Nachhaltig anlegen boomt, ein neues System soll den Wildwuchs bekämpfen

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Nachhaltig anlegen boomt, ein neues System soll den Wildwuchs bekämpfen

Hubert Keller - Managing Partner

Hubert Keller

Managing Partner

Interview mit Hubert Keller, Geschäftsführender Gesellschafter von Lombard Odier, im Tages-Anzeiger, 6. Juli 2020 von Holger Alich.

Grüne Anlagen Geld ökologisch sinnvoll anzulegen, erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Doch eine einheitliche Definition steht bislang aus. Hoffnung auf mehr Klarheit kommt aus Brüssel.

Keine Produktkategorie erfreut sich bei Schweizer Anlegerinnen und Anlegern solch einer Beliebtheit wie nachhaltige Investitionsformen. Vor rund zehn Jahren betrug das Volumen dieser Produkte und Strategien noch 32 Milliarden Franken, im vergangenen Jahr waren es bereits 1,16 Billionen Franken, hat der Verband Swiss Sustainable Finance ermittelt.

Sparer wollen Geld mit gutem Gewissen anlegen. Und die Schweizer Finanzindustrie wittert ein Milliardengeschäft. Doch so einfach ist das Ganze nicht

Sparer wollen Geld mit gutem Gewissen anlegen. Und die Schweizer Finanzindustrie wittert ein Milliardengeschäft. Doch so einfach ist das Ganze nicht. Selbst für Profis ist es nicht leicht, die Frage zu beantworten: Was genau ist eigentlich «nachhaltige» Geldanlage? «Alle reden von Nachhaltigkeit, aber es gibt keine klare Definition davon, keinen Standard», sagt zum Beispiel Hubert Keller, Geschäftsführender Gesellschafter von Lombard Odier Investment Managers.

Es sind acht verschiedene Investmentstrategien, die vom Branchenverband Swiss Sustainable Finance unter dem Oberbegriff «nachhaltig» subsumiert werden. Die meisten Anleger nutzen den Ausschluss-Ansatz, bei dem gewisse Firmen oder Branchen, wie zum Beispiel Rüstung oder Kohle, ausgeschlossen werden. Der zweite wichtige Ansatz besteht darin, dass ein Fondsanbieter sogenannte ESG-Kriterien (EEnvironmental, SSocial, GGovernance) neben Finanzkennziffern bei der Titelauswahl berücksichtigt.

«Damit ein Kunde die für ihn richtige nachhaltige Anlage findet, muss er sich zuerst über seine eigene Zielsetzung im Klaren sein», sagt Sabine Döbeli, die Geschäftsführerin des Branchenverbandes Swiss Sustainable Finance. Will er bestimmte Branchen vermeiden? Oder zur Veränderung beitragen?

Ratings sollen helfen, widersprechen sich aber oft

Um Anlegern bei der Auswahl zu helfen, hat sich eine eigene Industrie gebildet: Anbieter wie Sustainalytics, MSCI oder die Ratingagentur Standard & Poor’s bieten ESG-Ratings an, die bei der Titelauswahl helfen sollen. Diese Ratings beruhen auf öffentlich zugänglichen Daten, auf Umfragen unter Unternehmen sowie Einzelinterviews.

Da alle das Gleiche erheben, sollte man annehmen, dass die Ratings ungefähr gleich ausfallen. Eine Studie des Credit Suisse Research Institute zeigt aber, dass sich die Einstufungen oft widersprechen. Das prominenteste Beispiel ist Tesla: MSCI bewertet den E-Auto-Hersteller als besten Auto-Wert in Sachen Nachhaltigkeit. Für Rating-Anbieter FTSE ist Tesla dagegen Schlusslicht. Sustainalytics stuft Tesla in der Mitte ein. Der Unterschied erklärt sich unter anderem dadurch, dass MSCI vor allem auf die CO2-armen Autos abstellt, die Tesla baut, während FTSE primär auf die Emissionen schaut, die Teslas Werke produzieren.

Da alle das Gleiche erheben, sollte man annehmen, dass die Ratings ungefähr gleich ausfallen. Eine Studie […] zeigt aber, dass sich die Einstufungen oft widersprechen

Dennoch setzten viele Fonds anbieter auf solche Ratings, um nachhaltige Fonds zu bauen. Zudem gibt es eine Reihe an Börsenindizes für nachhaltiges Investieren. Einer der bekanntesten ist der Dow Jones Global Sustainability Index. Er setzt auf das «Best in Class»-Prinzip, also die jeweils besten einer Branche. Daher beinhaltet der Index auch Toyota und sogar den Ölriesen Total.

«Diese Ratings geben wenig Aufschluss darüber, wie die Unternehmen für den im Pariser Abkommen geforderten Klimawechsel positioniert sind», erklärt Hubert Keller

Hubert Keller hält wenig von solchen Ratings und Indizes. «Diese Ratings geben wenig Aufschluss darüber, wie die Unternehmen für den im Pariser Abkommen geforderten Klimawechsel positioniert sind», erklärt er. Es könne kein Ansatz sein, Stahlhersteller zu meiden, weil die Stahlproduktion CO2-intensiv ist. «Tatsächlich sind die Unternehmen, die grosse CO2-Emittenten sind, aber einen Plan zur grundlegenden Dekarbonisierung ihres Geschäftsmodells haben, diejenigen, die das Potenzial haben, den Übergang zu einer Netto-null-Emissions-Wirtschaft voranzutreiben», sagt Keller. Lombard Odier hat dazu eigene Modelle entwickelt, um zu prüfen, ob ein Kundenportfolio den Klimawandel befeuert oder konform ist mit dem Ziel, den Temperaturanstieg gemäss dem Pariser Klimaabkommen auf zwei Grad zu begrenzen.

«Tatsächlich sind die Unternehmen, die grosse CO2-Emittenten sind, aber einen Plan zur grundlegenden Dekarbonisierung ihres Geschäftsmodells haben, diejenigen, die das Potenzial haben, den Übergang zu einer Netto-null-Emissions-Wirtschaft voranzutreiben», sagt Keller

Unklare Ratings, ein Wust an verschiedenen nachhaltigen Strategien: Um mehr Klarheit zu schaffen, ist mittlerweile der Gesetzgeber aktiv geworden - aber nicht der in Bern, sondern der in Brüssel. Die Europäische Union arbeitet an einer Definition, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten als nachhaltig anzusehen sind und welche nicht. Am Ende soll eine einheitliche «Taxonomie» das Ergebnis sein.

Als nachhaltig soll eine Aktivität gelten, wenn sie einen Beitrag dazu leistet, sechs Umweltziele zu erfüllen. Diese sind zum Beispiel Begrenzung des Klimawandels, Förderung der Kreislaufwirtschaft oder schonender Wasserverbrauch. Als Ausschlusskriterium gilt eine wirtschaftliche Aktivität, die einem dieser Ziele Schaden zufügt. Ein grosser Streitpunkt ist immer noch, ob Atomstrom als nachhaltig gelten soll. Frankreich ist dafür, Deutschland dagegen.

Die Europäische Union arbeitet an einer Definition, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten als nachhaltig anzusehen sind und welche nicht. Als nachhaltig soll eine Aktivität gelten, wenn sie einen Beitrag dazu leistet, sechs Umweltziele zu erfüllen

Lohnt sich nachhaltiges Anlegen für den Sparer?

«Die Taxonomie wird vermutlich der Standard werden, um Finanz produkte für die EU zu bauen», sagt Bruno Bischoff, Leiter Nachhaltigkeit bei der Credit Suisse. Doch ähnlich wie die ESG- Ratings hat auch die geplante Taxonomie den Mangel, dass sie keine Aussage darüber trifft, welches Unternehmen sich in die richtige Richtung bewegt. «Die Taxonomie ist binär: Etwas ist nachhaltig oder nicht», sagt Bischoff.

Immerhin dürfte die Taxonomie Anlegern eine Orientierung bieten, etwa, dass ein Fonds ausweist, zu wie viel Prozent die darin enthaltenen Aktien den EU-Standard erfüllen oder nicht. «Die EU-Taxonomie wird eine wichtige Basis werden für umweltbezogene Finanzprodukte, doch der Weg, bis die entsprechenden Daten verfügbar sind, ist noch weit», urteilt Sabine Döbeli von Swiss Sustainable Finance.

Bleibt die Frage: Lohnt sich nachhaltiges Anlegen für den Sparer? Das Credit Suisse Research Institute hat dazu eine Reihe Studien ausgewertet mit einem gemischten Ergebnis: «Wir haben fast keine überzeugende Studie gefunden, die zeigt, das ESG-Fonds dauerhaft besser abschneiden.» Das hiesse aber auch: Anlegen mit gutem Gewissen kostet Anleger zumindest keine Performance. Den Durchblick unter den zahlreichen Ansätzen zu behalten, kostet sie aber ohne Zweifel Nerven.

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende

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