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    Auswirkungen des Israel-Hamas-Kriegs für globale Anleger

    Auswirkungen des Israel-Hamas-Kriegs für globale Anleger
    Samy Chaar - Chefökonom und CIO Schweiz

    Samy Chaar

    Chefökonom und CIO Schweiz
    Jianwen Sun - Quantitative Investment Strategist

    Jianwen Sun

    Quantitative Investment Strategist

    Kernpunkte

    • Die Marktreaktion auf den Konflikt beschränkt sich bislang auf geringfügige Bewegungen bei Vermögenswerten, die als sicherer Hafen gelten. Künftige finanzielle Auswirkungen hängen von den Eskalationsrisiken und möglichen Anpassungen des Rohölangebots ab.
    • Wir präsentieren Ölmarktszenarien, wobei wir keine bedeutenden Folgen für die Ölproduktion erwarten. Die Rohölpreise dürften in den kommenden Monaten um USD 90 pro Barrel notieren.
    • Mögliche Unterbrechungen der Handelsströme hätten weitreichende Konsequenzen, etwa im Falle einer Zunahme der Spannungen um die Strasse von Hormuz.
    • Solange der Konflikt lokal begrenzt bleibt, halten wir an der aktuellen, vorsichtigen Anlagestrategie fest. Wir bevorzugen erstklassige Anleihen sowie den USD und bleiben in Aktien und Gold neutral positioniert.

    Die künftigen Marktauswirkungen der tragischen Ereignisse in Israel und Gaza hängen weitgehend davon ab, ob der Konflikt eskaliert und welche Folgen er für die weltweite Ölproduktion hat. Der menschliche Tribut, den der Konflikt fordert, ist entsetzlich. Finanzanlagen haben bisher nicht alarmierend auf die Geschehnisse seit dem 7. Oktober reagiert, aber aufgrund der geopolitischen Volatilität muss die Situation genau beobachtet werden.

    Die Reaktion von Vermögenswerten, die als sicherer Hafen gelten und bei grösseren geopolitischen Krisen gewöhnlich als Erste Ausschläge verzeichnen, war unterschiedlich. Die Renditen zehnjähriger US-Staatsanleihen sind leicht gestiegen. Der US-Dollar notiert gegenüber einem Währungskorb weitgehend unverändert und hat gegenüber dem Schweizer Franken etwas nachgegeben. Letzterer wiederum hat gegenüber dem Euro zugelegt. Gold hat einen deutlicheren Anstieg von rund 8% in USD verzeichnet.

    Für die Finanzmärkte hängt das weitere Geschehen von zwei Aspekten ab: davon, ob der Konflikt stark eskaliert und ob es zu grösseren Störungen bei der Energieversorgung zwischen dem Nahen Osten und dem Rest der Welt kommt. Wir erwarten, dass der Konflikt lokal begrenzt bleibt. Doch das Risiko einer Eskalation bleibt hoch, und wir beobachten die Situation weiterhin genau.

    Für die Märkte hängt das weitere Geschehen von zwei Aspekten ab: davon, ob der Konflikt eskaliert und ob es zu grösseren Störungen bei der Energieversorgung kommt

    Die regionale Diplomatie, einschliesslich der Normalisierung der Beziehungen zwischen Israel und den arabischen Ländern und einer Erweiterung der Abraham Accords, scheint vorerst auf Eis zu liegen. In Israel dürften Störungen bei den Verbraucherausgaben, im internationalen Handel und auf dem Arbeitsmarkt im vierten Quartal zu einer Kontraktion von etwa 1,0% bis 1,5%1 führen. Das Land kann indessen die Stabilität seines Finanzmarkts aufrechterhalten – dies dank Währungsreserven von USD 199 Mrd. bzw. 38% des nominalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2022. Die robusten Aussenbilanzen sind das Ergebnis von zwei Jahrzehnten mit Leistungsbilanzüberschüssen und einer disziplinierten makroökonomischen Politik.

    Die regionalen Volkswirtschaften und Aktienmärkte werden natürlich von den Ereignissen vor Ort beeinflusst. Israels Wirtschaft ist mit USD 490 Mrd. grösser als die seiner unmittelbaren Nachbarn: In Ägypten belief sich das BIP 2021 auf USD 404 Mrd., in Jordanien auf USD 45 Mrd., in Libanon auf USD 23 Mrd. und in Syrien auf USD 11 Mrd. Die tragische jüngste Geschichte von Gewalt und Konflikten hat in den letzten Jahrzehnten globale Investitionen und Handelsflüsse in die Region geschmälert und deren Einfluss auf den Weltmärkten limitiert. Da der US-Dollar-Wert des BIP von Israel, Ägypten, Jordanien, Libanon und Syrien insgesamt etwa USD 1,1 Bio. oder rund 4% der US-Wirtschaft entspricht, dürften die globalen makroökonomischen Auswirkungen begrenzt bleiben.

     

    Ölszenarien

    Die bisherigen Auswirkungen auf die Ölpreise – ein Anstieg von rund 8% – sind deutlicher als jene auf Vermögenswerte, die als sicherer Hafen gelten. In unserem Basisszenario erwarten wir weiterhin, dass der Konflikt den Status quo der Ölproduktion in der Region nicht verändert. Wir gehen davon aus, dass die Ölpreise in den kommenden Monaten um USD 90 pro Barrel oder leicht höher notieren. Gründe sind ein weltweit knappes Angebot, niedrige Lagerbestände und eine robuste Nachfrage, wobei eine Verlangsamung in den Industrieländern durch eine solide Nachfrage in den Schwellenländern, einschliesslich China, ausgeglichen wird.

    Allerdings gibt es Szenarien, in denen die Ölförderung beeinträchtigt werden könnte. Dazu gehören Vergeltungsmassnahmen in Form von Produktionskürzungen und/oder Embargos der Erdöl produzierenden Staaten, wie 1973. Wir halten dies für unwahrscheinlich. Solche Gesten würden eine neue strategische Ordnung in der Region signalisieren. Zudem wäre ein zusätzlicher grosser Angebotsschock bei Erdöl und Erdgas für US-Schieferölproduzenten ein Anreiz, ihre Kapazitäten und ihren Marktanteil auszubauen. Dies würde den anfänglichen Volumenschock möglicherweise nur teilweise kompensieren, während sich die weltweite Nachfrageverlagerung hin zu erneuerbaren Energien und Elektrofahrzeugen beschleunigen würde.

    Wir gehen davon aus, dass die Ölpreise in den kommenden Monaten um USD 90 pro Barrel oder leicht höher notieren

    Darüber hinaus könnte das iranische Ölangebot vermehrt überprüft und mit weiteren von den USA angeführten Sanktionen belegt werden. Irans Ölangebot ist 2023 stetig gestiegen und liegt nun bei über 3 Mio. Barrel pro Tag (mbpd). Die Sorge über diese Ölquelle dürfte der Hauptgrund sein für die Aufwärtsbewegung der Rohöl-Futures-Kurven seit dem 6. Oktober. Doch in einem Szenario, in dem 0,5 bis 1,0 mbpd des iranischen Ölangebots wegfallen, dürften unseres Erachtens Saudi-Arabien oder die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) das Defizit ausgleichen. Saudi-Arabien und die VAE verfügen über Kapazitätsreserven von rund 4 mbpd bzw. 0,8 mbpd. Sie dürften durch ihr Einschreiten die Ölpreise stabilisieren und das Risiko einer dauerhaften Nachfragevernichtung verringern.

    Lesen Sie auch: Öl und mehr – die Golfstaaten auf dem Weg zu neuen Horizonten

    Eine Eskalation mit höherem Risiko könnte darin bestehen, dass Iran den Handel durch die Strasse von Hormuz unterbricht. Durch die Strasse von Hormuz werden rund ein Fünftel des weltweiten Erdöls (etwa 21 mbpd), der grösste Teil der Rohölexporte Saudi-Arabiens und ein Drittel des weltweiten Flüssigerdgases (LNG) transportiert. 2019 wurden Öltanker bei der Durchfahrt durch die 55 Kilometer schmale Meerenge, die Iran von der Arabischen Halbinsel trennt, angegriffen. Die Folge waren erhöhte Spannungen und Preisausschläge.

    In Ägypten könnten die für Dezember geplanten Präsidentschaftswahlen für Instabilität sorgen, möglicherweise wenn eine Flüchtlingskrise an der Landesgrenze einen politischen Tribut fordert. Ein potenzieller logistischer Engpass ist auch der Suezkanal, der anfällig bleibt. Über den Kanal, der das Rote Meer mit dem Mittelmeer verbindet, werden rund 12% des Welthandelsvolumens und 30% des weltweiten Containerverkehrs abgewickelt.

    Auch der Erdgasmarkt muss im Auge behalten werden. Der Nahe Osten lieferte 2022 rund 18% des weltweiten Erdgases, wobei 6,3% auf Iran, 5% auf Katar und 0,5% auf Israel entfielen. Es gab bereits kleinere Produktionsunterbrechungen: Die israelische Regierung forderte die Chevron Corporation auf, die Arbeiten auf dem Tamar-Gasfeld 80 Kilometer vor der israelischen Küste aus Sicherheitsgründen einzustellen. Dieses Feld lieferte 2022 etwa 1,5% des weltweiten LNG. Bliebe es geschlossen, würde dies die Versorgung Nordwesteuropas im vierten Quartal 2023 um knapp 3% schmälern. Dadurch würde der Gasmarkt im Falle anderer Angebotsschocks oder eines wider Erwarten kalten Winters in Europa anfälliger.

    Solange der Konflikt lokal begrenzt bleibt, halten wir an der aktuellen, vorsichtigen Anlagestrategie fest

    Vorsicht angesichts der zunehmenden geopolitischen Volatilität

    Die geopolitischen Risiken sind aufgrund des Konflikts gestiegen. Dies verstärkt den Druck auf eine Weltwirtschaft, in der sich die Lieferketten und Handelsblöcke zwecks Berücksichtigung strategischer Allianzen bereits im Wandel befunden haben. Im Allgemeinen führen die Anpassungen zu einer Verringerung der durch die Globalisierung erzielten Effizienzgewinne und verstärken den Inflationsdruck. Wir behalten diese Risiken und die zugehörige Entwicklung im Auge.

    Solange der Konflikt lokal begrenzt bleibt, halten wir an der aktuellen, vorsichtigen Anlagestrategie fest. Wir bevorzugen erstklassige Anleihen, darunter US-Staatsanleihen, und den US-Dollar, während wir in Aktien und Gold neutral positioniert sind.


     

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