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Taiwans Know-how steht im Zentrum des Chip-Wettlaufs zwischen den USA und China

Taiwans Know-how steht im Zentrum des Chip-Wettlaufs zwischen den USA und China
Stéphane Monier - Chief Investment Officer<br/> Lombard Odier Private Bank

Stéphane Monier

Chief Investment Officer
Lombard Odier Private Bank

Kernpunkte

  • Die Spannungen zwischen den USA und China in Bezug auf den Status Taiwans unterstreichen die strategische Bedeutung der Insel als globaler Lieferant von Halbleiterchips
  • Die USA, China und Europa investieren alle in die Halbleiterproduktion, um die eigene strategische Widerstandsfähigkeit zu stärken
  • Aufgrund der Komplexität der Chipherstellung dauert es Jahre, um das Fachwissen und die Kapazitäten auszubauen: Die USA haben begonnen, sich mit ihren Verbündeten abzustimmen; China ist davon ausgeschlossen
  • Die Halbleiterindustrie zeigt, wie sehr die Volkswirtschaften weiterhin vom Welthandelssystem abhängig sind. Solange die geopolitischen Spannungen anhalten, werden die Finanzmärkte eine entsprechende Prämie einpreisen.

Zu Beginn dieses Monats hat die Sprecherin des US-Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi, Taiwan besucht, was die geopolitischen Spannungen mit China verstärkte. Beim Besuch stand ein Treffen mit dem Management von TSMC, dem weltweit grössten Hersteller von Halbleitern oder Computerchips, auf dem Programm. Das Treffen unterstrich die strategische und wirtschaftliche Bedeutung Taiwans und seines Halbleiter-Know-hows.

Die Schlagzeilen konzentrierten sich darauf, dass der Status Taiwans zu einer direkteren Konfrontation zwischen den USA und China führen könnte. „Die Welt steht vor der Wahl zwischen Demokratie und Autokratie“, sagte Nancy Pelosi während ihres Besuchs. „Amerikas Entschlossenheit, die Demokratie hier in Taiwan und auf der ganzen Welt zu bewahren, bleibt unumstösslich.“ Seit dem Bürgerkrieg betrachtet die kommunistische Regierung Chinas Taiwan, eine Insel mit 28 Millionen Einwohnern und Amtssprache Mandarin, als abtrünnige Region. Zur Unterstützung seiner Ein-China-Politik und um seinen Unmut über den Besuch der US-Politikerin kundzutun, startete China eine Reihe von Militärübungen rund um Taiwan. Formal verfolgen die USA eine Politik der „strategischen Ambiguität“ mit Blick auf ihre Bereitschaft, den Status quo in der Strasse von Taiwan militärisch zu verteidigen. In den letzten Tagen traf eine Delegation von fünf amerikanischen Kongressabgeordneten in Taipeh ein.

Der Besuch von Nancy Pelosi hatte aber noch einen anderen Grund. Taiwan ist der weltweit grösste und erfahrenste Hersteller von Halbleitern. Computerchips sind sowohl für Taiwans wirtschaftlichen Erfolg als auch für sein geopolitisches Überleben wesentlich. Die Elektronik ist weltweit auf Chips angewiesen, um zu funktionieren und zu kommunizieren. Jede Bedrohung des autonomen Status Taiwans, das nur von 13 kleinen Ländern als Nation anerkannt wird, gefährdet die Weltwirtschaft.

Computerchips sind sowohl für Taiwans wirtschaftlichen Erfolg als auch für sein geopolitisches Überleben wesentlich

Halbleiter oder „integrierte Schaltkreise“ sind winzig, in der Regel nicht grösser als ein Fingernagel, und können mehr als 8 Milliarden Transistoren enthalten. Es gibt zwei Haupttypen von komplexeren Halbleitern: erstens Speicherchips, die durch die Notwendigkeit von Kondensatoren zur Ladungsspeicherung physisch eingeschränkt sind. Zweitens die ausgefeilteren „Logikchips“, die im Mittelpunkt der Bemühungen der Regierungen der USA, Europas und Chinas stehen, zu Taiwan aufzuschliessen und dann die Kapazität zu erhöhen.

Während Speicherchips mehr als 10 Nanometer (nm) dick sind – das sind 10 Milliardstel Meter –, können die hochmodernen Logikchips die Hälfte davon messen. Zum Vergleich: Ein Blatt Papier ist in der Regel etwa 100'000 nm dick. Weltweit können lediglich drei Unternehmen solche Spitzenchips herstellen: Die Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC), Samsung und Intel. Nur TSMC ist in der Lage, die dünnsten Chips, die 5 nm messen, herzustellen. Das Unternehmen plant, bis 2025 3 nm zu erreichen. Samsung, SK Hynix und das US-amerikanische Unternehmen Intel investieren kräftig, um aufzuholen. Intel stellt in Aussicht, bis 2023 7-nm-Chips produzieren zu können.

Die Komplexität der Herstellung immer leistungsfähigerer Chips in immer kleinerem Massstab erfordert immer ausgefeiltere Fertigungstechniken. Dazu gehören Silizium-Nanoblätter zur Leitung von Signalen, lichtechte Beschichtungen, Lithografie oder Atomlagenabscheidung und „Trockenätztechniken“ zum Aufbau der Schichten, aus denen ein Halbleiter besteht. Das „mooresche Gesetz“, benannt nach Gordon E. Moore, einem der Gründer von Intel, bezieht sich auf dessen Beobachtung aus dem Jahr 1965. Demnach verdoppelt sich die Zahl der Transistoren auf einem Chip etwa alle zwei Jahre, während sich gleichzeitig die Kosten halbieren. Fast sechs Jahrzehnte später trifft diese Beobachtung immer noch zu.

Panzer und Kühlschränke

In Taiwan werden schätzungsweise 20% der weltweiten Halbleiter und etwa drei Fünftel der ausgelagerten Chips hergestellt. Halbleiter sind für die Elektronik unerlässlich. Ohne sie wäre alles von Auto-Airbags und Parkkameras bis hin zu Computern und Mobiltelefonen nutzlos. Chips sind für Waffensysteme ebenso wichtig wie für Kühlschränke und Geschirrspüler. Unter Umständen sind sie sogar austauschbar: Berichten zufolge haben westliche Exportsanktionen dazu geführt, dass Russland Chips aus Küchengeräten für die Wartung seiner Panzer in der Ukraine einsetzt.

Chips sind für Waffensysteme ebenso wichtig wie für Kühlschränke und Geschirrspüler

Aus strategischer Sicht wichtiger ist, dass auf taiwanesische Unternehmen, die von TSMC dominiert werden, nach Schätzungen von Boston Consulting 92% des Markts für die anspruchsvollsten Logikchips entfallen. Den verbleibenden Marktanteil von 8% hält Samsung in Südkorea.

Auch die Nachfrage wächst und soll laut dem Wirtschaftsprüfer Deloitte 2022 weltweit um 10% auf mehr als USD 600 Mrd. steigen. Wie wichtig Halbleiter sind, zeigte der Mangel während der Pandemie, der die Produktion – und die wirtschaftliche Erholung – der Automobilhersteller behinderte. Dieser Mangel trieb die Preise für Gebrauchtwagen in die Höhe und führte zu Umsatzeinbussen von USD 210 Mrd. im Jahr 2021. Zugleich bestehen Anzeichen dafür, dass der Ansturm zur Deckung des Pandemiebedarfs kurzfristig zu einer gewissen Verlangsamung der Nachfrage nach Computern für Endverbraucher und Einsteiger-Smartphones führt.

 

„Risiko einer Unterbrechung“

Im Juni 2021 veröffentlichte die Regierung Biden einen Bericht über die US-Lieferketten, in dem die Risiken für die amerikanische Wirtschaft unverblümt dargelegt wurden. Die USA „sind bei der Herstellung von Spitzenchips stark von einem einzigen Unternehmen – TSMC – abhängig“. Zusammen mit geringeren Lieferungen von Samsung „gefährdet dies die Fähigkeit, den aktuellen und künftigen Bedarf an Infrastruktur für die nationale Sicherheit und an kritischer Infrastruktur zu decken“. Die Regierung befürchtet, dass die Fragilität der Halbleiter-Lieferkette „praktisch jeden Sektor der Wirtschaft dem Risiko einer Unterbrechung aussetzt“. Im März 2022 legte das US-Handelsministerium einen strategischen Plan zur Verbesserung der inländischen Fertigungskapazitäten im Allgemeinen und der Halbleiterindustrie im Besonderen vor. Im Rahmen dieser Bemühungen versuchen die USA, die Halbleiter-Lieferkette in Abstimmung mit Südkorea, Japan und Taiwan in einer als „Chip 4“ bezeichneten Gruppierung robuster zu gestalten.

Der Bau einer Halbleiterfabrik dauert etwa zwei Jahre

Die grossen Volkswirtschaften der Welt investieren alle in ihre Kapazitäten zur Chipherstellung. Allerdings dauert der Bau einer Halbleiterfabrik etwa zwei Jahre – vorausgesetzt, das Fachwissen ist vorhanden – und kann bis zu USD 12 Mrd. kosten. Am 9. August unterzeichnete die Regierung Biden das US-Gesetz CHIPS and Science Act zur Förderung neuer und grösserer inländischer Fertigungskapazitäten, von denen unter anderem Intel und Micron Technology Inc. profitieren sollen. Nach Angaben des Weissen Hauses wird das Gesetz dazu beitragen, die Kosten zu senken, die Beschäftigung zu fördern, die Lieferketten zu stärken und China zu kontern. Am selben Tag kündigte Micron eine Investition in Höhe von USD 40 Mrd. an, um bis 2030 in den USA Fertigungskapazitäten für Spitzenchips aufzubauen, deren Finanzierung auf dem CHIPS-Gesetz beruht. Folglich wird es mehrere Jahre dauern, um mithilfe des Gesamtbudgets dieses Gesetzes den Rückstand gegenüber Taiwan und Südkorea allmählich aufzuholen. Das Budget beläuft sich auf USD 52,7 Mrd. und wird über ein Jahrzehnt verteilt. Zum Vergleich: TSMC plant eine Dreijahresinvestition von USD 110 Mrd.

Die Europäische Union schlug ähnliche Gesetze vor, und Japan verabschiedete im Mai 2022 ein Gesetz zur wirtschaftlichen Sicherheit. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, bezeichnete im Februar die Abhängigkeit der EU von einer begrenzten Anzahl ausländischer Exporteure als „inakzeptabel“. Auf die EU entfallen derzeit rund 10% der weltweiten Halbleiterproduktion. Die EU rechnet mit einer Verdoppelung der Nachfrage bis 2030 und plant Investitionen in Höhe von EUR 43 Mrd. in öffentliche und private Initiativen.

China hat sich zum Ziel gesetzt, durch Programme im Rahmen seiner strategischen Initiative „Made in China 2025“ eine Selbstversorgung mit Chips von 80% zu erreichen. Das Land hat Angaben zufolge staatliche Fonds im Wert von fast USD 180 Mrd. eingerichtet und fördert Investitionen in die Produktion mithilfe von Steueranreizen, lokalen Subventionen und Handelshemmnissen. Dadurch wächst Chinas inländische Infrastruktur für die Chipherstellung immer schneller, doch sie hinkt immer noch hinterher. Schätzungen zufolge wurden 2021 nur 16% der Halbleiter Chinas im eigenen Land produziert, und zwei Drittel davon in Zusammenarbeit mit ausländischen Zulieferern.

… dass jede Volkswirtschaft auf das liberale Handelssystem angewiesen bleibt, zumindest vorläufig

Infolge all dieser Initiativen in den USA, Europa und China dürften sich im Laufe der Zeit zwei unabhängige oder „entkoppelte“ Netzwerke für die Halbleiterproduktion herausbilden, denen breitere politische Allianzen zugrunde liegen.

Eine Lehre für die Wirtschaft aus den geopolitischen Spannungen des Jahres 2022 könnte darin bestehen, dass jede Volkswirtschaft auf das liberale Handelssystem angewiesen bleibt, zumindest vorläufig. Die Frage ist, ob die demokratischen Verbündeten ihren technologischen Vorsprung gemeinsam verteidigen und halten können. Zwar kann das Risiko nicht ausgeschlossen werden, dass die Spannungen durch einen militärischen Fehler oder eine Fehlkalkulation bezüglich Taiwan in einen Konflikt umschlagen. Doch wir halten zeitweilige chinesische Militärübungen rund um Taiwan – und nicht eine direkte Konfrontation – für das wahrscheinlichste Szenario. Die Spannungen können eine Lösung in Bezug auf die bestehenden Zölle zwischen den USA und China sowie die Börsennotierung chinesischer Unternehmen an den US-Märkten nur erschweren. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechtfertigt dies weiterhin die politische Risikoprämie, die an den heutigen Finanzmärkten zu beobachten ist.

Wichtige Hinweise.

Die vorliegende Marketingmitteilung wurde von der Bank Lombard Odier & Co AG (nachstehend “Lombard Odier”) herausgegeben. Sie ist weder für die Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung in Rechtsordnungen bestimmt, in denen eine solche Abgabe, Veröffentlichung oder Verwendung rechtswidrig ist, noch richtet sie sich an Personen oder Rechtsstrukturen, an die eine entsprechende

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