Teil von den rasch wachsenden Volkswirtschaften in den Entwicklungsländern bedroht fühlen – vor politischen Herausforderungen stehen. Ich möchte nicht zu sehr darauf eingehen, da die öffentlichen Positionen sich nicht verändert haben. Doch der Eifer, mit dem gefordert wird, dass jedes Pfund oder jeder Dollar einbezahlt werde, hat aufgrund dieses neuen Verständnisses nachgelassen. Und auch aufgrund der massiven Zuflüsse von privatem Anlagekapital, die weit über jede Unterstützung durch andere Staaten hinausgehen.
 

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Fliessen Überlegungen zum Klimawandel heute an den Kapitalmärkten automatisch ein, wenn Finanzwerte und Unternehmen bewertet werden?

Nein, noch nicht. Natürlich gibt es Firmen, bei denen dies der Fall ist: Lombard Odier und Generation sind zwei Beispiele dafür. Und weil sie diesen Ansatz verfolgen, können sie ihre Kunden effektiver bedienen. Die Zahl der Firmen, die zu diesem Ansatz übergehen, steigt stetig. Aber allgemein gibt es nach wie vor zu viele Unternehmen, die sich in einem Lernprozess befinden und noch nicht realisiert haben, dass sich die treuhänderische Pflicht verändert hat. Viele Jahre hiess es: „Ich möchte ESG-Faktoren berücksichtigen, aber das verstösst gegen meine treuhänderische Pflicht.“ Mittlerweile liegen jedoch zahlreiche wissenschaftliche Studien vor, die belegen, dass Vermögensverwalter, die ESG-Überlegungen einbeziehen, unter dem Strich besser abschneiden. Als Best Practice hat sich mittlerweile – neben anderen Faktoren – herausgebildet, dass sie gegen Ihre treuhänderische Pflicht verstossen, wenn ESG-Kriterien nicht berücksichtigt werden. Langsam öffnet sich die Tür. Und sie geht immer weiter auf. Auch wenn einige noch immer nicht erkannt haben, was abläuft – immer mehr gehen durch diese offene Tür und eignen sich das neue Verständnis an.


Welche Rolle können Anleger bei der Bekämpfung des Klimawandels spielen?

Vermögensverwalter auswählen, die Wegbereiter für diesen dramatischen und historischen Wandel sind – das ist der wichtigste Entscheid, den Anleger fällen können. Und sie sollten Unternehmen, die ihr Vermögen verwalten möchten, fragen, ob sie ESG-Kriterien berücksichtigen oder nicht. Dabei sollten sie sich nicht mit einem einfachen Ja oder Nein zufriedengeben. Sie sollten nachhaken und nach spezifischen Beispielen fragen, wie diesen Kriterien Rechnung getragen wird.


Ist dies notwendig, weil es ihr Druck ist, der einen Wandel bewirkt?

Absolut. Im Übrigen üben zahlreiche Anleger diesen Druck bereits heute recht wirkungsvoll aus.


Welches sind die wichtigsten Auswirkungen des Klimawandels auf Anlagen? Lassen sich damit Renditen erwirtschaften? Risiken absichern? Anpassungen der Geschäftspraktiken bewirken?

Nachhaltigkeitskriterien einzubeziehen, wenn Anlagen getätigt werden, hilft sicherlich beim Risikomanagement. Sie zu berücksichtigen, ist jedoch ebenso wichtig, um Chancen zu erkennen. Fast könnte man sagen, solche Fragen erlauben unseren Vermögensverwaltern, tiefer in ein Unternehmen hineinzublicken, als sie dies sonst täten. Aber da ist noch etwas Anderes. Die klügsten und passioniertesten jungen Frauen und Männer, die sich für die Vermögensverwaltung entscheiden, geben sich nicht mit einem guten Salär zufrieden. Sie wollen zwar gut verdienen, aber sie wollen auch das Gefühl haben, dass es bei ihrer Arbeit um mehr geht als nur darum, Geld zu machen. Daher haben jene Firmen, die sich voll und ganz dem Einbezug von Nachhaltigkeitskriterien verschrieben haben, einen Vorteil bei der Rekrutierung und Bindung der besten und talentiertesten jungen Fachkräfte. 


Muss es zu einer weltweiten Nahrungsmittelrevolution kommen, damit wir den Klimawandel effektiv bekämpfen?

Ich denke schon. Denn der Anteil der Landwirtschaft, vor allem der Nutz- und Massentierhaltung sowie der industriellen Landwirtschaft, an der globalen Erwärmung ist mit über 15 Prozent recht hoch. Die Übergewichtsepidemie breitet sich von den Industrie- auf die Entwicklungsländer aus, und die Gesundheitskosten für die westliche Fast-Food-Ernährung sind hoch. Es gibt also mehr als einen Grund für die aktuelle Nahrungsmittelrevolution: andere Proteinquellen und bessere Anbaumethoden, weniger fossile Brennstoffe und synthetische Stickstoffdünger, die zu 90 Prozent aus Erdgas bestehen, in der Landwirtschaft. Wir haben sehr viel Zeit aufgewendet, um die Nahrungsmittelrevolution besser zu verstehen. Sie ist mittlerweile weit fortgeschritten, vor allem bei den jungen Menschen.
 

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Welche Rolle kommt China und Indien bei der Bekämpfung des Klimawandels zu?

China stösst bei Weitem am meisten Treibhausgase aus. Indien wird bald der drittgrösste CO2-Emittent sein. Und beide Volkswirtschaften wachsen rasch. Die Klimakrise kann also nur gelöst werden, wenn es auch in China und Indien zu drastischen Veränderungen kommt. Die gute Nachricht ist, dass beide Länder drastische Veränderungen eingeleitet haben. Beide Länder haben nämlich gute Gründe, rasch Fortschritte zu erzielen. Denn die Schadstoffe, die neben den Treibhausgasen bei der Verbrennung fossiler Brennstoffe anfallen, verschmutzen die Luft in chinesischen und indischen Städten. Nun fordert die Bevölkerung saubere Luft. In beiden Ländern ist dies zu einem wichtigen Politikum geworden. Aber auch hier gibt es eine gute Nachricht: Die Solar- und Windenergie wird durch effizientere und erschwinglichere Batterien ergänzt und findet dank elektrischer Fahrzeuge auch im Transportsektor Anwendung. Dies bietet China und Indien die Möglichkeit, rasch Fortschritte zu erzielen. Die Luft in Chinas Städten wird sauberer. Auch Indien ist vielleicht bald so weit. Vor wenigen Tagen fand ein Treffen der International Solar Alliance statt, die Narendra Modi [der Premierminister Indiens] gegründet hat. Ich bin recht optimistisch und würde mir wünschen, mein Land würde in Bezug auf elektrische Fahrzeuge so rasch voranschreiten wie Indien.
 

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Dann ist da noch etwas: Wir von Generation glauben, dass sich die Welt in der Anfangsphase einer Nachhaltigkeitsrevolution befindet. Diese geht unter anderem von den neuen digitalen Tools aus (Internet der Dinge, maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz), die für Hypereffizienz sorgen. Unseres Erachtens wird die Nachhaltigkeitsrevolution unser Leben so rasch wie die digitale Revolution und so stark wie die industrielle Revolution durchdringen. Sie startet nicht einfach in einer Ecke von England und breitet sich dann langsam aus, sondern wird sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern unterstützt. Sie ermöglicht Führungsteams, Atome, Moleküle und Elektronen mit derselben Präzision zu steuern wie IT-Firmen früher Informationsbits. Die Serverfarmen von Google – um nur ein Beispiel zu nennen – haben ihren Energieverbrauch um 56 Prozent reduziert, ohne etwas an der Hardware zu ändern. Sie haben schlicht künstliche Intelligenz eingesetzt, um den Elektronenfluss dieser Farmen zu optimieren. Dies geschieht auf materialwissenschaftlicher Basis und in allen Wirtschaftsbereichen. Teilweise als Folge davon haben sich die CO2-Emissionen vom Wirtschaftswachstum abgekoppelt. Dies ist eine sehr vielversprechende Entwicklung.

 


Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von Lombard Odier (Europe) S.A., einem in Luxemburg durch die Commission de Surveillance du Secteur Financier (CSSF) zugelassenen und von dieser regulierten Kreditinstitut, herausgegeben. Diese Mitteilung wurde von jeder ihrer Zweigniederlassungen, die in den am Ende dieser Seite angegebenen Gebieten tätig sind (nachstehend "Lombard Odier"), zur Veröffentlichung genehmigt.

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