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    Ein Bloomberg-Experte über die Veränderungen des Kapitalismus durch den Klimawandel

    Ein Bloomberg-Experte über die Veränderungen des Kapitalismus durch den Klimawandel

    „Schaut man sich als Vordenker die Entwicklungen bei Klima und Wirtschaft an, kommt man nicht umhin festzustellen, dass man sie nicht mehr getrennt voneinander betrachten kann.“ Dies ist die Ansicht von Akshat Rathi, einem Journalisten von Bloomberg, der über Klimathemen berichtet. Zudem untersucht er in seinem Podcast „Zero“ Technologien und Strategien, mit denen wir die weltweiten Emissionen auf null reduzieren können. Sein erstes Buch trägt den Titel „Climate Capitalism: Winning the Global Race to Zero Emissions“. Darin will er deutlich machen, dass es heute wirtschaftlich sinnvoller ist, Klimalösungen zu unterstützen, als sie abzulehnen und zu bekämpfen.

    Das Buch wurde von der britischen Tageszeitung The Times als eines der besten Bücher des Jahres 2023 bezeichnet und von Bill Gates gelobt. In seinem Mittelpunkt stehen Erfolgsgeschichten aus aller Welt zum Thema Nachhaltigkeit. Wir sprachen mit Akshat Rathi über die Kräfte, die den Klimakapitalismus formen, wie Unternehmer Lösungen finden und welche Technologien sich seiner Meinung nach in den kommenden Jahren durchsetzen werden.

     

    Was genau ist Klimakapitalismus, und wie unterscheidet er sich vom traditionellen Kapitalismus?

    Der Kapitalismus der letzten 200 Jahre hat die Kosten der Umweltverschmutzung weitgehend ignoriert. Beim Klimakapitalismus handelt es sich um eine Form des Kapitalismus, auf den dies nicht mehr zutrifft. Der Klimawandel wurde 2006 in einem einflussreichen Bericht als „das grösste Marktversagen aller Zeiten“ beschrieben.1 Aufgrund der von ihm verursachten Schäden könnte das weltweite BIP um 5% bis 20% sinken. Seitdem wurde viel in Bewegung gesetzt, um herauszufinden, mit welchen Mitteln wir dieses Marktversagen korrigieren können.

    Ich denke auch, dass es sich beim Klimakapitalismus eher um eine Teamleistung handelt als beim traditionellen Kapitalismus. Regierungen, Anleger, Privatkapital, kapitalstarke Grossunternehmen und Start-ups mit frischen Ideen: Sie alle müssen zusammenarbeiten, um Lösungen zu finden und in grossem Massstab umzusetzen. Dabei muss es jedoch auch ein gesundes Mass an Wettbewerb geben. Die Märkte haben immer wieder gezeigt, dass sie dazu beitragen, die besten Lösungen, Produkte und Technologien zu identifizieren, während Regierungen manchmal auf die falschen Gewinner setzen. Regierungen haben die Aufgabe, Grenzen festzulegen, um die Märkte in die richtige Richtung zu steuern. Gleichzeitig müssen sie den Märkten aber auch ausreichend Spielraum lassen, damit sie sich natürlich entfalten können.

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    Welche Bedeutung haben für Sie die CO2-Preise bei der Korrektur dieses grössten Marktversagens aller Zeiten? Müssten sie höher, strikter oder weiter verbreitet sein?

    Die meisten Ökonomen glauben, ein globaler CO2-Preis sei die effizienteste Methode, um Emissionen zu reduzieren. Einige sind der Ansicht, der Preis sollte sehr hoch sein, andere meinen, er sollte niedrig sein und schrittweise erhöht werden. Das Schwierige ist die dahinter stehende Politik, die bisher Fortschritte gebremst hat. Doch selbst Länder, die einer CO2-Bepreisung ablehnend gegenüberstehen, erkennen deren Nutzen, wenn andere Länder entsprechende Massnahmen ergreifen.

    Die meisten Ökonomen glauben, ein globaler CO2-Preis sei die effizienteste Methode, um Emissionen zu reduzieren

    Europa ist mit seinem Emissionshandelssystem (EHS) ein gutes Beispiel dafür. Es hat die Ausrichtung der Industrie verändert – die Emissionen durch die Industrie sanken 2022 in der EU um 6,5%,2 obwohl die Industrieproduktion stieg.3 Und das künftige CO2-Grenzausgleichssystem4 der EU wird im Grunde ausländischen Herstellern, die mit CO2-intensiven Produktionsverfahren hergestellte Waren in die EU liefern, entsprechende Zölle auferlegen. Dies hat Indien veranlasst, ein eigenes EHS einzuführen.5

     

    Nach Ihrer Ansicht ist zudem „geduldiges Kapital“ nötig, um die Klimakrise zu bewältigen. Warum ist das so, und gab es so etwas in der Vergangenheit schon einmal?

    Wenn man die Funktionsweise der Wirtschaft eines Landes grundlegend verändern möchte, braucht man geduldiges Kapital, das in der Regel in erster Linie von Regierungen bereitgestellt wird. Dafür gibt es viele Beispiele aus der Vergangenheit. Ein Beispiel aus dem Energiesektor war die Kernkraft in den USA und Frankreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Beide Länder wollten ihre Abhängigkeit von externen Energiequellen verringern und herausfinden, ob die Kerntechnologie auch für positive Zwecke eingesetzt werden könnte. Daher wurden hohe Investitionen mit Blick auf ein langfristiges Ziel getätigt.

    Was sich in den 60 Jahren danach jedoch geändert hat, ist, dass sich heute wesentlich mehr Geld in Privatbesitz befindet. Die privaten Märkte werden immer grösser. Und obwohl Regierungen Kapital und Orientierung bieten können, dürfen wir uns nicht nur auf sie verlassen. Wir müssen Mittel und Wege finden, um privates Kapital einzubeziehen.

    Software ist ein Sektor mit schnellem Zyklus. Viele Anleger haben sich daran gewöhnt, schnell hohe Renditen zu erzielen. Klimatechnologien bergen grössere Herausforderungen, und es dauert länger, bis sie sich bewähren

    Im Software-Bereich spielte privates Kapital eine sehr wichtige Rolle bei der Kommerzialisierung von Technologien. Software ist jedoch ein Sektor mit sehr schnellem Zyklus, sodass viele Anleger sich daran gewöhnt haben, schnell hohe Renditen zu erzielen. Mit Klimatechnologien verhält es sich anders, weil wir es hier mit grösseren physikalischen, chemischen und biologischen Herausforderungen zu tun haben. Deshalb dauert es länger, bis sie sich bewähren. Es gibt jedoch immer mehr Klimafonds, die Milliardenvermögen verwalten – das spricht für sich.

     

    Zwei grosse Vermögensverwalter sind jüngst aus der Initiative Climate Action 100+ ausgestiegen.6 Ist das nach Ihrer Ansicht ein Zeichen dafür, dass Kapital von Natur aus ungeduldig ist?

    Ich glaube, das Kapital hat momentan etwas Angst vor der Politik. Kapital ist gegenüber der Politik immer sehr sensibel, denn es weiss, dass jede politische Veränderung enorme Auswirkungen haben kann. Zudem ist Kapitalismus meist von Natur aus recht konservativ, weshalb er nur schwer dazu veranlasst werden kann, etwas völlig Neues zu tun. Der Klimawandel zwingt den Kapitalismus zur Veränderung. Schaut man sich als Vordenker die Entwicklungen bei Klima und Wirtschaft an, kommt man nicht umhin festzustellen, dass man sie nicht mehr getrennt voneinander betrachten kann. Sie sind vollständig miteinander verwoben und werden das auch weiterhin sein, ganz gleich, ob die Massnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels verstärkt oder reduziert werden.

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    Apropos Politik: 2024 stehen enorm wichtige Wahlen an, die grosse politische Veränderungen mit sich bringen könnten. Sind kurze Wahlzyklen im Grunde unvereinbar mit dem langfristigen Denken, das wir für den Klimawandel brauchen?

    In der aktuellen Klimapolitik ist ein bestimmtes Mass an längerfristigem Denken enthalten. Das heisst, die Politik kann zwar die Fahrt verlangsamen, aber ich glaube nicht, dass sie die Fahrtrichtung ändern kann. Die grosse Frage ist nun, wie schnell Fortschritte erzielt werden.

    Nehmen Sie den „Inflation Reduction Act“ (IRA) in den USA, der über zehn Jahre Steuervergünstigungen bietet und sich über drei Wahlzyklen erstreckt. Viele republikanische Bundesstaaten profitieren am meisten von diesem Gesetz.7 Daher ist es unwahrscheinlich, dass das Gesetz bei einem Wahlsieg Donald Trumps vollständig zurückgenommen wird. Seine Umsetzung könnte vielleicht verlangsamt werden, aber eine vollständige Aufhebung ist nicht zu erwarten.

    Die Politik kann zwar die Fahrt verlangsamen, aber ich glaube nicht, dass sie die Fahrtrichtung ändern kann. Die grosse Frage ist nun, wie schnell Fortschritte erzielt werden

    Dasselbe trifft auf die Wahlen zum EU-Parlament in diesem Jahr zu. Ein Worst-Case-Szenario geht noch immer davon aus, dass die Europäische Volkspartei die Mehrheit behält.8 Die Dinge würden sich dann nicht vollständig ändern. Der Europäische Green Deal ist auf äusserst langfristiges Denken ausgerichtet und wird nicht verschwinden. Es wird immer ein Hin und Her geben. Aber ich glaube, die Ziele und die Ausrichtung werden langfristig Bestand haben.

    In China und Indien ist die Richtung klar. Das politische System Chinas ist vollständig darauf ausgerichtet, in grossem Massstab umweltfreundliche Technologien zu produzieren, damit China die ganze Welt damit beliefern kann. In Indien geht Premierminister Modi denselben Weg. Klimatechnologie stellt für Indien eine Möglichkeit dar, seinen neuen wirtschaftlichen Status in die Welt zu tragen. Indien sieht zudem Chinas angespannte Beziehung zu den USA und der EU als Chance, zu einem globalen Fertigungszentrum für erneuerbare Technologien zu werden.

     

    In Ihrem Buch sprechen Sie über die Anreize, die Indien zur Förderung von Batterie- und Solartechnologien eingeführt hat, und wie dies zu einem Boom in beiden Bereichen führte. Sehen Sie momentan in anderen Ländern ähnliche Entwicklungen bei anderen Technologien?

    Die Ausgangsbedingungen für die Nutzung der Solartechnologie waren in Indien schon immer gegeben, sie gewann jedoch erst an Bedeutung, als sie in den 2010er-Jahren wirtschaftlicher wurde. Damals begann die Politik, sie zu unterstützen, und Unternehmer folgten dem Trend, um von preisgünstigeren Solarmodulen zu profitieren. Alle drei Komponenten mussten zusammenkommen, um das Potenzial zu erschliessen. Dasselbe geschieht gerade in Vietnam: Starke Unterstützung seitens der Politik und engagiertes Unternehmertum sorgen gemeinsam dafür, dass das Wachstum der Solartechnologie eines der schnellsten weltweit ist.

    Thailand geht einen ähnlichen Weg, jedoch im Fahrzeugbereich. Durch die Fertigung traditioneller Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor wurde das Land zum „Detroit Asiens“, und viele japanische Hersteller unterhalten hier Produktionsstätten. Autos machen 10% der thailändischen Exporte aus, und Thailand hat erkannt, dass es auf Elektrofahrzeuge umsteigen muss, um dieses Absatzniveau zu halten. Daher hat das Land sich zum Ziel gesetzt, bis 2030 30% der gesamten Autoproduktion auf Elektrofahrzeuge umzustellen. Dies wiederum veranlasst zahlreiche Unternehmen, sich dort niederzulassen.

    Indonesien verfügt über viele Mineralien, die für die Energiewende benötigt werden. Das Land förderte und exportierte jedoch hauptsächlich Roherze, bis die Regierung es sich zur Aufgabe machte, die Wertschöpfung aus diesen Mineralien und der Energiewende zu steigern. Sie legte fest, wie viel Erz vor dem Export verarbeitet werden muss. Das hat nicht nur wirtschaftlichen Nutzen gebracht, sondern es spornt das Land auch an, auf saubere Energie und Elektrofahrzeuge umzusteigen. So ist ein positiver Wirkungskreislauf entstanden.

     

    Welche Entwicklung wird nach Ihrer Ansicht für die Energiewende bis 2030 am bedeutsamsten sein?

    Elektrofahrzeuge – dieser Sektor wird enorme Auswirkungen haben. Erdöl könnte seinen Zenit früher als erwartet erreichen. Das wird erhebliche geopolitische Veränderungen nach sich ziehen und unser Denken über sehr viele Dinge verändern. Im letzten Jahrhundert haben sich enge Verbindungen zwischen Öl und Macht entwickelt, die nicht so einfach verschwinden werden. Wenn die Nachfrage nach Öl jedoch ihren Höhepunkt erreicht, wird dies das globale Narrativ grundlegend verändern. Nach Einschätzung der Internationalen Energieagentur9 werden wir diesen Punkt noch in diesem Jahrzehnt erreichen.

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    Sie beschreiben CO2-Abscheidung und -Speicherung (Carbon Capture and Storage, CCS) als entscheidend für die Emissionswerte, weil wir bislang so langsam gehandelt haben. Sollen diese Techniken als vorübergehendes Pflaster dienen, bis wir bessere Optionen gefunden haben, oder sollen sie eine langfristige Lösung sein?

    Wenn wir auf die Lösung der Klimakrise nur eine Antwort haben, sind wir in einer schwierigen Lage. Wenn wir mehrere Optionen haben, stehen unsere Chancen besser, und mit der CO2-Abscheidung steht uns eine zusätzliche Option zur Verfügung. Sie ist eine Art Versicherung für bestimmte Sektoren, solange diese nach besseren Lösungen suchen, jedoch keine Antwort auf die Frage, wie sie ihre Emissionen reduzieren können.

    Zudem ist die CO2-Abscheidung für viele Regierungen attraktiv, weil sie Schwierigkeiten haben, ihre Klimaziele zu erfüllen. Das spornt Unternehmer an, unterschiedlichste Ideen für die CO2-Bindung zu entwickeln. Eine davon ist das Vergraben von Holz mit dem darin absorbierten CO2 in stark salzhaltigen Böden10 – ähnlich wie beim Versenken eines Schiffs im Meer.

    Zudem ist die CO2-Abscheidung für viele Regierungen attraktiv, weil sie Schwierigkeiten haben, ihre Klimaziele zu erfüllen. Das spornt Unternehmer an, unterschiedlichste Ideen für die CO2-Bindung zu entwickeln

    Technologien wie CCS sind keine Antwort auf das Klimaproblem, aber ohne Technologie gibt es gar keine Antworten. Viele der anstehenden Probleme existieren, weil wir und unsere Wirtschaftssysteme bisher keine Lösungsmöglichkeiten dafür entwickelt haben. Ein Beispiel dafür ist Zement. Die Produktionsverfahren und Materialien sind seit 200 Jahren dieselben, weil es für uns keinen wirtschaftlichen oder anderen Grund gab, sie zu ändern. Nun liefert uns das Klima einen Grund. Also denken wir zunehmend über Lösungen für das Problem der Zementproduktion nach, und es werden unzählige Ideen vorgelegt. Es gab also auch in der Vergangenheit schon ganz viele Möglichkeiten für Innovationen, aber niemand hat sie in Angriff genommen.

     

    The Economics of Climate Change: The Stern Review – Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment (lse.ac.uk)
    COM_2023_654_1_EN_ACT_part1_CMR+SWD.pdf (europa.eu)
    3 ef6587fe-3193-8228-fde9-f8099690c743 (europa.eu)
    CO2-Grenzausgleichssystem – Europäische Kommission (europa.eu)
    Implications-of-carbon-credit-trading-scheme-in-indias-net-zero-strategy.pdf (ceew.in)
    JPMorgan and State Street quit climate group as BlackRock scales back (ft.com)
    Republican districts dominate US clean technology investment boom (ft.com)
    Right wing set for big gains in 2024 EU election, polling shows – POLITICO
    Global Oil Demand to Reach Its Peak This Decade, IEA Says – Bloomberg
    10 Carbon sequestration via wood burial | Carbon Balance and Management | Full Text (biomedcentral.com)

    Wichtige Hinweise.

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