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    Schwellenländer im Zeitalter des Friend-Shoring

    Schwellenländer im Zeitalter des Friend-Shoring
    Stéphane Monier - Chief Investment Officer<br/> Lombard Odier Private Bank

    Stéphane Monier

    Chief Investment Officer
    Lombard Odier Private Bank

    Kernpunkte

    • Die multipolare, „geoökonomische Fragmentierung“ sorgt für eine Neugestaltung der weltweiten Lieferketten und schafft Chancen und Herausforderungen für Länder und Unternehmen.
    • Durch Covid und den Ukrainekrieg haben sich die Prioritäten von der Kosteneffizienz zur Versorgungssicherheit verschoben.
    • Viele Schwellenländer sind „blockfrei“ und könnten weiterhin pragmatisch mit allen geopolitischen Blöcken handeln.
    • Wir sehen fünf Schwellenländer als mögliche Gewinner: Indien, Indonesien, Vietnam, Mexiko und Polen. Nur Indien bietet sich für eine eigenständige Aktienallokation in Kundenportfolios an.

    Es ist ein bedeutender wirtschaftlicher und politischer Wandel hin zu einer multipolaren Welt im Gange. Der Internationale Währungsfonds (IMF) bezeichnet die Stärkung der Produktions- und Handelsbeziehungen durch Diversifizierung der regionalen oder lokalen Versorgung und Fertigung als „geoökonomische Fragmentierung“. Dieser Trend wird unter Ländern und Unternehmen sowohl Gewinner als auch Verlierer hervorbringen, während er wahrscheinlich die Effizienz verringert und möglicherweise den Inflationsdruck weltweit erhöht.

    Strategischer Wettbewerb zwischen den USA und China, Covid-Pandemie und Verwerfungen durch den Einmarsch Russlands in der Ukraine: All diese Faktoren haben Regierungen und Unternehmen dazu veranlasst, ihre Lieferketten zu stärken. Vor fünf Jahren begannen die USA und China, gegenseitig neue Zölle zu erheben, was den Welthandel erschwerte. Die Zahl der Unternehmen, die ihre Produktion näher an ihren Heimatmarkt verlegen wollen, hat sich laut einem IMF-Bericht von letzter Woche seit 2017 verachtfacht (siehe Grafik).

    Vor diesem Hintergrund ist ein neues Vokabular entstanden, das den Prozess rund um die Stärkung der Lieferketten beschreibt. „Re-Shoring“ wird als Verlagerung der Produktion in den Heimatmarkt eines Unternehmens definiert. „Near-Shoring“ bedeutet, dass die Fertigung näher an den Heimatmarkt verlegt wird. In der Vergangenheit wurde Re- oder Near-Shoring aus Kostengründen betrieben. Vor einem Jahrzehnt zum Beispiel verliessen Textilhersteller China, als die Löhne stiegen, und zogen in Länder mit niedrigeren Kosten wie Vietnam. „Friend-Shoring“ wiederum besteht darin, die Produktion in verbündeten Ländern zu konzentrieren, um eine verlässliche Versorgung zwischen verbündeten Volkswirtschaften mit unterschiedlichen Einkommensniveaus sicherzustellen. Höhere Handelsschranken zwischen konkurrierenden Blöcken und der Aufbau überflüssiger Kapazität wären für die Weltwirtschaft negativ. Zugleich haben die Unternehmen bewiesen, dass sie in der Lage sind, Ressourcen, Arbeitskräfte und Kapital über Märkte hinweg zu diversifizieren und den Handel trotz Beschränkungen zu organisieren.

     

    Von den Kosten zur Widerstandsfähigkeit

    Aufgrund der Spannungen zwischen den USA und China, der Covid-Pandemie und des Ukrainekriegs haben sich zu den Kosten geopolitische Impulsgeber hinzugesellt. Die Branchen müssen sich in einer Zeit, in der Energie und medizinische Güter strategisch wichtig geworden sind, um die Widerstandsfähigkeit ihrer Lieferketten kümmern.

    Viele Länder bleiben „blockfrei“, um sich nicht zwischen China und den USA entscheiden zu müssen

    Die USA betrachten Halbleiter seit Langem als wesentlich für ihre Wirtschaft. Die Gesetzgebung im Jahr 2022 sollte die Abhängigkeit von im Ausland hergestellten Computerchips verringern und Investitionen in chinesische Technologie verhindern. Dieses Jahr soll der US Inflation Reduction Act Unternehmen dazu motivieren, in Amerika Kapazitäten aufzubauen. Den USA gelang es nur teilweise, andere davon zu überzeugen, sich ihren Restriktionen anzuschliessen. Im Februar verhängten die Niederlande Beschränkungen, und Ende März stimmte Japan einer Verschärfung der Ausfuhrkontrollen für 23 Arten von Computerchip-Materialien ab Juli zu. Die EU konzentriert sich eher auf die Diversifizierung ihrer Lieferketten als auf die Unterbindung der chinesischen Produktion und erachtet die US-Industriesubventionen als Bedrohung.

    Lesen Sie mehr zum Thema unter: Grosse Wiedereröffnung Chinas

     

    Blockfrei und opportunistisch

    Viele Länder bleiben „blockfrei“, um sich nicht zwischen China und den USA entscheiden zu müssen. Am deutlichsten zeigt sich dies in den Diskussionen um den Krieg in der Ukraine. Die USA, die Europäische Union und ihre Verbündeten sind bestrebt, die Ukraine zu unterstützen. Sie bilden eine Gruppe von 52 Ländern, wie eine Untersuchung der Economist Intelligence Unit ergab. Nur zwölf Länder, darunter Belarus, Myanmar, Serbien und Syrien, unterstützen Russland. Weitere 127 Länder, von Indien über Brasilien bis Südafrika, bleiben neutral. Laut dem Bericht verfolgen sie einen praktischen und opportunistischen Handelsansatz.

    Viele Erfolge der wirtschaftlichen Entwicklung gründen auf exportorientierten Modellen, wie bei den „asiatischen Tigern“, oder auf hohen ausländischen Direktinvestitionen, wie im Falle Polens. Daher wirft eine schlechtere Governance des globalen Handels und der Investitionen Fragen hinsichtlich der langfristigen Aussichten für weniger entwickelte Schwellenländer auf. Laut IMF würden die Schwellen- und Entwicklungsländer in den meisten geopolitischen Szenarien schlechter dastehen, wenn sie sich für die Zugehörigkeit zu einem Block entscheiden müssten. Der IMF weist auch darauf hin, dass bei einer Fragmentierung bockfreie Schwellenländer Marktanteile übernehmen und zugleich den Zugang zu vielen ausländischen Märkten, Kapital und Ressourcen behalten könnten. Das Risiko für blockfreie Länder besteht darin, dass die USA und China versuchen, die Volkswirtschaften in ihre „Friend-Shoring“-Netzwerke einzubinden.

    Die geoökonomische Fragmentierung dürfte mit der Zeit zu einer Verkürzung der Lieferketten beitragen und es den Herstellern ermöglichen, schneller auf die sich ändernde Verbrauchernachfrage zu reagieren. Die Folge könnte eine stärkere Regionalisierung sein, da die Unternehmen Zentren oder Hubs zur Versorgung ihrer Produktions- und Vertriebsnetze schaffen. Dies kann zwar zu einer eigenständigen Zusammenarbeit innerhalb der Blöcke führen, ist aber nicht wettbewerbsfördernd, sodass ähnliche Produkte im regionalen Vergleich teurer werden. Die nordamerikanische Produktion könnte sich beispielsweise nach Mexiko verlagern. Dort sind die Produktionskosten zwar niedriger als in den USA oder Kanada, aber immer noch höher als in vielen anderen Ländern. Wie der CEO von BlackRock, Larry Fink, im März 2022 feststellte, sind Ineffizienzen in der Produktion inflationär.

     

    Aufstrebende Gewinner

    Im Falle einer Fragmentierung der globalen Lieferketten und Investitionen gliedern sich die Schwellenländer in drei grosse Gruppen. Zur ersten gehören hochindustrialisierte Volkswirtschaften wie Südkorea, die für die globalen technologischen Lieferketten wichtig sind. Eine zweite Gruppe von Rohstoffexporteuren, zu denen auch Saudi-Arabien gehört, könnte versuchen, blockfrei zu bleiben und sich auf die langfristige Entwicklung und anhaltende Preisstabilität zu konzentrieren. Zur dritten Gruppe gehören Länder, die bereits mit einem bestimmten Block liebäugeln, aber noch auf stärkere Anreize warten. Hierzu zählen Indien und die Länder der Association of South East Asian Nations (ASEAN).

    Fünf Länder kristallisieren sich als potenzielle Gewinner heraus: Indien, Indonesien, Vietnam, Mexiko und Polen

    Unserer Ansicht nach kristallisieren sich fünf Länder als potenzielle Gewinner heraus: Indien, Indonesien, Vietnam, Mexiko und Polen (siehe Tabelle). Die drei asiatischen Länder stehen dem von den USA angeführten Block bereits nahe, warten aber noch auf Anreize. Ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf ist niedriger als das von China, aber sie sind demografisch gut aufgestellt, um sich schnell zu entwickeln.

    Lesen Sie mehr zum Thema unter: Robuste Schwellenländer deuten auf Chancen hin

    Indien und Indonesien verfügen auch über grosse Binnenmärkte, und Vietnams Wirtschaft zeichnet sich zudem durch starke Exporte aus. Wegen der strategischen Bedeutung dieser Gruppe fällt es den USA schwer, Druck auf sie auszuüben, damit sie den Handel mit China oder Russland einstellen. Im Zuge der Weiterentwicklung dürften sie Direktinvestitionen für ihre verarbeitende Industrie anziehen.

    Mexiko und Polen werden vor allem von Friend-Shoring-Trends innerhalb des von den USA angeführten Blocks profitieren. Mexiko ist bereits Teil eines Handelsblocks mit den USA und Kanada und geniesst daher Zugang zu Technologie und Kapital. Die Löhne im verarbeitenden Gewerbe sind mit denen Chinas konkurrenzfähig, und der jüngste Aufbau von Kapazitäten stärkt das Land in einem Friend-Shoring-Szenario. Polen ist zu einem Zentrum des verarbeitenden Gewerbes und einem wichtigen militärischen Grenzland für die NATO geworden. Die Regierung Polens befindet sich zwar in einem Streit mit der EU über das Justizsystem. Jedoch dürfte das Land als Hub für das verarbeitende Gewerbe Europas langfristig bedeutende Kapital- und Technologiezuflüsse verzeichnen.

    Aufgrund der Spannungen mit den USA müssen die langfristigen Aussichten Chinas differenzierter betrachtet werden. Dank seiner technologischen Infrastruktur könnte das Land allerdings in der Lage sein, sich in einigen Sektoren selbst zu versorgen. Selbst wenn dies nicht gelingen sollte, wird China in fortschrittliche Sparten wie Halbleiter und Pharmazeutika investieren. Zusammen mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, den das Land nach der Aufhebung der Covid-Beschränkungen geniesst, spricht dies für ein solides Wachstum, zumindest auf kurze Sicht.

    … eine eigenständige Allokation in Wachstumswerten dieser fünf Schwellenländer ist nicht einfach

    Eigenständige Allokation in Indien?

    Für Anlegerinnen und Anleger ist eine eigenständige Allokation in Wachstumswerten dieser fünf Schwellenländer nicht einfach. Denn deren Universen an börsennotierten Titeln sind kleiner und weniger zugänglich als jene der USA und Europas. Der Marktzugang zu Vietnam, einem „Frontier-Schwellenland“, wird durch geschlossene Kapitalkonten, eine begrenzte Marktgrösse und Beschränkungen für ausländische Beteiligungen erschwert. Indonesien, Mexiko und Polen bieten einen besseren Marktzugang, doch fehlt ihnen die Sektorvielfalt Indiens. Unseres Erachtens ermöglichen die strategische Flexibilität, die Grösse und die Vielfalt des indischen Markts eine vernünftige eigenständige Aktienallokation. Dies insbesondere auch, da Indien über erfolgreiches Risikokapital im Technologiesektor verfügt. Die vier anderen Märkte könnten für einige Portfolios nützliche Engagements bieten, setzen aber eine enge Überwachung des Marktzugangs voraus.

    Wichtige Hinweise.

    Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende

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